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Heiligabend 2004
Liebe Gemeinde am Heiligabend, es ist schön, wenn man an einem Abend wie heute zusammenkommen kann. Es ist dies der Abend auf den wir lange gewartet haben, der Abend, an dem wir endlich zusammenkommen, in den Familien, zusammenkommen auch hier in der Kirche, weil wir gemeinsam diesen Heiligen Abend beginnen wollen. Gemeinsam wollen wir uns des Anfangs vergewissern, wie es war damals als die bekannten Personen zusammenkamen im Stall von Bethlehem, wie uns die Bibel erzĂ€hlt. Die VolkszĂ€hlung des Kaiser Augustus brachte sie zusammen. Maria und Josef, die Engel, die Hirten und Ochs und Esel - und spĂ€testens jetzt - bei der ErwĂ€hnung der Tiere und natĂŒrlich der Engel, wird deutlich, dass da viel mehr zusammenkam als ein Kaiser befehlen kann.
Die Heiligen drei Könige lieĂen sich vom Wunderstern am nĂ€chtlichen Himmel nach Bethlehem rufen. Am Heiligenabend kommt mehr zusammen als nur eine zufĂ€llige Schar von Menschen. Auch in den Weihnachtszimmern spĂŒren wir dies. Zu unseren Familien gesellt sich etwas, das wir nicht vorbereiten konnten. Wir spĂŒren die NĂ€he Gottes. Von dem Kind in der Krippe geht sie aus. Aber wir spĂŒren sie auch in den Gesichtern der anderen, in Worten und Gesten, auch in den Geschenken und allem, was fĂŒr heute Abend vorbereitet wurde. Da ist die Liebe spĂŒrbar, die wir so dringend zum Leben brauchen, Gottes Liebe und Menschen Liebe in einem. Die Zusammenkunft damals in Bethlehem um die Krippe im Stall und alle ZusammenkĂŒnfte heute Abend in unseren HĂ€usern sind gesegnet mit einer Erfahrung, die Gott der Welt geschenkt hat.
Es ist die Erfahrung einer liebevollen GrenzĂŒberschreitung.
Nur wo Grenzen ĂŒberschritten werden, kann man zusammenkommen. Andernfalls bleibt jeder fĂŒr sich in der KĂ€lte furchtsamer Absicherung des Eigenen oder in der Verlassenheit eines einsamen Heiligabends. Gott ĂŒberschreitet die Grenze zum Menschen. Das ist der Anfang in jener Nacht in Bethlehem: Eine liebevolle, zĂ€rtliche, fĂŒrsorgliche und behutsame GrenzĂŒberschreitung, bei der der AllmĂ€chtige sich als Kind den Menschen in den Arm legt. Danach verlassen die Hirten ihre HĂŒrden und die Engel die Grenzen des Himmels. Das kaiserliche Gebot reicht lĂ€ngst nicht mehr zur ErklĂ€rung dieses Aufbruches. Himmel und Erde kommen zusammen um niemals wieder getrennt zu werden. Deshalb heiĂt diese Nacht âheiligâ weil Gott in ihr zur Welt gekommen ist. Und in dieser GrenzĂŒberschreitung liegt der Zauber der Religion. In dieser göttlichen GrenzĂŒberschreitung und in allen GrenzĂŒberwindungen, die daraufhin folgten, liebevoll, zĂ€rtlich und behutsam. Deshalb ist es das Wesen unserer Religion Grenzen anzufragen, herauszufordern und wo möglich, liebevoll zu ĂŒberschreiten. Nicht jene Grenzen, die Menschen zu ihrem Schutz brauchen: PrivatsphĂ€re, IndividualitĂ€t, das Eigene soll niemandem genommen werden, Grenzen sind wichtig, wo sie Leben Schutz bieten.
Religion ist GrenzĂŒberschreitung jener Schranken, die schmerzhaft von einander trennen. So wie die Hirten auf den Feldern Bethlehems getrennt leben vom Tempel in Jerusalem, der den Priestern vorbehalten ist, oder wie die Machtgier des Herodes ihn trennt von den menschlichen Möglichkeiten, die seine Königsherrschaft auch gehabt hĂ€tte.
Gott baut diese Grenzen ab und begrĂŒndet damit unsere Sehnsucht nach Unendlichkeit und Ewigkeit. Damit, dass er das Kind in der Krippe seinen Sohn nennt, nimmt Gott auf, was dem Abraham, Mose und den Propheten GrenzĂŒberschreitend angekĂŒndigt war. SpĂ€ter, wenn der hingerichteten Jesus zu neuem Leben erweckt wird, fĂ€llt die furchtbare Grenze des Todes, an der unser Leben zu zerbrechen scheint. Gottes Lebenslauf verbindet sich mit dem unsrigen. Grenzen des menschlich Vorstellbaren werden ĂŒberwunden. Jedes Wort, das Angehörige tröstet, lebt von Gottes Grenzabbau. Wo Menschen einfĂŒhlsam, behutsam, aufmerksam aufeinander zu gehen, lassen sie ihre Religion zu Wort kommen. Es ist ein zutiefst religiöser Vorgang, wenn ich mich gespannt, aufgeschlossen und vorurteilsfrei fĂŒr das Leben meiner Nachbarn interessiere. Teilnahme, auch kritische Anteilnahme ist eine Form meiner Religion. Alle groĂen Religionen, nicht nur das Christentum, wissen um jene tiefe Sehnsucht, die alle Völker in Frieden verbunden sieht. Das eint uns. Wir Christen sagen: Das Kind in der Krippe macht alle Menschen zu Schwestern und BrĂŒdern. Glaube schafft Gemeinschaft ĂŒber alle Grenzen hinweg. Niemals konnte man dies so direkt erleben wie heute.
Mit den Heiligen drei Königen bangen wir um den Frieden im Morgenland. Familien, die ihre Kinder vor den heutigen Herodesen in Sicherheit bringen mĂŒssen, bitten Asyl in unserer Nachbarschaft. Wenn Religion das Begegnen von Menschen ist, die Zusammenkunft der BrĂŒder und Schwestern des Kindes in der Krippe, dann sind die Chancen und Möglichkeiten fĂŒr solche religiöse Praxis heute so groĂ wie noch nie.
In diesem Sinne leben wir in einem zutiefst religiösen Zeitalter
- tĂ€glich ĂŒberschreiten wir unzĂ€hlige Grenzen:
- jede Urlaubsreise
- jeder Besuch eines Wochenmarktes,
- jedes Essen in einem auslÀndischen Restaurant,
- jede e-mail
- jeder Blick ins Internet
- jede fremde Musik
- oder die Begegnung ĂŒber den Gartenzaun mit den Nachbarn ist praktizierte Religion, wenn sie im Sinne des Gottes geschieht, der zu Weihnachten und dann immer wieder Grenzen zwischen Menschen abgebaut hat. Liebevoll, respektvoll, voller Achtung fĂŒr den anderen, als Menschenkind kommt der AllmĂ€chtige zur Welt, fĂŒhrt Himmel und Erde zusammen, Engel und Hirten und sogar mit Ochs und Esel die Welt der Tiere. Grenzen ĂŒberwinden gehört zur Religion, durch die Leben befreit und schmerzhaft Getrenntes wieder zusammen kommt. Deshalb ist diese Nacht so besonders. Es liegt ein Segen auf ihr, weil wir uns bemĂŒhen, den Spuren Gottes in dieser Welt zu folgen.
Wie viele Grenzen wurden ĂŒberschritten damit wir heute am Heiligabend hier zusammen kommen können! Auch in den Familien ist es nicht immer einfach. Was zwischen uns stand musste ĂŒberwunden werden. Vergessen wird, was belastete. Grenzen der MĂŒdigkeit fallen von uns, alle Vorbereitung galt dieser heiligen Nacht. Und wir werden beschenkt mit dem Mut zu sagen, was viel zu oft ausbleibt: âDanke, du, ich hab dich lieb.â Wir beginnen den Heiligabend dort, wo Gott uns hinstellt, vereint um das Kind in der Krippe, vor Gott als Gemeinschaft gesegnet. Wir tragen diesen Segen in unsere HĂ€user und zu den Menschen, mit denen wir zusammenkommen.
Segen sei mit euch
und Friede
von Gott,
der uns in seiner Menschheit
liebvoll
zusammen hÀlt.
Amen.
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4. Adventssonntag
19. Dezember 2004
Lukas 1, 26 - 38
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
zu Beginn und am Ende der biblischen Weihnachtsgeschichte ist von einer jungen Frau die Rede: Maria, dem MĂ€dchen aus Nazareth, der Mutter Jesu.
Der Mutter: vielleicht liegt es daran, dass alle Kindlichkeit, alle Jugend, alle Zartheit in dieser Geschichte bei dem Krippenkind gesucht wird, dass Maria so sehr die Mutter wird und, dass so wenig bleibt am Ende der Geschichte von dem jungen MĂ€dchen fast selbst noch ein Kind, das zu Beginn sich auf den Weg macht, mit ihrem Verlobten Josef, in fast allen Darstellungen ein Mann mit langem Bart, den die Vaterpflichten sichtlich altern lieĂen, dem Teenager â warum sollte er ein Greis gewesen sein?
Die Eltern Jesu junge Leute aus Nazareth, verliebt, einander versprochen und in ihrer Liebe rĂŒckhaltsloser, direkter, hingebungsvoller, als es die Konventionen gut hieĂen.
So stelle ich mir Maria und Josef vor â bis zur Geburt ihres Kindes in Bethlehem, dann drĂ€ngen mir unzĂ€hlige Darstellungen das Bild eines gesetzten Ehepaares auf.
Hat die Geburt des ersten Kindes sie so verĂ€ndert? NatĂŒrlich hat sie das. Jetzt sind sie zu dritt, eine Familie, da sind die besonderen UmstĂ€nde, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus in einem Elternhaus aufgewachsen sein soll, in dem die Verantwortung Vater und Mutter erdrĂŒckte. Ganz im Gegenteil: UnzĂ€hlige Legenden erzĂ€hlen, wie die Heilige Familie
- in Bethlehem, der Vater ein arbeitloser Handwerker
- auf der Flucht in Ăgypten asylsuchend
- spĂ€ter in Nazareth die schweren Jahre der ExistenzgrĂŒndung,
mit vielen Problemen konfrontiert, ganz und gar nicht ratlos oder hilfesuchend waren. Immer wieder machten sie die Erfahrung, dass auch dort, wo es ausweglos zu sein scheint, eine Lösung sich anbietet, eine Möglichkeit eingerĂ€umt wurde. Kann man anders fĂŒr eine Familie, fĂŒr ein Kind leben, als mit diesem unverwĂŒstlichem Gottvertrauen, dass eben nicht alles vorhergeplant, abgesichert und entspannt zugeht, dass eben nicht alles an uns hĂ€ngt, den Eltern,
dem Kindergarten, der Schule ...Wir sind in Deutschland dermaĂen auf institutionalisierte Sicherheit fixiert, dass dieses Gottvertrauen weitestgehend unbekannt ist.
Die Weihnachtsgeschichte beginnt damit, dass ein junges MĂ€dchen in das Wagnis einwilligt, Mutter zu werden und in einem Atemzug damit ihr Gottvertrauen ausdrĂŒckt. Maria sagt zu dem Engel, der ihr zum alterersten Mal von dem Kind spricht: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.
Der Predigttext fĂŒr den heutigen 4. Adventssonntag ist die ErzĂ€hlung von der AnkĂŒndigung der Geburt Jesu aus dem 1. Kapitel des Lukasevangeliums: (Lk 1,26-38)
Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in GalilĂ€a, die heiĂt Nazareth,
zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieĂ Maria.
Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrĂŒĂt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
Sie aber erschrak ĂŒber die Rede und dachte: Welch ein GruĂ ist das?
Und der Engel sprach zu ihr: FĂŒrchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden.
Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebÀren, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.
Der wird groà sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
und er wird König sein ĂŒber das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.
So beginnt die Geschichte der Geburt Jesu damit, dass eine junge Frau sich
erstmals ihrer Schwangerschaft bewusst wird ; - und damit, dass sie einwilligt,
sie, die doch erst Verlobte, einwilligt in das Wunder des Liebe, das Kind annimmt, als Gabe Gottes und damit unbefangen ausdrĂŒckt, dass Gottes Gnade durch keine bĂŒrgerlichen Konventionen einzuengen ist. Mit solchen Konventionen haben wir heutzutage weniger Schwierigkeiten, mehr wohl mit der spontanen Freude, ĂŒber ein Kind, das nicht geplant, nicht abgesichert, dazwischen kommt. So ist die Weihnachtsgeschichte auch die Geschichte
einer zunĂ€chst nicht unproblematischen Elternschaft. Aus dem GesprĂ€ch Marias mit dem Engel erfahren wir von ihrer Furcht, ihrem Erschrecken, ihren Zweifeln, wie kann das geschehen sein? Genauso abwegig und ungewohnt wie die Vorstellung, dass sie, Maria, Mutter werden soll, ist ihr der Gedanke: er, Josef, werde nun Vater, unvorstellbar, das ist zuviel, zu groĂ, ein Wunder: neues Leben durch uns, neues, verĂ€ndertes, ganz anderes Leben auch fĂŒr uns. Wir haben Anteil am Geheimnis des Lebens, so nah kommt uns Gott, dass es uns mit hineinnimmt in seine Schöpferkraft.
Ganz viel Freude und Ăberraschung und unglĂ€ubiges Staunen spĂŒre ich in den Worten Marias und dankbar die Feststellung: Unser Kind ist ein Geschenk des Schöpfers, weil sein Geist es schuf wird es âheiligâ genannt. Gott ist sein Vater,
wie er unser Vater ist. GlĂŒck spĂŒre ich in Marias Gedanken und dann erst auch
Zweifel und Sorge allerdings um das Kind nicht wegen des Kindes. Maria denkt an die Zukunft ihres Sohnes: was wird aus ihm werden? Woher nehme ich die Kraft zu all dem, was auf mich zu kommt? Und immer wieder der Gedanke an Gott. Er ist mir gnÀdig. Sein Geist wird mir helfen. Seine Kraft wird bewirken, was ich nicht leisten kann.
Am Ende der Weihnachtsgeschichte, als Schwangerschaft und Geburt geschehen sind, die ĂŒberstĂŒrzenden Ereignisse jener Nacht endlich zur Ruhe finden, gelingt uns noch einmal ein Blick in die Gedanken Marias: âMaria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.â
So ist sie keineswegs nur passiv, Maria, die in ihr Schicksal ergebene Gottesmutter. Neben all dem, was zur Vorbereitung der Geburt unter schwierigsten Bedingungen ihr Teil der MĂŒhen war und wovon keine biblische Darstellung spricht, neben monatelanger Last und Geburtswehen, erfahren wir einiges von dem was in ihr und an ihr arbeitet und sie verĂ€ndert. Martin Luther nannte Maria ein Vorbild des Glaubens. Sie klagt nicht, hadert nicht mit ihrem Schicksal, sondern tut das Ihre im Vertrauen, dass Gott das Seine hinzugeben wird.
An Maria wird mir besonders deutlich, wie AktivitĂ€t und PassivitĂ€t zusammen gehören, wie alles Vorbereiten und planen, alles machen â auch eines groĂen Festes â an seine Grenzen kommt â wo menschliches MĂŒhen dann auf den Segen Gottes angewiesen ist. Zu Weihnachten wollen wir einander Freude machen und werden sie doch nur erleben, wenn wir bereit sind, sie uns schenken zu lassen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sehen der Zukunft mit groĂer Ungewissheit und Unsicherheit entgegen. Nicht nur was aus unseren Kindern wird, was wird aus Familien, aus Menschen ohne Arbeit ... ?
Maria kann die Ungewissheit, die verhĂŒllte Zukunft ihres Kindes nur ertragen,
weil sie im GesprÀch mit dem Engel die Gewissheit bekommt, Gott wird die Zukunft dieses Kindes und der Menschheit sein. So wie Gott das Kind der Maria nicht verlassen wird, so bleibt er in und durch Jesus bei uns allen, im Leben und im Sterben. Und in allem Dunklen und Schweren, das die Zukunft bringen kann.
Viel spĂ€ter findet das vertrauensvolle âJaâ der Mutter zum Wunder der Geburt ihres Kindes seine Fortsetzung im âJaâ des Sohnes zu seinem leidvollen Weg ans Kreuz auf Golgatha. Es ist das vertrauensvolle, trostreiche âJaâ fĂŒr Gott,
zu dem Menschen gelangen können, wenn sie entdecken, wie unauflöslich ihr Leben in der ganzen FĂŒlle der Ewigkeit mit dem Leben und der Liebe Gottes verbunden ist.
In einer Gesellschaft, in der allerdings Glaubensgewissheiten zur schamvoll verborgenen PrivatsphÀre gehören und nur finanzielle Errungenschaften zur Schau gestellt werden, verzweifeln die Opfer des Materialismus.
Im âJaâ der Maria zur Geburt ihres Kindes, schwingt ganz viel Lebensfreude
und Freude am neuen Leben und am sich verĂ€ndernden Leben mit. Ich möchte mich von dieser Freude anstecken lassen. Wir sollten uns von schwieriger werdenden Bedingungen nicht erdrĂŒcken lassen. Es gibt so viel Positives zu sehen, in dem Gott die Möglichkeit fĂŒr den nĂ€chsten Schritt schon angelegt hat.
Wir können von der Weisheit der Maria lernen, AktivitÀt und PassivitÀt in ein gutes VerhÀltnis zu bringen. Ich möchte von Herzen das Weihnachtsfest vorbereiten, aber dann auch zur Ruhe kommen und mich mit dem Frieden des Festes beschenken lassen. Und ich möchte, wie Maria, auf die Liebe trauen.
Die Liebe Gottes und die Liebe meiner Mitmenschen. Da wird kein Geschenkt fĂŒr mich sein, in dem nicht ein FĂŒnkchen, ein versteckter Hauch ehrlicher Liebe liegt.
Und da ist das Geschenk Gottes.
Er ist in die Welt gekommen
mischt sich ein
und lÀsst sich finden.
Amen.
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Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr
14. November 2004 (Volkstrauertag)
Römer 8, 18 - 23
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext fĂŒr den heutigen Sonntag steht im Römerbrief im 8. Kapitel (Röm 8,18-23)
Denn ich bin ĂŒberzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenĂŒber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das Ă€ngstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.Die Schöpfung ist ja unterworfen der VergĂ€nglichkeit ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;
denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der VergÀnglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich Àngstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
Hoffen in Geduld, mancher mag gar nichts mehr hoffen. Zu oft werden Hoffnungen enttĂ€uscht, stellt sich heraus, dass TĂ€uschung war, was wir fĂŒr Hoffnung hielten. Hoffen ist immer ein Risiko. Denn, so schreibt der Apostel Paulus: Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; Hoffen, das meint dann ja auch oft, gegen den Anschein anhoffen. Wider besseres Wissen,dem Leid entgegentreten und ihm ein StĂŒck Ausweglosigkeit entreiĂen.
Ist Hoffnung nicht eigentlich im letzten das Prinzip des Lebens, die Kraft, die uns das âJaâ zum Leben aussprechen lĂ€sst? Denn: Die Schöpfung ist ja unterworfen der VergĂ€nglichkeit. Und wie können wir mit diesem Wissen
um die Knechtschaft der VergĂ€nglichkeit, also im Letzten um das Wissen, dass mit allem auch unser Leben eines Tages zuende gehen wird, wie können wir damit leben, tĂ€glich neu Anforderungen bestehen, wenn nicht so, dass wir erahnen, die tĂ€glichen Hoffnungen, die uns einzelne Schritte gehen lassen,haben ihren Grund in einer groĂen Hoffnung, die wir fĂŒr unser Leben haben dĂŒrfen.
Ohne diese groĂe Hoffnung wĂ€re alles âVolkstrauerâ, wĂ€re die Erfahrungen der Toten einfach ĂŒbermĂ€chtig, Mit jener groĂen Hoffnung auf Leben auch ĂŒber den Tod hinaus, kann und muss sich Volkstrauer in Sehnsucht und Einsatz fĂŒr den Frieden verwandeln. Die ganze Schöpfung, so schreibt Paulus, seufzt und wartet sehnsĂŒchtig darauf, dass diese letzte Hoffnung auf Befreiung aus der VergĂ€nglichkeit endlich in ErfĂŒllung geht, auch als Befreiung von den Erfahrungen der Vergangenheit, dass Krieg, wieder neuen Krieg und Gewalt wieder neue Gewalt erzeugt.
In diesen Tagen, in denen nordamerikanische Waffen blutig Wahlsieg feiern, ist es ein Zeichen dieser Hoffnung, das bedingungslose âNEINâ zu diesem Krieg zu bekennen. Paulus hat Recht, nicht nur die Schöpfung, sondern auch alle Menschen, die gute Erfahrungen mit dem Geist Gottes gemacht haben, seufzen,
warten, sehnen Erlösung herbei. Rettung, ein ewiges, heiles Leben haben wir nur als Hoffnung, die stark sein kann, zauberhaft und sĂŒĂ aber auch verzweifelt,unvernĂŒnftig schwach und angstvoll. Aber sie ist eben da, diese Hoffnung, die unser Leben begleitet, durchwirkt und den Glauben zur Sprache bringt, fĂŒhlbar macht manchmal auch unausgesprochen versichert: âDu bist nicht allein.â Ăberall dort, wo Menschen sich fĂŒr die Lebensmöglichkeiten anderer einsetzen,wird von dieser Hoffnung gelebt. In den Herzen der Menschen kĂ€mpft diese Hoffung ums Ăberleben. Manchmal verzerrt sich auch ihr Anblick, schwer ist sie zu entdecken. Zum Beispiel in dem Lebensprojekt einer so umstrittenen Persönlichkeit wie dem gerade verstorbenen PalĂ€stinenserfĂŒhrer Jassir Arafat.
Ich will ihm den Traum, fĂŒr sein Volk einen friedlichen Lebensraum zu schaffen, nicht absprechen. Das ist Hoffnung von der groĂen Hoffnung, Gott will fĂŒr jeden Menschen herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Wie sehr hat dieser Mann darum gekĂ€mpft, verhandelt um Land fĂŒr sein Volk, gehandelt wurde noch um den Platz fĂŒr sein Grab. Wie sehr hat sein Traum auch Gewalt und Unfrieden gefördert. Wenn Hoffnung egoistisch wird, sich einengt auf die eigenen Interessen, dann wird Gottes Geist aus ihr vertrieben, dann stirbt sieund hat bald keinen Platz mehr in des RealitĂ€ten des Alltags.
Was bleibt den Eltern von Felix zu hoffen? "Mir ist wichtig, in meiner Gemeinde keine GerĂŒchtekĂŒche zu schĂŒren", erlĂ€uterte der Gemeindepastor die Einladung zu den tĂ€glichen Andachten. "Wer traurig ist oder die Ungewissheit nicht aushĂ€lt, kann mit uns eine Kerze anzĂŒnden und einen Augenblick schweigen. Wir können etwas fĂŒr Felix tun. Wir können fĂŒr ihn beten." Im Internet ist ein Gebetsforum eingerichtet worden. "Niemand hĂ€tte gedacht, dass in unserem kleinen Dorf so etwas passieren könnte", schrieb eine besorgte Familie. "Ich hoffe und glaube ganz fest daran, dass es Felix gut geht und er bald wieder auftaucht", lautet ein anderer Eintrag.
Vertraut ist uns leider die schlimme Erfahrung, dass auch der gute Mensch, Auch ein kleines Kind, vom Bösen getroffen werden kann. Ist alle Hoffnung dann nicht vergeblich? Und muss man nicht mit Paulus weiter denken: So ist die ganze Schöpfung, so sind auch unsere Hoffnungen vergĂ€nglich? Ich denke so ist es, vergĂ€nglich sind unsere Hoffnungen, aber nicht vergeblich. VergĂ€nglich sind sie, wie alles, was zum Leben dazu gehört, sie sind ein StĂŒck Leben. Aber alles was wir trotz der VergĂ€nglichkeit zu hoffen wagen, das hilft uns, und es ist gut, dass manche Hoffnung auch wieder vergeht, um anderen Platz zu machen, anderer Form von Hoffnung, die besser helfen mit dem Schicksal fertig zu werden. Hoffnung ist die Gegenkraft zur Furcht. Furcht vor dem leben kann es zerstören, unterwirft es völlig der VergĂ€nglichkeit. Paulus hĂ€lt dagegen: wir haben Erfahrung mit dem heiligen Geist, dem Geist der Liebe. Erfahrungen der Liebe, ich möchte sie unvergesslich machen, denn es sind Augenblicke, die meiner Hoffnung Grund geben. Mit den Augen der Liebe kann auch Furchterregendes besehen werden. Erfahrungen der Liebe, im letzten fĂŒhre ich sie auf Gott zurĂŒck und glaube ihm, dass sie zuletzt Bestand haben werden, in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, wie Paulus schreibt. In der erfahrenen Liebe findet alle Hoffnung ihren Grund: Die wechselnden Hoffnungen meiner Lebensgeschichteund die letzte Hoffnung auf die Ăberwindung aller VergĂ€nglichkeit.
FĂŒr diese letzte groĂe Hoffnung auf ewiges Leben in herrlicher Freiheit, fehlt mir auch manchmal der Mut. Wir hoffen auf etwas, was wir nicht sehen. Wir machen die Erfahrung, dass Hoffnungen vergeblich sind ... und dennoch, ich spĂŒre und vertraue darauf, dass jedes FĂŒnkchen Hoffnung, das ein menschliches Herz erfĂŒllt, ein Bild, ein Ausdruck eine Vorahnung ist, von jener groĂen Hoffnung, die einzig Gottes Liebe erfĂŒllen wird. In diesem Sinne verstehe ich den Satz des Paulus mit dem unser Predigttext beginnt. Paulus nennt es seine Ăberzeugung, was mancher kaum zu ersehnen wagt:
Denn ich bin ĂŒberzeugt,
dass dieser Zeit Leiden
nicht ins Gewicht fallen
gegenĂŒber der Herrlichkeit,
die an uns offenbart werden soll.
Amen.
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21. Sonntag nach Trinitatis
Reformationstag
31. Oktober 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Lesung des Predigttextes: Römerbrief 3, 21 - 28
Liebe Gemeinde,
Wir gedenken heute des 31. Oktobers 1517. Aber schon bevor Martin Luther miit seinen 95 Thesen an die gebildete Ăffentlichkeit in Wittenberg trat, entwickelte er jene Gedanken, die die Mittelalterliche Kirche reformieren sollten. Es ging um ein neues VerstĂ€ndnis des Begriffes âGerechtigkeit Gottesâ.Die Kirche vor Luther sprach von einer iustitia distributiva, einer Gerechtigkeit, die jedem das zuteilt, was er verdient hat. Demnach ist Gott ein Richter, seine Gerechtigkeit richtet die Menschen, fordert Leistungen. Aber Martin Luther begreift, was da beim Apostel Paulus in der Bibel zu lesen ist, sagt etwas ganz anderes. Gott fordert nicht, er schenkt Gerechtigkeit. SpĂ€ter nennt Luther das iustitia passiva. Da kann man sich nichts verdienen. Man bekommt von Gott den Freispruch geschenkt â passiv â kein Mensch ist so gut,dass Gott ihn allein wegen seiner Leistungen belohnen könnte. WĂ€re Gott nur ein gerechter Richter, dann wĂŒrden alle Menschen, ihr Leben verfehlen. Nun ist er aber ein gĂŒtiger Richter, der schenkt, was kein Mensch sich verdienen kann.Jesus Christus hat fĂŒr uns die Leistungen erbracht, die vor dem letzten Gericht bestehen können. So liest und versteht Martin Luther die Bibel neu. Einer der Texte, die ihm dabei besonders wichtig waren, ist unser heutiger Predigttext.
Wir haben ihn als Lesung gehört, aus dem Römerbrief im 3. Kapitel (Vv 21ff):
Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart,die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Martin Luther hat die Befreiung, die dieser Bibeltext verheiĂt, fĂŒr seine Zeit neu interpretiert. Die Kirche war danach nicht mehr, was sie vorher war, und noch wichtiger, die Menschen fanden neuen Zugang zu den Worten Gottes.Und heute? FĂŒr den mittelalterlichen Mönch Martin Luther war das Leben eine Zeit der BewĂ€hrung, an deren Ende das Urteil im letzten Gericht stand. Wer sein Leben so sieht, fĂŒr den ist die Nachricht, er habe bestanden, trotz der vielen offensichtlichen Fehler und IrrtĂŒmer, die er tĂ€glich begeht, eine âGute Nachrichtâ, ist Evangelium, Freispruch, die Rettung. Befreit von dem Zwang, sich selbst zu kontrollieren und gute Werke zu verbringen kann man sich dem Leben selbst zu wenden, aus Freude und Dankbarkeit sich um andere kĂŒmmern. Nicht immer verstand man und beschrieb das Leben in solchen juristischen Kategorien. Siegmund Freud und die Psychoanalyse beschrieben den Menschen mit einer Gestalt der griechischen Mythologie. Ihnen war der Mensch vergleichbar dem König von Theben, Ădipus, schuldhaft verstrickt in seinen sexuellen WĂŒnschen, die sein ganzes Leben bestimmten. Was dann die sogenannte sexuelle Revolution der sechziger Jahre verkĂŒndigte, ist in diesem Sinne durchaus ein StĂŒck Evangelium gewesen. Der von SchuldgefĂŒhlen befreite Mensch, befreit von Tabus und PrĂŒderie, erlebte ein StĂŒck Rechtfertigung seines Lebens, angenommen in seiner Geschöpflichkeit.
Die griechische Mythologie hilft den Sinn der Rechtfertigung in weiteren Lebensbereichen zu erklĂ€ren: Menschen beschreiben ihren Alltag im Bild des Sisyphos, verurteilt zu lebenslanger, sinnloser, entfremdeter Arbeit. 1983 gab der Schriftsteller GĂŒnter Wallraff folgende Anzeige auf: âAuslĂ€nder, krĂ€ftig, sucht Arbeit, egal was, auch Schwerst- und Drecksarbeit,auch fĂŒr wenig Geld, Angebote unter...â Aber nicht nur der Journalist stieg nach ganz unten zu WerktĂ€tigen, Arbeiterklasse und Gastarbeitern, um ihnen seine Stimme zu leihen, auch Priester und Pastoren teilten deren Lebensalltag und formulierten in diesem Kontext, die befreiende Botschaft der Gerechtigkeit die vor Gott gilt, ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Soziale Errungenschaften fĂŒr alle wurden erkĂ€mpft.
Bilder der griechischen Mythologie helfen den Sinn der Rechtfertigung in anderen Weltanschauungen zu erklĂ€ren: Menschen leben wie jener Narziss,verliebt in ihr eigenes Bild. Nur ihre Schönheit zĂ€hlt. Schon junge Menschen geben Tausende von Euro aus um durch Operationen ihre Körper zu verĂ€ndern,gröĂere BrĂŒste, kleinere Nasen, Fettabsaugen ... alles in dem BemĂŒhen, einen Schönheitsideal zu entsprechen, das wie alle Ideale unerreichbar ist. Diesen Gott können sie trotz aller Opfer nie zu Frieden stellen. Luthers Erkenntnis von der Rechtfertigung allein aus Glauben, heiĂt im narzisstischen Umfeld von Lifting und Schönheitschirurgie: Die Schönheit eines Menschen kommt von innen, ist nicht an ĂuĂerlichkeiten festzumachen. Es ist die geschenkte Gottesebenbildlichkeit, die einen Menschen schön macht, nicht das Zuschneiden auf ein Modebild.
Und eine letzte Figur der griechischen Mythologie: Ein sehr modernes Problem spiegelt sich in der Figur des Proteus, jenes Meergreises, der sich immer wieder in andere Gestalten verwandeln konnte. Nicht fassbar, war er, so wie sich der moderne Mensch oft unfassbar verhĂ€lt oder gar selbst erlebt. Wie viel verschiedene Dinge werden von uns tĂ€glich erwartet, in immer neue Rollen sollen wir schlĂŒpfen, Ehepartner, Eltern, Arbeitnehmer, Sportskamerad, Konsument, Klient, Verkehrsteilnehmer ... Was von alledem bin ich wirklich?Wo komme ich selbst noch vor in den endlosen Wechseln meiner IdentitĂ€t â Anspannung den ganzen Tag. Gott schenkt mir eine unzerstörbare IdentitĂ€t. Da brauche ich nicht dran zu arbeiten, da heiĂt es einfach: âIch habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.â âOhne des Gesetzes Werke, allein durch den Glaubenâ darf ich mich darauf verlassen.
FĂŒr den mittelalterlichen Mönch Martin Luther war das Leben eine Zeit der BewĂ€hrung, an deren Ende das Urteil im letzten Gericht vor dem zornigen Gott stand. Anderen Menschen in anderen Zeiten, begegnet der zornige Richter-Gott in anderer Gestalt:
- als MoralwÀchter und Herr der Tabus
- als unbarmherziger Antreiber zur Arbeitsleistung,
- als Opfer forderndes Schönheitsdiktat,
- als Herausforderung zu Ăbernahme immer neuer Rollen und IdentitĂ€ten im erschlagenden Ăberangebot der Möglichkeiten und Angebote.
Der Satz: âSo halten wir nun dafĂŒr, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glaubenâ befreit alle. Mit der alten Ausdrucksweise ist die Sache ja noch lange nicht verschwunden. In allen Jahrhunderten fragten die Menschen nach Gott, auf der Suche nach Befreiung aus den unerfĂŒllbaren Gesetzen von Leistung, Opfer und SollerfĂŒllung. Was Paulus im Predigttext und dann auch Martin Luther Gerechtigkeit Gottes nannten, das können wir heute vielleicht am ehesten Gottes Segen nennen.
Heute suchen wir Segen. Den Zuspruch von Gottes schĂŒtzender, stĂ€rkender, aufbauender, annehmender, tröstender, fröhlichmachender NĂ€he. âSich regen bringt Segenâ, sagten die Alten und begrĂŒndeten damit die kapitalistisch - materialistische Moral und Ideologie. Heute gibt es Menschen die regen sich den ganzen Tag und wenig Segensreiches erwĂ€chst ihnen daraus. Ich erinnere mich an befreundete Lehrer in Argentinien, Sie arbeiten morgen, nachmittags und abends in drei verschiedenen Schulen und werden dennoch niemals auch nur annĂ€hernd das bekommen, was ein deutscher Kollege verdient. Ich denke an die vielen Menschen bei uns, die sich gerne regen wĂŒrden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen. Der Segen in Form von Wohlstand bleibt fĂŒr sie aus. DafĂŒr stet das KĂŒrzel HARTZ IV.
Darum ging es Paulus Segen auch denen, die nicht die Möglichkeit haben, sich zu regen. Das ist die Gerechtigkeit Gottes fĂŒr heute ausgesagt: Nicht an unseren Regen, an unseren Leistungen hĂ€ngt der Segen Gottes, sondern er gilt allen Menschen unabhĂ€ngig ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Arbeitsleistung, ihrer Sprache, Hautfarbe, Religion, oder was immer wir so in unsere LebenslĂ€ufe hineinschreiben.Vor Gott stehen alle gleich da und jede Ungerechtigkeit schreit deshalb zum Himmel. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt SĂŒnder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten ,und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
Ungerechtigkeit, verstehen wir vielleicht am besten als: da wird jemanden der Segen Gottes vorenthalten, sein Lebensrecht, das Recht auf Liebe, Respekt, GlĂŒck. Das ist die geschenkte Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.In der Bibel ist sie offenbart, und wir dĂŒrfen und sollen sie immer wieder neu, entdecken in Anspruch nehmen und fĂŒr andere, wenn es sein muss, erkĂ€mpfen.
Amen.
zurĂŒck zum Ăberblick
19. Sonntag nach Trinitatis
MĂ€nnersonntag
17. Oktober 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Lesung des ausgesuchten Predigttextes: Genesis 11, 1-9
Liebe Gemeinde,
Menschen bauen TĂŒrme, MĂ€nner und Frauen wollen hoch hinaus,bis in den 7. Himmel, der dann voller Geigen hĂ€ngt. GlĂŒck, GlĂŒcklichsein â das wollen wir alle, aber der Weg zum GlĂŒck fĂŒhrt nicht hinauf, auf einen Turm, zum GröĂten, Schönsten, Höchsten, MĂ€chtigsten, sondern, der Weg zum GlĂŒck ist ein steiniger, mĂŒhsamer Pfad, der auf der Erde verlĂ€uft, nur Schritt fĂŒr Schritt ist er zu begehen. Dieser Pfad fĂŒhrt nicht in den Himmel, sondern zu Menschen. ein zögernder, schwer errungener, erster Schritt in Richtung auf den Mitmenschen, bringt mich dem GlĂŒck nĂ€her, als 26 Etagen am Bau eines Turmes, der mich in die Einsamkeit eines erstrebten Traumzieles bringt.
Hau â ruck!
Fester zugepackt! Wir bauen einen Turm, der die Wolken durchstöĂt. Menschen erscheinen klein, wie Ameisen, die umherkriechen. Hau â ruck! Nicht mĂŒde werden â auch wenn einem schwindelig wird â beim Gedanken an die erreichte Höhe.
Ist es richtig, dass wir MĂ€nner besonders anfĂ€llig sind fĂŒr diese Art unsere Lebensziele zu definieren? Leistung zeigen? Es gibt auch Frauen, die dieser Lebensform der MĂ€nnlichkeit nachstreben. Ja manchmal mĂŒssen sie sie sogar noch ĂŒberbieten um anerkannt zu werden. Aber:
âMĂ€nnlichkeit ist eine hochriskante Lebensform!â
Diese Schlussfolgerung lÀsst sich belegen:
· Die durchschnittliche Lebenserwartung der MĂ€nner ist um sieben bis acht Jahre kĂŒrzer als die der Frauen.
· Viele MÀnner rÀumen der Arbeit Vorrang vor ihrer Gesundheit ein. Mehr MÀnner als Frauen bleiben auch im Krankheitsfall fast nie der Arbeit fern.
· MÀnner gehen zu 25% weniger zum Arzt als Frauen, wenn sie aber im Krankenhaus sind, liegen sie durchschnittlich um 15% lÀnger.
· Drei Viertel aller Selbstmörder sind MÀnner
· Drei Viertel aller Mordopfer sind MÀnner.
· Zwei Drittel alle Schulwiederholer sind Jungen.
· MÀnner missachten körperliche Warnsignale und sind nur schlecht in der Lage zu entspannen.[1]
Ein Mann erzĂ€hlt: âIch habe alles fĂŒr meine Familie getan. Jede Ăberstunde habe ich mitgenommen. Das Geld ist geflossen. Meine Frau hatte, was sie brauchte. An den Wochenenden haben wir an unserem Haus gearbeitet. Alle haben mitgemacht â und wir haben etwas erreichet! Wie stehe ich jetzt da. Als ich Freitag nach Hause kam, war sie fort â meine Frau und die beiden Kinder. Das Haus leer â auf dem KĂŒchentisch ein Zettel: âIch kann so nicht weiterleben â ohne Mann â die Kinder brauchen einen Vater.â Undankbar, undankbar, undankbar! Habe ich nicht alles fĂŒr sie getan? Habe ich mich nicht kaputt gemacht â fĂŒr sie â meine Frau und die Kinder?! Und nun â kein Wort â kein Wort â nur dieser Zettel! Man kann doch miteinander reden! Haben wir doch frĂŒher auch getan â alles miteinander besprochen. Aber jetzt dieser Abschied â ohne Worte. Wir haben doch eine gemeinsame Sprache â oder nicht?
Hau â ruck! Hau â ruck! Nicht mĂŒde werden! Fester zupacken! Höher den Balken hinauf! Noch höher den NĂ€chsten! Hau â ruck! Oder ist es das, was von unserer gemeinsamen Sprache ĂŒbrig geblieben ist? Das Hau â ruck mit Ausrufezeichen. Ein verstĂŒmmelter Rest von Befehlen und Antreiben, AusrufesĂ€tze und Durchhalteparolen: Noch ein Jahr â dann haben wir es geschafft! Nur nicht aufhören, wo alles so gut lĂ€uft: Die Kinder im Kindergarten nun kann sie auch endlich mit ... dazu ...noch diesen Auftrag, noch diese Schicht, wenn nur die Firma nicht kaputt geht, noch diesen Sommer ohne Urlaub, dann werden wir ganz oben stehen, siegreich, glĂŒcklich, weil wir alles erreicht haben, und sein werden â wie Gott. âOh, Gott, warum hast du uns nicht weiter machen lassen, noch dieses eine Jahr, wie hĂ€tten es geschafft. Jetzt war alles umsonst â ich bin allein. Nichts von alle dem, was ich geschaffen habe, brauche ich fĂŒr mich. Was brauche ich denn schon? Es ist so einsam â ohne einen Menschen. Freunde und Bekannte gibt es da nicht viele. Wir hatten ja auch nie viel Zeit um jemanden einzuladen und zum ausgehen ist man einfach zu mĂŒde Nach all der Arbeit. Ich muss mit meiner Frau reden â und mit den Kindern. ich brauche sie. Oh Gott, gib, dass ich sie wiederfinde, dass wir miteinander reden können und uns verstehen. Wir mĂŒssen die verlorene Sprache wiederfinden.â
MĂ€nner machen wenig Worte. Ist das das Problem? Oder nicht vielmehr das Ideal einer MĂ€nnlichkeit, der Powerfrau und Powermann verfallen sind und die besagt, dass man aus eigener Anstrengung alles erreichen kann. Und dabei werden die Ziele immer bescheidener: Den gewohnten Lebensstandart halten, gewachsene AnsprĂŒche weiter bedienen. Weiter â nur die Richtung wird nicht in Frage gestellt. TĂŒrme, die in den vermeintlichen Himmel reichen, hoffentlich brechen sie nicht zusammen: TĂŒrme aus Geld aus Genuss und Wohlhabenheit aus Angst, Konkurrenz und Gewohnheit aus Selbstgerechtigkeit und zur Schau gestellter Opferbereitschaft.
Gott fĂŒhrt uns weg von diesen TĂŒrmen, die in Einsamkeit und Sprachlosigkeit enden. Gott lockt mit der Freude, die es macht, sich auf einen Menschen so einzulassen, dass man sich wirklich versteht. Das GlĂŒck einer Familie, wie sehr hĂ€ngt es davon ab, dass man mit einander redet und zuhört und zu begreifen beginnt, was den anderen beschĂ€ftigt, was ihn oder sie Ă€ngstigt und was ihn fröhlich sein lĂ€sst. Jeder Mensch hat seine Sprache, seine Art des Ausdruckes, in jedem Mund bekommen Worte eine andere, eigene, persönliche Bedeutung. Es ist ein Schritt auf dem Weg zum GlĂŒck, wenn ich beginne, die Sprache eines anderen Menschen zu verstehen, und wenn er oder sie zu mir spricht ohne die Klischeeformen von MĂ€nnlichkeit, HĂ€rte und Erfolg. Die verlorene Sprache zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern ...
Der Mann, von dem ich vorhin erzĂ€hlte, hat sich auf die Suche gemacht, das Verlorene wieder zufinden. Er ist Frau und Kindern nachgereist â gegen den Rat mancher Kollegen, die sagten: âDas hast du doch nicht nötig, lauf ihnen doch nicht nach, sie sind doch weggegangen, du bist im Recht.â
Ein Mann macht sich auf den Weg, das Verlorene zu suchen. Er findet seine Familie, er findet Worte, die heilen und hört SÀtze, wie er sie noch nie aus dem Munde seiner Frau gehört hat, oder wenn, dann vor langer Zeit.
Und sein Weg fĂŒhrt ihn weiter. Er sucht und findet sich selbst wieder; spĂŒrt, wie sehr er verloren war an die Ziele, die er sich gesteckt hatte. Und wĂ€hrend seiner Suche macht er die Erfahrung eines neuen LebensgefĂŒhls â eines neuen GefĂŒhls fĂŒr das Leben hat er gefunden. âNicht nur ich habe gesuchtâ, sagt er, âsondern ich wurde gesucht. jetzt hat mich das Leben wieder.â ebensfreude, das ist Gottesfreude ĂŒber den, der verloren war und wieder gefunden wurde.
Der Mensch im Mann - Frau oder Mann
Amen.
[1] So Hansfried Boll in einer Predigt, die sich auf der Internetseite der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck unter folgender Adresse findet: http://www.ekkw.de/afkd/img_afkd/img_eigene/Maeso2004.doc
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14. Sonntag nach Trinitatis
12. September 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Hafengemeinde,
Der Predigttext fĂŒr diesen Hafengottesdienst steht im Römerbrief im 8. Kapitel
Röm 8,14-17
Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daĂ ihr euch abermals fĂŒrchten mĂŒĂtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daĂ wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nĂ€mlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Gottes Kinder im Hafen. Ein Lied geht mir durch den Sinn. Es ist von Joan Manuel Serrat: Das Lied von den Piraten. Und es wird mir deutlich, die Piraten des katalanischen Dichters, das sind wir alle: Gottes Kinder. Auf einem furchtbaren Piratenschiff kommen wir daher, bewaffnet und zur Abschreckung mit 10 Kanonen zu jeder Seite, zeigen wir StĂ€rke. Und einen Schatz nenne wir unser eigen. Der Weg zum GlĂŒck steht uns offen, allerdings, unserer Schatzkarte fehlt die andere HĂ€lfte, das macht: unser Leben ist Suchen und angewiesen Sein auf andere. Kinder Gottes sind wir, wie die Piraten. Auf der Schulter sitz ein Papagei, der uns nachplappert, wenn es sein soll auch auf französisch, von unseren GroĂtaten, die sonst niemand kennt. Aber irgend jemand muss doch wissen, was fĂŒr tolle Typen wir sind: Kinder Gottes, wie die Piraten.
Hart sind wir und unbarmherzig, TĂ€towierungen kommen wieder in Mode, wer sie sieht, oder die Aufkleber auf unseren Autos, der spĂŒrt, wie sentimental wir doch sind, und möchten, dass da uns jemand besser kennt. Gottes Kinder sind wir,wie die Piraten.
Stolz sind wir und unbeugsam, Holzbeine erzĂ€hlen von den Versuchen uns in die Knie zu zwingen. Aber auf dem RĂŒcken spĂŒren wir manchmal die Last der vielen unerledigten Vergleiche, was alles offen blieb, darĂŒber spricht man besser nicht.Kinder Gottes sind wir wie die Piraten ...
... trĂ€umen wir von einem Leben, das es nicht gibt, wollen es in groĂen ZĂŒgen genieĂen, und dreist dabei lachen. Und stolpern ĂŒber das GlĂŒck vor der TĂŒr. Wenn ein Pirat sich verliebt, dann ist es um ihn geschehen. Er verrĂ€t seine Kumpane und flieht in den letzten Hafen, in dem noch kein Kopfgeld auf ihn steht. Ein Zeichen der Liebe - und unser Leben Ă€ndert sich. Da sind wir wie die Piraten, Kinder im Hafen, bei denen Gott noch eine Chance hat.
Kein Piratenleben nimmt ein gutes Ende Weithin sichtbar wurden die gepfĂ€hlten SeerĂ€uberköpfe auf dem Grasbrook und anderswo ausgestellt. Die ein- und ausfahrenden Handelsschiffe sollten sehen, wie sicher die Nordsee und die Elbe waren. Aber auch keine Piratengeschichte nimmt ein gutes Ende. FĂŒr TrĂ€umer ist kein Platz auf dieser Welt. SchwĂ€rmer werden zensiert. Unsere Kultur besteht im wesentlichen aus der Leistung, mit den RealitĂ€ten fertig zu werden.
Und mancher bezahlt viel Geld, damit ihm das TrÀumen genommen wird.
Das dies nicht ganz gelingt, beweist das bunte Hafentreiben, an dem wir dieses Wochenende hier in Stade teil haben. Wir trĂ€umen ein wenig von einer anderen Welt. Im Rahmen, versteht sich. Montag wird hier wieder aufgerĂ€umt, aber bis dahin gibt es sie wieder, die Piraten, Kinder Gottes â wie wir.
Ich muss auch an Klaus Störtebeker denken. Sein wahres Gesicht soll jetzt rekonstruiert werden. Aber Klaus Störtebeker ist lÀngst zur Legende geworden.
âKlaus Störtebeker â oder die Hinrichtung der WĂŒnscheâ, so lautete der Titel eines vom Hamburger Schauspielhaus erarbeiteten TheaterstĂŒckes. Klaus Störtebeker, der geköpfte Pirat, ist unter uns noch sehr lebendig. Eltern und GroĂeltern erzĂ€hlen von ihm. TrĂ€ume werden wach. Offensichtlich ist Klaus Störtebeker zum TrĂ€ger vielfacher SehnsĂŒchte geworden. Die Luft des Abenteuers umweht ihn. Als Lohn fĂŒr seinen Söldnerdienst durfte er auf dem Meer tun und lassen was er wollte. Angst und Schrecken verbreitete er unter den reichen Handelsleuten. Aber in der Erinnerung des Volkes lebt er als mildtĂ€tiger Pirat weiter, der seine Beute unter den Armen verteilte. Störtebeker kann sich sein Recht erkĂ€mpfen, braucht nicht vor den Reichen zu buckeln. Das Theater zeigt,wie sich Menschen einer historischen Figur bemĂ€chtigen und sie stellvertretend fĂŒr die eigenen, nicht ausgelebten WĂŒnsche, TrĂ€ume und Hoffnungen am Horizont ihrer Existenz herumgeistern lassen. Klaus Störtebeker lebt, auch wenn die Hamburger ihn 1401 hinrichteten â damit Ruhe herrsche. Die Hinrichtung der WĂŒnsche â das geschieht tĂ€glich in unserer Gesellschaft, in der GefĂŒhle, TrĂ€ume, WĂŒnsche Utopien sind, das heiĂt: keinen Platz haben. Die Hinrichtung der WĂŒnsche, das ist auch tĂ€gliches Todschlagen eines StĂŒckes von unserem Menschsein und das im Angesichts Gottes, der ein Liebhaber des Lebens ist,der uns seine Kinder und Erben nennt. Die Suche nach den hingerichteten SehnsĂŒchten, nach GefĂŒhlsĂ€uĂerungen in dieser Gesellschaft ist schwierig,aber sie gelingt, wenn wir auf die Lieder hören, die man von den Piraten singt,oder wenn wir uns im mittelalterlichen Hafentreiben unserer Stadt verlieren und wiederfinden. Die Bibel nennt uns Kinder Gottes. Und damit ist auch auf die FĂ€higkeit angespielt, zu trĂ€umen und sich Lebensmöglichkeiten auszudenken. Und unser Predigttext fĂ€hrt fort: Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nĂ€mlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.Und damit ist gesagt, dass unser Leben voll von Möglichkeiten ist, die wir vielleicht noch nicht einmal zu trĂ€umen gewagt haben. Kinder trĂ€umen,spielen Piraten. Kinder Gottes dĂŒrfen trĂ€umen von einer besseren Welt. Aber sie spielen sie nicht nur, sondern Gott selbst lĂ€sst diese Welt Wirklichkeit werden. Das hat er uns versprochen durch seinen Sohn Jesus Christus. Manche hielten ihn auch fĂŒr einen Piraten, oder noch was schlimmeres. Sein Blut haben sie vergossen. Aber Gott hat ihm neues Leben geschenkt, und uns verheiĂen seine Erben zu sein, in aller Ewigkeit. Kinder Gottes und seine Erben. Amen.
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8. Sonntag nach Trinitatis 2004
1. August 2004
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
Zeugen werden gesucht. In Deinste wurden Fischdiebe an den Aufzuchtteichen gestört. Bei ihrer Flucht lieĂen sie zwei markante Taschen zurĂŒck. Die Polizei sucht jetzt Zeugen.
Auf dem Stader Pferdemarkt wurde eine 67- jÀhrige Rentnerin vermutlich von Jugendlichen zu Fall gebracht. Die Polizei bittet um Mithilfe bei der Aufhellung der Sachverhalte.
Auch Gott sucht Zeugen und Mithelfer. Paulus schreibt dies an die Christen in Ephesus:
Wach auf, der du schlÀfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
SchlÀfer, ja Tote nennt Paulus die Menschen, die etwas nicht bemerken wollen, oder noch schlimmer, die lieber wegsehen, wenn etwas geschieht.
Ich habe neulich vor einer Schule hier in Stade einen weinenden Jungen angesprochen. Er sei von anderen geschlagen und geschubst worden. Die erste Reaktion einer Lehrerin, die ich darauf ansprach: Dies können nicht im Unterricht geschehen sein und gehe sie deshalb nichts an!
Gott möchte nicht, dass Menschen die Augen verschlieĂen wie Tote, wie SchlĂ€fer, vor Ereignissen, die Leben beschĂ€digen, die WĂŒrde mit FĂŒssen treten, die andere Menschen in Verzweiflung bringen. Solche âunfruchtbaren Werken der Finsternisâ mĂŒssen aufgedeckt werden.
Der Predigttext fĂŒr den heutigen Sonntag steht im Brief an die Epheser im 5. Kapitel (Eph 5,8-14):
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit. PrĂŒft, was dem Herrn wohlgefĂ€llig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schĂ€ndlich. Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heiĂt es: Wach auf, der du schlĂ€fst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
Wo Menschen Licht in die Gesellschaft bringen, wo finstere Machenschaften ans Licht kommen, ĂŒberzogene ManagergehĂ€lter oder das unbeachtete Abholzen riesiger WĂ€lder im Nordwesten Argentiniens, wo solche Werke der Finsternis aufdeckt werden, das heiĂt auch, wo Leid, Ungerechtigkeit, Gewalt und LĂŒge zur Anzeige kommen, da ist Christus am Werk. Da werden Menschen seine Mitarbeiter und Zeugen.
Man mag die spektakulĂ€re Aktion des deutschen Rettungsschiffes âCap Anamurâ unterschiedlich beurteilen, ich denke aber der Ansatz ist positiv. Man will auf das Elend der Menschen in der sudanesischen Provinz Darfur aufmerksam machen. Auch die Reise des AuĂenministers Fischer hatte diesen Sinn: Die wegsehende Weltöffentlichkeit wachzurĂŒtteln. Das Kriegselend im Grenzgebiet von Sudan und Tschad, die Sehnsucht nach ein bisschen Sicherheit der Menschen in dieser Region, mĂŒssen offenbar werden und Antwort finden. Geschieht dies nicht, fĂ€llt kein Licht auf das massenelend im Sudan, werden vor allem die reichen, mĂ€chtigen Staaten zu Helfern jener bewaffneter Reitermilizen und arabischer Söldnerheere, die ihr finsteres Unwesen in den Heimatdörfern jener Million FlĂŒchtligen treiben.
... und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
Wo Licht in das Leben eines Menschen fĂ€llt, ist Christus bei ihm. Sein Licht heilt, sei es dass es zur SolidaritĂ€t mit Leidenden aufrĂŒttelt, sei es, dass Gottes Licht jemandem hilft seine Probleme neu zu sehen und lösen zu können. Wer dazu beitrĂ€gt,dem ist Gott nah. Deshalb fordert der Schreiber des Ephesusbriefes auf: Lebt als Kinder des Lichts; Ob das gelingt, erkennt man an den Ergebnissen: ...die Frucht des Lichts ist lauter GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Es ist ein ganz besonderes Licht, an das Gott die Dinge bringt. Christliche Zeugen, AnklĂ€ger, Aufdecker, Bewusstmacher sind keine SchnĂŒffler, keine Moralagenten oder unbarmherzige Denunzianten menschlicher SchwĂ€chen. Die Freude an den SchwĂ€chen anderer ist ebenso finster, wie das mörderische Denken in âGutâ und âBöseââoder die Lust am Skandal.
Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schÀndlich. Das alles aber wird offenbar, wenn's vom Licht aufgedeckt wird; denn alles, was offenbar wird, das ist Licht.
Es ist ein ganz besonderes Licht, an das Gott die Dinge bringt und in dem Menschen in seiner Nachfolge, sich und andere, ihre Taten und Dinge beurteilen. ...die Frucht des Lichts ist lauter GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Ich erinnere mich, wie viele erklĂ€rte Christen, Pastoren und Laien, nicht nur das Ende des DDR- Regimes durch ihre Lichterketten, Gebete und ihren Einsatz mitherbeifĂŒhrten, sondern auch hinterher, zumindest in den ersten Jahren, Verantwortung ĂŒbernahmen.
Gott möchte nicht, dass Menschen die Augen verschlieĂen wie Tote, wie SchlĂ€fer, aber mit dem BloĂstellen und Anklagen ist erst die HĂ€lfte erreicht, GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit sollen nun an die Stelle der unfruchtbaren Werken treten. So wird erst deutlich, was gemeint ist. PrĂŒft, was dem Herrn wohlgefĂ€llig ist. Es ist einfach sich in Sonntagsreden ĂŒber den lamentablen Zustand des Gemeinwesens zu beklagen. Es ist schwer auch nur einen kleinen Strahl Lichtes in Form von GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit in der eigenen Umgebung zum Scheinen zu bringen.
Und dennoch, Christus ist das Licht der Welt. Er, das Licht, ist schon da, lebt unter uns. Darum heiĂt es: Wach auf, der du schlĂ€fst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
Vielleicht fehlt uns manchmal nur die Fantasie die Augen zu öffnen, damit wir erkennen, wo Gottes Licht scheint. So kann sich manches im Leben aufklĂ€ren, klar und hell werden. Immanuel Kant glaubte daran, dass jeder Mensch das moralische Gesetzt Gottes in sich selbst vorfĂ€nde. âSchrecklich ist die VerfĂŒhrung zur GĂŒteâ, schrieb Berthold Brecht.
Und noch einfacher, aber irgendwie, wie ich finde, doch sehr wahr sang Reinhard Mai:
Ich weiĂ nicht, was mich dazu bringt, Und welche Kraft mich einfach zwingt, Was ich nicht sehen will, zu sehân. Was gehân mich fremde Sorgen an, Und warum nehmâ ich teil daran, Statt einfach dran vorbeizugehân. Ich schlieĂâ die Fenster, schlieĂâ die TĂŒrân, Damit die Bilder mich nicht rĂŒhrân, Doch sie gehân mir nicht aus dem Sinn. Mit jedem Riegel mehr vorm Tor Dringt es nur lauter an mein Ohr, Und unwillkĂŒrlich hörâ ich hin:
Erinnern Sie sich noch? Ich teile diese Hoffnung. Und deshalb denke ich, dass die Ermahnung des Epheserbriefes auch bei uns in Stade auf guten Boden fallen wird. Wir können das hören und viele werden sich bemĂŒhen danach zu handeln:
Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit. PrĂŒft, was dem Herrn wohlgefĂ€llig ist, und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf.
Amen
zurĂŒck zum Ăberblick
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