Predigten 2005

Ewigkeitssonntag

20. November 2005

Liebe Gottesdienstgemeinde, liebe Trauernde,

   Sie wurden eingeladen, weil wir heute in besonderer Weise der Verstorbenen der letzten 12 Monate gedenken. Noch einmal werden ihre Namen verlesen. Das wird für Sie nicht einfach sein. Erinnerungen werden wach beim Hören des vertrauten Klanges, Erinnerungen an die Trauerfeier auf dem Friedhof, den Gang zum Grab, aber auch die Monate vorher, das alles ist ja noch nicht lange her. Ein Mensch ist von Ihnen gegangen und sie blicken zurück. Wir sprechen seinen Namen aus, und rufen ihn noch einmal in Erinnerung. Auch Gott ruft die Namen der Verstorbenen, so sind sie erlöst, frei von den Leiden, die ihr Leben schwer machten und dann unmöglich, frei auch vom Tod, der kein Alter kennt und keine Ordnung. Manchmal bleiben Fragen: ein warum,warum so früh, oder warum so schwer. Beim Propheten Jesaja (Jes 43,1)  heißt es:

So spricht Gott, der Herr:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

   Immer wieder zitiere ich diesen Vers auf Trauerfeiern, ich möchte mit diesen Worten trösten, ich möchte sagen, dass die verstorbene Person nun bei Gott ist, geborgen, gut versorgt, bewacht und geliebt. Und dennoch weiß ich auch, dass es manchmal schwer fällt, diese Worte zu hören. Menschen werden von uns weggerufen, Menschen, die wir so gerne noch bei uns gehabt hätten, die wir brauchten, liebten, und nun vermissen. Ich meine,wir sollten die Propheten Worte nicht nur auf die Verstobenen beziehen, wir sollten es auch an uns gerichtet hören, auch uns sagt Gott:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

   Das bedeutet dann, dass wir nicht erst sterben müssen um bei Gott zu sein. Schon hier heute und jetzt sind wir bei ihm, ganz nah, bei unserem Namen ruft er uns, er verbindet uns mit sich, ja, und natürlich  auch mit den Verstorbenen, bei Gott bleiben wir zusammen.    Das ist die eigentliche Wirklichkeit, bei Gott leben wir, so oder so. Der Tod ist kein Zurückbleiben, er ist vielmehr ein Vorausgehen,  die Verstorbenen sind schon heute so bei Gott, wie wir es einst alle sein werden. Sie sind weiter als wir, näher bei Gott, sehen klarer, gelöster, was wir erst erhoffen:

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

„Du bist mein.“ Dies gilt schon jetzt, schon in der Gegenwart. Trauer braucht nicht in der Vergangenheit zu bleiben, bei den Erinnerungen, „Weißt du noch, wie das war, als er oder sie noch bei uns wohnte ...“ . Trauer braucht sich auch nicht nur nach der Zukunft auszustrecken: „Einmal werden wir uns wiedersehen ...“  Unsere Trauer kann die Gegenwart verwandeln, verwandeln in eine wertvolle Zeit, in eine Zeit, in der wir sensibel werden für die unsichtbare Nähe allen Lebens, des vergangenen, des zukünftigen und des sichtbaren. Gegenwärtig ist alles,  was bei Gott geborgen ist. Wir gegenwärtig auf Erden Lebende sind vielleicht die Schwächsten, in dem Sinne, dass unser Sehvermögen, unsere Sinne allgemein,  ganz auf die Dinge unseres Erdenlebens gerichtet ist. Das kann sehr schön sein, wenn wir in glücklichen Momenten das Dasein in vollen Zügen genießen. Je näher wir den Grenzen kommen, desto weniger nützen uns allerdings unsere Augen. Auch der Verstand kapituliert dann oft, zu sehr ist er an alltäglichen Aufgaben geschult. Bilder helfen, Bilder oder Gleichnisse sind wie kleine Sehschlitze in der Mauer, die die gegenwärtig Lebenden von den schon zukünftig Lebenden, den Vorausgegangenen trennt.  Der Episteltext, den wir als Lesung vorhin gehört haben, ist so ein Versuch, durch ein bildhaftes Gleichnis, von hier aus in die für uns noch zukünftige Welt zu schauen: Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern: (1.Kor 15,35-38)

Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen,

und mit was für einem Leib werden sie kommen? Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig,  wenn es nicht stirbt.

Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll,sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem.

Gott aber gibt ihm einen Leib,wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib.

   Die Kastanie, die wir in die Erde legen, wird nicht zu einer riesigen braunen Kugel, sondern zu einem Baum. Wer eine Kastanie aufhebt, sie in der Hand hält, in die Tasche steckt, merkt es ihr nicht an, aber wenn sie vergeht, entsteht etwas Neues aus ihr.Dem toten Menschen sehen wir es nicht an, doch es wird etwas Neues aus ihm, Gott aber gibt ihm einen Leib,wie er will, ...

Einen Leib, damit meint Paulus keinen Körper, sondern eine Seinsform, So wie man der Raupe nicht ansieht, dass ein Schmetterling aus ihr wird, so wird aus dem toten Leib, den wir zu Grabe tragen, jemand Neues, kein anderer Mensch, sondern der selbe Mensch in einer anderen, neuen Seinsform.  Wozu helfen solche Gedanken? Beweise sind es alles nicht. Nein, aber nach Beweisen fragt auch nur der begrenzte Verstand der gegenwärtig Lebenden, deren Sinne allgemein, ganz auf die Dinge unseres Erdenlebens gerichtet sind.   Je mehr wir uns den Grenzen der Gegenwart nähern, je unschärfer sieht das Auge, je weniger klar erkennt der Verstand. In den vergangenen Wochen und Monaten haben Sie einige Schritte an der Seite Ihrer sterbenden Angehörigen tun können. Irgendwann waren Sie dann allein, der oder sie Sterbende ist Ihnen enteilt, vielleicht hören Sie noch immer den Nachhall seiner Schritte, oder spüren etwas von ihrer Anwesenheit. Die verstorbene Person ist auf eine ganz eigenartige Weise gegenwärtig. In der Erinnerung an gemeinsame Tage und in der Sehnsucht nach einem Wiedersehen, überschreiten Sie die scheinbar so hohe Grenze, an der unser Verstand verzweifelt. Trauernde Menschen sehen manchmal weiter, weil sie sich konzentrieren, so viel Unwichtiges tritt zurück.

Was bleibt, schreibt Paulus den Korinthern an anderer Stelle, ist die Liebe.

Es ist gut, wenn wir dort, wo wir nicht hinschauen können, wo unser Verstand nicht hinreicht, Liebe, Gottes Liebe vermuten und erhoffen. Dann können wir getrost Abschied nehmen. Dann können alle Erinnerungen der Liebe im Leben der Verstorbenen, Vorzeichen werden, Hinweise auf ein ewiges Leben in Gottes Geborgenheit mit jenem neuen Leib, den er einem jeden von uns einst geben wird.  Der Herr des Lebens,  des Sterbens und des ewigen Lebens schenke Ihnen, die Sie heute um einen gestorbenen Angehörigen trauern, die Kraft Abschied zu nehmen, die Liebe zum Erinnern, die Klugheit vom Sterben zu wissen und den Glauben, der sich davor nicht zu fürchten braucht.

Amen.

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Reformationstag

31. Oktober 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, der junge Mann geht schneller. Das kleine Dorf ist schon in Sichtweite, aber er wird es nicht mehr erreichen, um dort Unterschlupf und Schutz zu finden. Der Sturm bricht mit voller Gewalt los. Jäh stürzten die Regenmassen herab, gleißende Helligkeit der Blitze und brüllender Donner jagen einander. Der junge Mann blickt voll Grauen in den Abgrund der Vernichtung. Plötzlich fährt aus dem Inferno eine grelle Riesenfaust neben ihm herab, er schreit in Todesangst: “Hilf, du liebe Sankt Anna, ich will Mönch werden.“ So beginnen viele Biografien Martin Luthers. Das Gewitter bei Stotternheim überlebte er dank eines Gelübdes. Er trat einem strengen Orden bei, und mühte sich Tag und Nacht durch fromme Werke einen gnädigen Richter-Gott zu bekommen. Heutzutage hätte Martin Luther nach den Schrecken des Gewitters wohl eher eine Blitzschlagversicherung abgeschlossen und eine Vollkasko Reiseversicherung sicherheitshalber dazu. Wegen seiner Schwermut und seiner Todesgedanken hätte er sich einem Psychotherapeuten anvertraut, die Therapie würde seine Krankenversicherung übernehmen. Statt eines Lebens im Kloster hätte er wohl eher auf einen bewussten Lebensstil wert gelegt. Gesunde Vollkost, ab und an ein im Mondschein gepflügter Apfel, ein Haus frei von Elektrosmog, ein kleines, abgasarmes Auto. Er wäre Mitglied bei Amnesty international oder im Tierschutzverein. Eine Lebensversicherung für Katharina und die Kinder, ergänzten den Bausparvertrag. Unsere Gesellschaft heute böte Martin Luther viel mehr Sicherheiten, als er sich vorstellen könnte. Ob er durch sie Gottes Gerechtigkeit gefunden hätte, die Freiheit vom anklagenden Gott-Richter, sei dahin gestellt. Viel wahrscheinlicher scheint es mir, dass er danach gar nicht gesucht hätte: nach einem gerechten Gott. So fragen wir heutigen Menschen nicht. Wir fragen viel eher überhaupt nach Gott. Gibt es den überhaupt? Oder noch anders, der baskische Theologe und Soziologe Joseba Arregi hat es in einem jüngst erschienenen Artikel auf den Punkt gebracht[1]:Die moderne Gesellschaft in Kultur und Wissenschaften ist auf der Annahme gegründet, dass es Gott nicht gibt. Darin entscheidet sie sich grundlegend vom Mittelalter. Schon bevor der Philosoph Friedrich Nietzsche den Tod Gottes bekannt gab, hatte der Naturwissenschaftler Pierre Simon de Laplace erklärt,er käme in seiner Wissenschaft auch ohne diese Hypothese aus. Aber dann,nachdem der Tod Gottes verkündet war, da entstand ein Leerraum, da es fehlte eben doch etwas. Der Leerraum musste unbedingt und sofort wieder aufgefüllt wurde. Der Schöpfergott wurde durch die Naturwissenschaften, die Technik und Industrie ersetzt. Und Gott, den Retter ersetzten die Revolutionen der vergangenen Jahrhunderte. Die Frage: warum Gott denn all das Böse auf der Welt zulasse, diese Frage wurde nun der menschlichen Verantwortung gestellt.Wer davon ausging, dass Gott tot sei, musste einen übermenschlichen Menschen annehmen, einen Supermenschen oder Übermenschen. Und der nimmt nun alles in die Hand, scheitert, wird verunsichert und beginnt, Sicherheit zu schaffen. Maueren werden gezogen, zunächst um zwei feindliche Machtblöcke  voneinander zu trennen – dann mauert sich das reiche Europa ein, sichert sich gegen die Armen aus aller Welt. Schutzbriefe werden angeboten – nicht nur vom ADAC: Versicherungen und rechte Lebensstile, gesunde Lebensführung und Wege zum Erfolg. Heute spricht man nicht mehr davon, dass Gott tot sei, sondern Gott ist jetzt in allem, was Menschen zu ihrem Heil schaffen. Über Gott denkt man in unserer Gesellschaft nicht mehr so isoliert, so persönlich, Gott befindet sich in all diesen Absicherungen. Je bewusster, je positiver jemand lebt,je freudiger jemand in diesem Regelwerk von rechter Lebensführung aufgeht,je näher weiß er sich Gott, oder spricht vielleicht lieber, von der Weisheit des Universums, oder von Umwelt und Globalität. Der junge, ängstliche Martin Luther in seinem Bemühen ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, gehörte heute zu denen, die in ihrem Kühlschrank schon den Impfstoff gegen die Vogelgrippe vorhalten. Nun feiern wir aber morgen mit dem Reformationsfest weder den schrecklichen Richtergott noch den nicht weniger schrecklichen Gott, den man in menschliches Sicherheitsstreben sublimiert hat. Wir gedenken der Wiederentdeckung des Evangeliums von Jesus Christus, der Wahrheit Gottes, die uns frei macht und die steht menschlicher Werkgerechtigkeit entgegen.   Genauso wenig, wie der historische Luther sich durch die verdienstvollen Werke der Möncherei befreien konnte, genauso wenig gelänge es einem modernen oder gar postmodernem Luther durch vernünftige Absicherung seines Lebens zu einer wirklichen Freiheit zu finden. Der Tod Gottes ist ja keine Erfindung der Neuzeit, sondern Karfreitagsgeschehnis vor 2000 Jahren. Nur, das es nicht darum geht, dass sich der Mensch und seine Institutionen an die Stelle Gottes setzten sollte, sondern an der Stelle Gottes, findet sich ein Mensch, leidend,sterbend, verzweifelnd, ein Mensch am Kreuz, ein Mensch mit seinem Kreuz.   Immer wieder wird versucht zu Gott zu kommen, ohne den Sohn, ohne diesen armen, leidenden Menschen. Martin Luther in den schier übermenschlichen Mühen im Kloster scheitert genauso, wie wenn heutige Menschen sichere Wege beschreiten, die zu Gott führen sollen, ohne den armen, leidenden Mann auf Golgatha mit zu bedenken. In unserer Gesellschaft wird der Tod des biblischen Gottes, viel zu schnell, viel zu bereitwillig als Tatsache hingenommen, ohne sich die Mühe zu machen, auf die Umstände seines Todes zu achten und sie zu deuten. Aber hier liegt die Botschaft, die Wahrheit Gottes: Am Kreuz gestorben,das heißt mit menschlichen Leiden, mit Unfähigkeit und Armut identisch geworden. Auferstanden, das bedeutet Gott lebet zwischen den Menschen, mit ihnen in ihrer Unsicherheit und Ambivalenz. Es gibt keinen Königsweg zu Gott,nur einen Leidensweg. Die Kirche gerät in Panik, wenn ihr das Geld ausgeht,dabei erkennt sie nicht, dass gerade so, arm, verunsichert, ohne eigene Mittel,sie ganz auf Gott angewiesen und ihm somit ganz nah ist. Der Tod Gottes bedeutet nicht sein Verschwinden sondern die Verwandlung unseres Bildes von IHM. Gott muss nicht ersetzt, sondern gesucht werden. Die Frage lautet nicht.Gibt es Gott? sondern:  Wo ist Gott? Die Antwort auf diese Frage ist die Wahrheit Gottes, die frei macht. Joh 8,31s

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: 

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort,

so seid ihr wahrhaftig meine Jünger

und werdet die Wahrheit erkennen,

und die Wahrheit wird euch frei machen.

    Die Wahrheit, die Martin Luther durch Jesus Christus von Gott erfuhr war diese: Gott steht mir nicht nur als Richter gegenüber sondern er steht neben mir und tritt für mich ein. Diese Wahrheit in die heutige Gesellschaft übersetzt heißt, Gott ist nicht so tot, wir müssen ihn nicht ersetzen. An seine Stelle müssen keine Übermenschen treten, oder finanzstarke Institutionen, keine Pflichtprogramme zum sicheren Leben, sondern Gott hat uns begrenzte Verantwortung gegeben und den Auftrag: Menschen zu sein und für andere Menschen da zu sein. Niemand muss für sein Heil Sorge tragen. Unser Leben einzusetzen, dazu sind wir frei, das ist die Wahrheit Gottes, Er nur Er gibt Sicherheit.  Amen.

 [1] Joseba Arregi, ?Dónde está Dios?, in EL PAÍS – Opinión, 31.08.2005

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18. Sonntag  nach Trinitatis (Goldene Konfirmation)

25. September 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 Liebe Goldene Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Angehörige und Freunde, liebe Gemeinde, 

wie sah es in unseren Kirchen aus, in die vor 5o Jahren Jungen und Mädchen konfirmiert wurden?   Voller waren sicherlich die Gottesdienste und vielleicht auch ernsthafter.Die Nachkriegsjahre prägten die Gesellschaft. Erst langsam ging es aufwärts, dann immer schneller, auch mit den Kirchen.  Als Ihre Kinder konfirmiert wurden, baute man schon neue Kirchen und viele Gemeindehäuser, jede Menge Gruppen wurden ins Leben gerufen, nicht alle waren Bibelkreise, Tischtennis wurde gespielt und gebastelt. Singkreise und jede Menge Diskussions- und Gesprächsgruppen trafen sich. „In der Kirche ist vieles möglich“, hieß es, „die sind nicht mehr so eng“, und  „die Kirche hat Geld“.   Auf die Gefahren dieses Reichtum,  achtete niemand und man musste schon in die – damals so genannte   3. Welt reisen  um von dortigen Theologen an eine Wahrheit erinnert zu werden, die schon Martin Luther bezeugte: Kennzeichen der wahren Kirche ist die Armut.  Probleme mit dem Reichtum, davon handelt auch unser heutiger Predigttext. Er findet sich im Markusevangelium im 10. Kapitel, in den Versen 17 – 27: 

Und als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei,  kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm:  Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als  ott allein. Du kennst die Gebote:  »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.« Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm:  Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben,  und komm und folge mir nach! Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern:  Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe,  als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander:  Wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich,  aber nicht bei Gott;  denn alle Dinge sind möglich bei Gott.  

   Jesus sieht hinter die blendende Fassade des reichen Jünglings. Und was er sieht ist traurig. Sein Reichtum wird dem jungen Mann um Verhängnis. Er möchte etwas tun, dass ihn wirklich zufrieden macht –  das ewige Leben erreichen, wie er sagt. „Schade“, sagt Jesus. „Er wollte wohl, aber er konnte nicht.“ Eine traurige Geschichte, weil ein Mensch nicht mehr Herr seiner selbst ist, nicht mehr tun kann, was er will, sondern abhängig ist von  Dingen, Sachen, Ansprüchen, die sein Leben bestimmen.  Ich denke, wir alle leben bis zu einem bestimmten Grad in solchen Abhängigkeiten. Geld und all die Wünsche, die man sich erfüllen kann. Geld und all die Sorgen, die es macht, wenn es fehlt.  Und es fehlt tatsächlich in immer mehr Haushalten, es fehlt auch immer mehr in der Kirche, jedenfalls wenn man sie mit den vergangenen Jahrzehnten vergleicht. Der materielle Standart unserer Gesellschaft ist sehr, sehr hoch.   Hans im Glück, dem jungen Mann aus dem Märchen,  gelingt es, im Unterschied zum reichen Jüngling der biblischen Erzählung, sich  aus dem Teufelskreis  des Reichseins und nicht Loslassenkönnens und Immermehrbrauchens zu befreien.   Seinen Goldklumpen auscht er gegen ein schnelles Pferd, dann gegen eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, alles verliert bald seinen Reiz. Zuletzt bleibt ihm ein  Schleifstein. Doch erst als dieser beim Trinken in den Brunnen fällt, ist Hans wirklich im Glück. Er kniete nieder, dankte Gott mit Tränen in den Augen, dass er ihn auf eine so gute  Art, ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte von dem schweren Stein befreit hätte. „So glücklich wie ich,“, rief er aus,  „gibt es keinen zweiten Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei aller Last, sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.   Ein bisschen naiv erscheint der gute Märchenhans schon, aber es läuft auch in dieser Geschichte auf die Alternative hinaus: Glücklich, daheim, frei aber arm oder reich aber sorgenvoll, unfrei und sich selbst entfremdet.   „Schade“, seufzt Jesus: “ Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe,  als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“.   Aber dann antwortet Jesus auf die Frage eines Jüngers nach der Hoffnung für die Reichen: „Bei den Menschen ist's unmöglich,  aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“     Da kommt also ein kleines bisschen Hoffnung in die traurige Geschichte des reichen Jünglings und vielleicht auch in die einer reichen Kirche.     Gott glaubt an die Möglichkeit,  dass ein Leben sich befreien kann von dem, an dem es zu ersticken droht. „Gib alles auf und fang ein ganz anderes Leben an“, einfacher allerdings  macht es Jesus auch dem reichen Jüngling nicht.     In der Nähe Jesu kommt es zu einer Bestandsaufnahme: „Ich lebe ziemlich anständig“, sagt der Reiche, „aber ich habe noch nie etwas getan, was wirklich der Mühe wert gewesen wäre – das ewige Leben – das kenne ich noch nicht“.      Mich regt diese Begegnung an, die Rolle des reichen Jünglings  einmal neu zu vergeben. Ich denke, unsere Kirche könnte seinen Part im Gespräch mit Jesus übernehmen.    Warum ich gerade an die Kirche denke, nun, weil ihr Reichtum ihr auch dauernd zum Problem wird. Nun werden vielleicht einige von Ihnen stutzen. „Da wo  wir herkommen ist die Kirche nicht mehr reich, jedenfalls klagt sie andauernd über fehlende Geldmittel.“   Genau das meine ich, um  reich zu sein, reich im biblischen Sinne, braucht man nicht viel Geld zu haben, es reicht, dass man immer ans Geld denkt. Einmal daran gewöhnt ist reich, wer vom Geld abhängt, wer meint ohne Geld geht nichts mehr.    Ich habe lange Jahre meines Lebens in  Lateinamerika gelebt und dort erfahren, wie man Christ sein kann ohne an Geld überhaupt zu denken.  Wir haben Gottesdienste in Hütten und Schuppen gefeiert. Die Kinder haben gesungen, manchmal war eine Gitarre dabei, und im Gebet konnte jeder sagen,  was er oder sie auf dem Herzen hatte  und Gott anvertrauen wollte.      Niemals wäre ein Gottesdienst ausgefallen, weil etwas fehlte, weil es kalt war oder durchs Dach regnete, oder weil nur wenige Menschen zusammen gekommen waren.     Ich möchte dies alles jetzt nicht idealisieren, ich möchte nur sagen, wenn Jesus Schwierigkeiten mit den Reichen hat, dann geht es ihm um die Menschen und Institutionen, die meinen, nur wer was hat, kann bei Gott auch was werden.   Aber das Gegenteil ist richtig: Jesus preist die Armen selig und das meint die Menschen, die sich von Gott alles Wichtige schenken lassen.   ir müssen wieder lernen, arm vor Gott zu treten, und dass heißt für eine Kirchengemeinde, aber auch und gerade für Eltern und Großeltern diesen Kern unseres Glaubens, den Sie och noch von früher aus Ihrer Konfirmandenzeit kennen, weiter zugeben.   In der Lesung hieß es: Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, wir können ergänzen nicht Gebäude oder teuere Einrichtungen, sondern Gerechtigkeit u d Friede und Freude in dem heiligen Geist. (Röm 14,17-19)     Sie liebe Goldene Konfirmanden wissen davon. Das Gold, das Ihnen heute zugesprochen wird, ist nichts materielles, sondern Ihre Lebenserfahrung, Ihre Glaubenserfahrung, Ihre Erinnerungen an eine Kirche, die mit bescheidenden Mitteln lebte, arm,  aber mit einem Schatz im Himmel.    Gerade junge Menschen, Ihre Enkel dürfen nicht den Eindruck bekommen,  Kirche wäre eine Institution, die langsam im Aussterben begriffen ist, weil ihr das Geld ausgeht und weil Gebäude geschlossen  oder Veranstaltungen gestrichen werden müssen.    Stehen Sie Ihrer Kirche bei in diesem Prozess des Ärmerwerdens, damit sie Ihren Kindern und Enkeln glaubwürdig, von jenem armen Menschen aus Nazareth berichten kann, den Gott seinen Sohn nannte, damit er Sie und mich, uns alle mit seinem heil beschenken kann.  

Amen.

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16. Sonntag nach Trinitatis

11. September 2005

Liebe mittelalterliche Hafengemeinde,

   ein Hafen ist ein Umschlagplatz für Waren aller Art. Wenn wir uns gleich im Anschluss an diesen Gottesdienst in das Hafentreiben begeben, dann bekommen wir einen Eindruck davon. Viel Interessantes gibt es dort zu erwerben, neugierig könne wir den verschiedenen Handwerkern und Künstlern zusehen. Ein Hafen ist auch ein Umschlagplatz für Nachrichten, Hoffnungen, Gerüchte und Geschichten, und wer ein geübtes Ohr hat - und Bewohner von Hafenstädten haben darin eine große Erfahrung, - wer im Hafentreiben genau hinzuhören versteht, der weiß mehr aus der Welt und von Hoffnungen mehr, als manchem Mächtigen lieb ist. Der christliche Glaube, nicht die Staatsreligion, der Glaube des Volkes, lebt auch von solchen subversiven Geschichten, in denen von einer Macht die Rede ist, die die Herrscher mit Furcht erfüllt, weil sie ihnen nicht zur Verfügung steht. Aus solchen Geschichten setzen sich die Evangelien zusammen. Aus Geschichten über die göttliche Macht Jesu und über seine Worte, die von einem Reich der Freiheit sprechen - reich für das Volk und nicht für die schon immer Reichen, - von Lebensmöglichkeiten außerhalb der festgelegten Erfolgsleitern und versklavenden Konsumzwängen. Die Agenten der vorgeschriebenen Lebensformen erschraken und trachteten schon früh nach dem Leben Jesu:

12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin diese Worte gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.  (Mk 12,12)

   Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu wurden die Geschichten noch gewagter. Die Hoffnung auf Befreiung noch brennender. Befreiung von allem das den Tod bringt. Es wurde immer gefährlicher solche Geschichten zu erzählen. Das letzte Buch der Bibel ist deshalb in einer Geheimsprache verfasst. Die Offenbarung des Johannes versteht nur, wer die Codenamen und Schlüsselworte richtig deutet. In den Hafenstädten der Welt wurden solche chiffrierten Botschaften einander zugeraunt und unter die Leute gebracht.

„Die Tage der großen Abzocke sind gezählt.“„Die Gefängnisse sind überfüllt.“„Immer mehr Sklaven werden Christen.“

   Der christliche Glaube, nicht die offizielle Religion, lebt und überlebt in den Herzen und Geschichten der Menschen in allen Jahrhunderten.    Die Geschichte vonJohn Newton zum Beispiel, eine Geschichte, die auch nicht allen gefallen hat, am wenigsten seinen hochkarätigen Geschäftspartnern.John Newton, nämlich, war Sklavenhändler. Er wurde am 24 Juli 1725 in London geboren. Sein Vater war Kommandant auf einem Handelschiff, das die Häfen am Mittelmeer anlief. Als John Newton 11 Jahre alt war, begann er mit seinem Vater zur See zu fahren. Nach wechselhaften Jahren als Seemann wurde er selbst Kapitän auf einem Schiff, das Sklavenhandel betrieb. Eines Nachts geriet das Schiff in einen fürchterlichen Sturm und alle wussten, wir werden sinken. Der Kapitän John Newton auf der Brücke - er war niemals ein frommer, religiöser Mensch gewesen, aber in jener Nacht rief er: „Lord, have mercy upon us. Herr sei uns gnädig.“ Das Schiff wurde gerettet und später in seiner Kabine grübelte Kapitän Newton über das Erlebte nach. Gott hatte das Schiff gerettet. Seine Gnade war es und galt sie nicht allen auf dem Schiff: der Mannschaft und auch der Ladung – den Sklaven?    Zeit seines Lebens beschäftigte John Newton diese Frage und er hörte nicht auf, sich zu wundern, zu wundern über diese erstaunliche Gnade Gottes:    Amazing Grace. Der ehemalige Kapitän des Sklavenschiffes erzählt in diesem Lied seine Geschichte die Geschichte der Gnade Gottes, die ein falschgelaufenes Menschenleben wie das seine rettete: I once was lost, but now I am found, I was blind, but now I see. Ich war verloren doch nun bin ich gefunden. Ich war blind, doch nun kann ich sehen. Der Sklavenhändler sieht dank der Gnade Gottes die Brutalität und Erbarmungslosigkeit des Wirtschaftssystem, das sich auf die Versklavung von Menschen gründet. Erst im Jahre 1865 wurde in den USA die Sklaverei abgeschafft. Amazing Grace ist ein Lied in der Tradition der Gospelsongs, die unserem heutigen Gottesdienst seinen Inhalt geben. Die Gospel-Musik, entstanden aus den Liedern der farbigen Amerikaner in den Südstaaten der USA. Die Gospel-Songs drücken nicht nur  die Liebe zu Gott, sondern auch zum Leben und den Menschen aller Rassen und Hautfarben aus.Das sind subversive Gedanken in einer Sklavenhaltergesellschaft. Beinahe alle der ersten Afrikaner, die die Neue Welt erreichten, waren Sklaven. Sie mussten in den Städten oder in der Landwirtschaft arbeiten. Die, als heidnisch verdächtigten Trommeln wurden ihnen in ihren Gottesdiensten verboten. So entstand als die typische rhythmische Begleitung ihrer Lieder das Klatschen und das mit den Füßen stampfen. Viele Gottesdienste waren geheime Treffen um gemeinsam Freud, Leid und Hoffnungen zu teilen. Auf solchen Treffen hörten Tausende von Sklaven herumziehende Prediger und sangen ihre Lieder, von der Botschaft von Jesus Christus und seiner für sie guten Nachricht,dem Evangelium - demGospel. Gospel – Songs sind Lieder, in denen das schwarze Volk von seiner Befreiung erfährt. „Our God is so good,he set us free, praise him, praise him…”so haben wir vorhin gehört. Die Sklaverei macht es notwendig, bestimmte Dinge nicht offen auszusprechen. So singen sie Oh happy day und meinen den Tag ihrer Befreiung. In der verschlüsselten Sprache der Sklaven hießen die Gebiete ohne Sklaverei: “my home” oder “the Promised Land”. Diese Land war auf der nördlichen Seite des Ohio, den man in der verschlüsselten Sprache “Jordan” nannte. „Down by the riverside gonna lay my bourdon down ...“ auch dieses Lied haben wir heute gehört.   

So sind wir in Gedanken im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika, in den Regionen, in denen auch heute noch die meisten armen und farbigen Menschen leben. Wir haben von den geheimen Nachrichten und Gerüchten in den Hafenstädten gesprochen. Aus der Hafenstadt New Orleans hörte man zu Beginn dieser Woche: erst leise mit unterdrückter Stimme und dann immer lauter: „Alle Weißen sind oben in den Hotels" Dunkelhäutige Hurrikan-Opfer müssen noch immer auf Hilfe und Versorgung warten.  Die Fotos aus New Orleans gleichen sich: Sie zeigen verzweifelte und ängstliche Menschen, meist dunkelhäutig. Die Folgen des Hurrikans „Katrina“ treffen die Ärmsten der Armen in der überfluteten Stadt. „Hier sehe ich nur Schwarze“, sagt Cassandra Robinson, die mit ihrer Familie tagelang auf einem Parkplatz ausharrte. „Alle Weißen sind oben in den Hotels.“  Vor dem Eintreffen von „Katrina“ waren nach Angaben des Bürgermeisters schon 80 Prozent der Einwohner evakuiert worden. Diejenigen, die zurückblieben, waren Menschen ohne Autos und Geld, und dann heißt es in einer Zeitung: "Erbe von Sklaverei und Unterdrückung ungebrochen" Mehrere prominente Schwarze übten am vergangenen Wochenende scharfe Kritik an den Behörden. Bürgerrechtler Jesse Jackson sagte: „In New Orleans, wo die Sklavenschiffe angekommen sind, ist das Erbe von 246 Jahren Sklaverei und Unterdrückung heute ungebrochen.“  Und der Rap-Star Kanye West: „Wenn eine schwarze Familie gezeigt wird, heißt es, sie plündert. Wenn man eine weiße Familie sieht, heißt es, sie ist auf der Suche nach Essen.“[1]    

   Liebe Hafengemeinde, nun sind wir nicht mehr im Mittelalter sondern im 21. jahrhundert angekommen. Aber wir sind im Hafen geblieben. Und wir wollen heute bewusst die Traditionen des Hafentreibens feiern, und dazu gehören auch die offenen Ohren und Herzen der Menschen einer Hafenstadt, die mehr hören.  Ein Hafen ist auch ein Umschlagplatz für Nachrichten, Hoffnungen, Gerüchte und Geschichten, Geschichten von Menschen, die Erfahrungen mit Gott machen. Geschichten, die unsere Bibel weitererzählen, immer wieder neu,von der Liebe Gottes, von der Hoffnung auf Befreiung durch IHN, Befreiung von allen und allem, was unser Leben versklavt.    Von welchen Hoffnungen auf welche Zeichen der erstaunlichen Gnade Gottes warten wir, heute am 11 September, was trauen wir uns weiter zu sagen? Hoffnungen im Hafengetriebe:  Mir sagte jemand, hier im Hafen, „Ich träume von dem Tag, an dem die Mensch wenigstens als Opfer gleich behandelt werden.“ Und ich hörte wie eine Mutter ihrem Kind erklärte. „Die USA sind reich, ja das stimmt für einige, aber es gibt dort auch sehr, sehr viele arme Menschen, die hat Gott besonders lieb, denn sie sind wie sein Sohn Jesus.“   Ein Stück Papier aus New York lag hier auf der Erde. Der  Padre Luis Barrios von der Iglesia San Romero de Las Américas schreibt: es ist fürchterlich, wie viele reiche Gemeinden sich hier so billig aus der Affäre ziehen in dem sie sagen und meinen damit auch noch fromm zu sein: „Gott hat das Hochwasser  gebracht, er wird auch wieder helfen.“ Padre Barrios setzt dagegen diesen Satz „Eine Religion, die dir sagt, dass du nur nach oben schauen sollst und dass das Leben hier auf Erden nur niedrig und minderwertig ist, dass es deine  Aufmerksamkeit nicht verdient, eine solche Religion ist die Garantie dafür,dass du dich bei jedem Schritt stößt und dass du dir die Zähne ausbeißt und die Seele zerbrichst an den Steinen, die ganz und gar von dieser Erde sind.“[2] 

Amen


[1] Der Abschnitt über die Folgen des Hurrikans „Katrina“  enstand aus Zitaten aus einem Artikel erschienen am So, 4. September 2005 in Der Welt. 

[2] Padre Luis Barros veröffentlichte seinen Kommentar „Dios, Katrina y Bush“ im Internet unter http://www.esfazil.com.

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3. Sonntag nach Trinitatis

12. Juni 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, Bußpredigten werden nicht nur in der Kirche gehalten. Bußpredigten werden überall laut: in der Familie, im Betrieb, im Bundestag, in Politik und Wirtschaft. „Denke um – ändere dich!“ Denn das heißt Buße: Umdenken, sich ändern.  An Bußpredigten herrscht also zur Zeit kein Mangel. Seit Jahren wird in der Kirche gedroht, gravierende Änderungen stünden bevor, es müsste umgedacht werden, neue Wege gefunden werden… Aber was kommt dabei heraus?  Ich fürchte, bei den meisten mahnenden Worten herzlich wenig. Bußpredigten sind oft in den Wind geredet. Darüber laut zu klagen, ändert auch nichts an der Bereitschaft, iin sich zu gehen und sich zu ändern. Warum haben Franzosen und Holländer den massiven Aufrufen europäischer Politiker nicht Folge geleistet, einen neuen, besseren Rahmen für Europa zu schaffen?  Ich meine es liegt an einer Angst, die uns allen nicht fremd ist. Wer aufgefordert wird, in sich zu gehen, umzudenken und anders zu leben als bisher, der spürt ganz deutlich: ich soll etwas aufgeben, nicht nur liebgewordene Gewohnheiten, sondern auch Vorteile und Privilegien. Ich soll etwas als falsch erkennen, in dem ich mich doch gut eingerichtet habe, ich soll loslassen, was mir bisher Halt gab. Wenn jemandem so etwas zugemutet wird, bekommt man natürlich Angst. Einen sicheren Schutzraum verlässt niemand so einfach. Aber muss eine Bußpredigt eigentlich solche Ängste erzeugen? Ich meine: Nein. Angst entsteht immer dann, wenn eine Bußpredigt gottlos ist. ich meine dies ganz wörtlich. Gottlos ist eine Mahnrede, wenn in ihr Gott nicht vorkommt, wenn so gesprochen wird, als ob es Gott nicht gäbe. Gottlose Bußpredigten richten wenig aus. Und vielleicht liegt das ja auch in Gottes Absicht. Gott will nicht, dass ich aus Angst Entscheidungen fälle. Gott geht anders mit seinen Menschen um. Den Bußpredigten ohne Gott, die Ängste wecken, stellt unser heutiger Predigttext eine Bußpredigt Jesu gegenüber, die nicht droht, nicht schimpft und wettert. Jesus säht nicht Panik. Jesus erzählt ein Gleichnis: Lk 15,11-16

Ein Mensch hatte zwei Söhne.Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden;  er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Auch dieses Gleichnis ist eine Bußpredigt, ein Ruf, heimzukehren zu Gott. Der Unterschied ist deutlich: Jesus sieht nicht von Gott ab. Und so ersetzt er die Kälte, die häufig von Ermahnungen und Kritik ausgeht durch eine Wärme und Herzlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Buße und Umkehr, zu der Jesus ruft, sind anders, er erzählt, er prägt uns ein Bild ein, dass die Ängste bannt und eine neue Freiheit ankündigt. Buße, Umkehr sind nicht Einengung und Beschneidung sondern neue Möglichkeiten, Gott begleitete Wege. Dafür lässt sich werben. Wenn ein Mensch noch so weit weg ist, verzweifelt – aussichtslos,Gott sieht ihn, der Vater geht ihm entgegen und öffnet die Arme.  Wo sich einer so über mein Kommen freut, da habe ich keine Angst mehr. Buße, Umkehr ist also dort möglich, wo ich auf dem neuen Weg Gott treffe, wo er mich in den veränderten Umständen erwartet. Wo dies nicht der Fall ist, ist Umkehr sowieso sinnlos. Was von Gott wegführt zerstört unser Leben. Deshalb gilt es zu  Unterscheiden, zwischen gottloser und gottgewollter Umkehr. Wer neue Wege für die Zukunft predigt, muss zeigen, wo auf ihnen Gott anzutreffen ist. Ich glaube von ganzem Herzen, dass Gott auf vielen neuen Wegen mir so entgegen kommt, wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Und wie oft sehne ich mich nach neuen Wegen, nach einer Umkehr aus auswegslosen Situationen. Unsere Kirche braucht neue Strukturen für die Zukunft, Europa braucht einen festen Rahmen um allen Menschen eine würdige Zukunft bieten zu können. Es gibt so viele Beispiel wo unser Leben Erneuerung bedarf. Aber die Ängste sind groß. Die Ängste davor, anzuerkennen, dass viel brauchbares Erbe in falschen Wegen verspielt wurde, dass scheinbar gute Freunde uns verlassen haben, dass Kraft und Geld nicht ausreichen für ein Leben nur nach unseren Wünschen. Gott lädt und ruft zur Umkehr: Nicht das Verharren im Alten, sondern der Weg ins Neue führt heim zu Gott. Ich will damit beginnen, es anders zu machen. Ich will den Gott suchen, der mir wie ein Vater, mit geöffneten Armen ausder Richtung entgegen kommt, in die ich nicht oder nur ängstlich zu blicken wagte. Wir allen können damit beginnen, die Angst vor neuen Ideen und auch voreinander abzubauen. Vielleicht mit einem Schmunzeln, zu dem uns Karl Valentin einlädt, mit einem Schmunzeln, aus dem, wenn man genau hinblickt so etwas wie Trauer spricht: Karl Valentin hat die Schwierigkeit mit der Umkehr und den neuen Wegen so ausgesprochen: „Wollen täten wir schon mögen –  aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“ Wie können wir dazu beitragen, dass jemand sagt: „Dürfen habe ich mich schließlich doch getraut.“ Jesu Gleichnis lädt die verlorenen Söhne und Töchter dazu ein, sich auf den Heimweg ins Haus ihres Vaters zu machen.  Ich denke in der trüben gedrückten Stimmung, nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserer Kirche, wäre dass doch etwas: wir fangen neu damit an, nach Gott zu suchen. Wo ist er? Wo kommt er uns entgegen? Viel Geld wurde in vergangenen Jahrzehnten in vielerlei angelegt und ausgegeben. Nun da es alle ist, kommt die Zeit zu fragen, was ist eigentlich ganz wichtig für unser Leben? Vielleicht spüren wir nun auf einmal, seit langer Zeit, echten geistlichen Hunger, der mit Geld nicht zu stillen ist. Und wir begreifen die Kraft, die Hände zum Gebet zu falten ist unbezahlbar, aber Gott schenkt sie uns.  Ein Segenswort von Eltern für ihre Kinder bedarf keines besonderen Raumes, kann unbeholfen sein und wenig ins Auge fallen, ist aber das Beste und Wertvollste, das wir einander geben können.

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Erst als seine Kassen leer waren, als er alles ausgegeben hatte, als er arm war wurde der verlorene Sohn auch frei, in Gottes Arme zu laufen. Amen

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Pfingsten

15. / 16. Mai 2005

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den Pfingstmontag ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie steht im 1.Mose 11,1- 9

 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So  zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder. 

   Ich verstehe diese alte Geschichte so: Immer wieder erliegen Menschen der Versuchung durch Großleistungen näher an Gott heranzukommen. Türmer, die in den Himmel streben, wollen bei Gott Eindruck schinden oder schlimmer noch, suggerieren sich selbst, sie wären schon wie Gott. Großbaumeister, zu schade für die normalen Aufgaben des Lebens, wie freundlich sein, zugänglich, um die Mitmenschen bemüht. Gott bestraft die Himmelsstürmer. Nicht weil er etwas gegen Sich-Bemühen und Leistung hätte, sondern weil die Richtung stimmen muss. Die Richtung geht nichtweg von den Menschen in den Himmel, sondern hin zu den Mitmenschen, dorthin, wo man sich umeinander bemüht. Dort herrscht der Geist Gottes. Der Pfingstgeist. Er ist es auch der die Strafe Gottes bestimmt. Eine Strafe, die führt, lenkt und die zugleich Hilfe ist, Hilfe um zueinander zu finden.   Jeder Mensch hat seine Sprache, seine Art des Ausdruckes, in jedem Mund bekommen Worte eine andere, eigene, persönliche Bedeutung. Es ist ein Schritt auf einem Weg im Geiste Gottes, wenn ich beginne, die Sprache eines anderen Menschen zu verstehen, und wenn er oder sie zu mir spricht ohne die  Klischeeformen die Alltagsfurcht und –trott hervorbringen. Es ist ein Schritt weg von Gott, gegen seinen Pfingstgeist, wenn ich mich an eine Sache, einen Auftrag, ein Können, eine Vorliebe so verliere, dass ich den Kontakt zu meinen Mitmenschen verliere. Meine Sprache verrät mich. Es bleibt nur geistloses Hau – ruck! Fester zugepackt! Wir bauen einen Turm, der die Wolken durchstößt. Menschen erscheinen klein, wie Würmer, die umherkriechen. An allen denen habe ich etwas auszusetzen, sie müssten mehr tun, interessierter, fleißiger sein. Hau – ruck! Nicht müde werden – ... Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

   Die so gestraften Menschen müssen sich nun um den anderen bemühen. Behutsam seine Worte hören, erahnen wie er oder sie denkt. Langsam höre ich mich in die Sprache des anderen ein. So komme ich ihm oder ihr und sicher  auch Gottes Geist näher als durch das Hau – ruck permanenter Forderungen.Gottes Geist ist eine besondere Kraftquelle. Wenn wir sooft das Gefühl haben,die Quelle sei versiegt und vom Geist sei heute nichts mehr zu spüren, dann liegt das vielleicht auch daran, dass wir ihn in der falschen Richtung suchen. Kirche ist nicht dort, wo wir volle Häuser und interessante Programme vorweisen können, sondern dort, wo zwei oder drei im Namen Jesu zusammenkommen. Spiritualität ist nicht da wo am meisten Geld zur Verfügung steht, sondern dort, wo die meiste Hoffnung gehegt, wo am gründlichsten gebetet wird. Gottes Geist lässt sich nicht herbei zwingen. Weder durch einen Turm, der an den Himmel reicht, noch durch irgendeine andere menschliche Großtat. Er ist aber verheißen denen, die alle Hoffnung auf Gott setzen. Das fällt jedem schwer, der gewohnt ist, seine Leistungen anerkannt zu sehen. Das fällt demjenigen leichter, der erfahren hat, wie abhängig sein Leben ist und wie zerbrechlich, die Türme auf die wir uns manchmal stützen. Gott verheißt seinen Geist, was das für eine Leben bedeuten kann, sehen wir an Jesus. Gottes Geist führt uns neue Wege und befreit uns aus der Verhaftung in der Vergangenheit. Jesus entdeckt auf seinem Lebensweg neue Stationen des Gottesriches, Gottes Geist begeleitet ihn und fordert ihn heraus, so wird etwas vom Himmelreich auf Erden wahr und doch bleibt Gott auch ihm, Jesus, bis zum Ende ein Geheimnis. Gott sieht Wege und Aufgaben für uns, von denen wir noch nichts ahnen. Gottes Geist ist Freiheit. Freiheit, die vieles was uns unabdingbar erscheint, in Frage stellt.Viele Türme geraten ins Schwanken, wenn Gottes Geist weht. Der Geist der Freiheit führt uns zusammen mit allen, e für die Würde jedes einzelnen Menschen eintreten - für seine eigene Sprache – um es im Bild aus Babel zu sagen. Gottes Geist schenkt Unterscheidungsvermögen. Jesus in der Wüste lernt das Türmebauen als satanische Versuchung aus seinem Leben zu verbannen.   Nicht sein Wille zur Herrschaft macht ihn zum Messias, sondern, dass er sich offen hält für den Geist Gottes und dessen Unterscheidungen. -    Es gibt wichtigeres als die eigenen Bedürfnisse.-        Vorsicht vor Fanatismus und allem, was im eigenen Leben zu wichtig wird.-   Wir können Gott nicht zwingen, wir können ihm nur glauben.

   Gottes Geist führt uns zum Gebet. Und auch hier lernen wir: nicht die schönsten und größten Worte zählen sondern die, die mit unserm Leben verbunden sind. Jesus zeigt uns, wie das Gebet unser Zugang zu Gott ist. Den Hochmut der Türme weist Gott ab, die Demut des Gebetes erreicht sein Herz. Und damit gelangen wir zur Quelle des Lebens. Gottes Geist gibt Leben. Das wirkliche Leben, dass nicht durch Zahlen und Erfolge bestätigt werden muss, sondern das Leben in Wahrheit. Jesus lebte die Wahrheit. Er starb, weil er die Wahrheit nicht verraten wollte und weil er sich ihrer sicher war. So lebte in ihm der Geist Gottes. Mit Autorität trat er auch der Gesellschaft gewordenen Lüge entgegen. Verlogene Strukturen entlarvte er ebenso, wie an ihm die Falschheit, die hintenherum Verbündete sucht, bloßgestellt wurde.

   Gottes Geist ist Liebe. Und es ist die Liebe, die das Böse in seiner vielfältigen Form besiegen wird. Die Liebe ist die Kompassnadel, die uns zeigt, ob unsere Bemühungen und Anstrengungen in die richtig Richtung gelenkt sind. Menschen, die im Geiste Gottes handeln, erkennt man auch an ihrer Sprache.Ist es das Hau-ruck der Antreiber oder das aufrichtige Bemühen, den anderen zu verstehen. Wenn Gott den Turmbauern in den Arm fällt So  zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Dann lässt er sie, seine Menschen, dennoch nicht allein, sondern führt sie in einem Geist der Liebe. Aus Babel flohen die Menschen, ihr Irrtum eines Wohlauf – Hauruck – Weges“ zu Gott war zerstört. In Jerusalem am Pfingsttag begriffen einige, wohin Gottes Liebe sie führte: Menschen, die vom Geist Gottes ergriffen sind, verstehen sich und bemühen sich umeinander und halten so, die Schlüssel zum Himmelreich in Händen.

Amen.

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Konfirmationsgottesdienst

23. und 30. April und 1. Mai 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen,

   in einer Zeit, in der viele Leute sich von Jesus abwandten fragte er seine zwölf Jünger: „Wollt ihr auch weggehen? “Da antwortete ihm Simon Petrus:„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,66-69). Und der Hauptmann aus Kapernaum bittet Jesus:„sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“ (Mt 8, 8). Gesundheit und ewiges Leben wird von den Worten Jesu erwartet. Orientierung, Hilfe, Wegweisung, Reparatur zerbrochener Lebensbilder, so habt ihr Konfirmanden es bei eurem Vorstellungsgottesdienst dargestellt. Das alles kann man aus der Bibel herauslesen. Toll. Und dennoch ist es nicht so einfach. Sonst säe die Welt doch anders aus: Bibel aufschlagen, nachlesen Problem gelöst. Selig der Menschen, der Weisheit erlangt, und der Einsicht gewinnt! heißt es im alttestamentlichem Buch der Sprüche (3,13). Dazu eine kleine Geschichte aus Südamerika:

Ein Mann fing einmal einen wunderschönen Vogel und wollte ihn töten um in auszustopfen. Der Mann hob das Messer, als der Vogel zu reden begann: „Bitte schenk mir doch das Leben – ich gebe dir dafür drei einfache aber sehr nützliche Ratschläge für dein Leben.“ Der Vogelfänger war erstaunt, und versprach dem Vogel die Freiheit, falls seine Ratschläge wirklich gut wären. Daraufhin begann der Vogel: Erstens: „Glaube niemals etwas Törichtes – ganz egal, wer es dir sagt.“ Zweitens: „Niemals sollte es dir leid tun, eine gute Tat getan zu haben.“Und drittens: „Versuche niemals, etwas Unerreichbares zu erreichen.“ Dem Vogelfänger leuchtete die Weisheit dieser Ratschläge ein und er lies den Vogel frei. Diese flog daraufhin auf den ersten Ast eines Baumes und von dort verspottete er den Mann: „Du Trottel, warum hast du mich frei gelassen, wo ich doch in meinem Bauch einen riesigen Diamanten trage.“ Als der Vogelfänger dies hörte, bereute er es, den Vogel frei gelassen zu haben und beschloss, ihn wieder einzufangen. Er näherte sich vorsichtig dem Baum, doch als er den ersten Ast erreichte, hüpfte der Vogel einen Ast weiter höher, der Vogelfänger folgte ihm, auf den zweiten, dann auf den dritten, der Vogel war immer einen Ast weiter. Schließlich verlor der Mann das Gleichgewicht und stürzte auf die Erde, wo er sich beide Beine brach. Während er dann so, wimmernd vor Schmerz auf der Erde lag, näherte sich der Vogel und sagte. „Du hast gesagt, meine Ratschläge wären gut und weise, warum hast du dich dann nicht wenigstens fünf Minuten nach ihnen gerichtet? Ich sagte dir: ‚Glaube niemals etwas Törichtes – ganz egal, wer es dir sagt.’ Und du glaubst einem Vogel, er habe einen Diamanten im Bauch! Ich sagte dir: ‚Niemals sollte es dir leid tun, eine gute Tat getan zu haben’, warum hast du es bereut, mich frei gelassen zu haben? Und drittens riet ich dir: ‚Versuche niemals etwas Unerreichbares zu erreichen.’ Warum kletterst du auf einen Baum, um einen Vogel mit bloßer Hand zu fangen? Ihr Menschen habt das Radio und das Fernsehen erfunden um zu hören und zu sehen was Menschen auf der ganzen Welt sagen. Aber was ihr nicht habt, ist ein Apparat, der euch in die Lage versetzt, zu hören, was ihr mit eurem eigenen Mund sagt und zu glauben, was euer Herz rät.“[1] So weit die Geschichte aus Südamerika.

   Darum geht es: zu hören, was wirklich wichtig ist. Wenn wir sagen, es ist die Bibel, dann müssen wir uns auch um sie bemühen, unser Herz rät uns dazu.  Gottes Wort will nicht nur gehört werden so wie man eben tausend andere Dinge auch hört, wenn der Tag lang ist. Was strömt nicht alles auf uns ein. Nachrichten, Radio, Musik, Fernsehen, eine Flut von SMS und E-mails, im Briefkasten müllt die Werbung. Gottes Wort will so gehört werde, dass es gesund macht und ewiges Leben schenkt. Dazu gehört, dass man Gottes Wort erkennt, es identifizieren kann: Das ist es, - das kommt von Gott! Und Gottes Wort muss sich auch in Handlungen, in unserer Lebensweise, in unserer Einstellung zu den Mitmenschen ausdrücken. Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst,heißt es im Jakobusbrief (1,22).  Es geht also um ein sehr aktives, aufmerksames Hören des Wortes Gottes und der Worte Jesu. Noch einmal zurück zu diesen störenden Einrichtungen hier in unserer Kirche: Bunte Lichterketten, Bewegung, Fernsehen ... „Aha“, werden nun manche sagen, jetzt verstehen wir. Das alles ist es nicht: unernster Flitterkram und unnötige Ablenkung, Gottes Wort ist heilig, ernst und erhaben, daran erkennen wir es. Ich denke, es ist noch ganz anders, noch viel besser, noch viel größer: Es war Gottes Idee,  sein Wort in sehr menschliche Weise auf die Welt kommen zu lassen, gar nicht so abgehoben, ernst und feierlich. Es sind gerade nicht die größten menschlichen Leistungen in Kunst, Musik und guten Benehmen, die erbracht werden müssen um etwas von Gottes Wort zu verstehen oder weitersagen zu können. Es ist vielmehr umgekehrt. Nach biblischem Zeugnis spricht Gott sein Wort gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet, dort wo die Welt am wenigsten Herrlichkeit, Ruhm und Brillanz zeigt, d. h. in Armut, Unterdrückung, Rechtlosigkeit, dort wo das Leben an den Rand gedrängt wird in Resignation und Zukunftsangst. Davon handelt die Bibel. Dazu müssen uns die Augen geöffnet werden. Ihr Konfirmanden habt die Geschichten über Jesus gelesen. Ihm ging es um die armen um ihre Rechte betrogenen, unterdrückten Menschen. Mit ihnen tat er sich zusammen. Ihnen sagte er Gottes Wort. Für sie wurde er Gottes Wort. Das gibt mir zu denken. Vielleicht wissen ja schwarze Menschen mehr von Gott als Weiße. Vielleicht wissen Arme mehr von Gottes Fürsorge als Reiche. Schuldiggewordene wissen mehr von Gottes Liebe als die Gerechten. Und Kranke spüren die Nähe Gottes intensiver als Gesunde. Vielleicht wird in Asylantenheimen mehr und ernsthafter gebetet als in vielen bürgerlichen Wohnzimmern. Vielleicht sollten wir Leute zu uns reden lassen, denen wir sonst nie zuhören... Vielleicht wäre dieses Umdenken, eine gute Möglichkeit, uns auf das Wort Gottes zu konzentrieren und es nicht aus dem Ohr und Auge zu verlieren. Wir werden dabei merken, dass auch die Dinge, die wir oft als nicht ernst genug und oberflächlich abtun, mehr von Gott erzählen, als wir ahnen. So ging es dem Vogelpräparator aus der Geschichte. Und Leonardo Boff, ein brasilianischer Theologe, dem der heutige Pabst, als er noch Kardinal Ratzinger war das Lehren verboten hat, nennt sie Sakramente des Lebens, alle jene kleine oder große Dinge, die uns von der Gegenwart Gottes überzeugen, in den Geschichten, die sie von Begegnungen mit ihm erzählen. „Es war einmal eine Vase, ein Stück Brot, ein Zigarettenstummel, ein Mensch; Jesus, ein Abendessen, das er gab, eine Geste der Vergebung, die er machte,...“.[2]

   Viele alte und überholte Gebräuche und Äußerungen in der Kirche sprechen euch Jugendliche vielleicht nicht mehr an, aber ich halte euch für einfallsreich und sensibel genug, um zu spüren wo, durch wen und durch was, Gott heute zu euch spricht. Die Bibel ist dabei die Brille, die Lupe, das Fernrohr und der Maßstab um Gottes Wort in den Worten und Geräuschen eures Lebens zu erkennen.

Amen.


[1] Nach: Anécdotas – Ilustraciones para Mensajes, “Encuentro de un Taxidermista y un Pájero”, in www.pastoral.cl/anecdota1.htm . [2] Leonardo Boff, Los sacramentos de la vida, Santander 1978

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Abendmahlsgottesdienst vor der Konfirmation

22. und 29. April 2005

Liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Gemeinde

I will follow him,
Follow him where ever he may go
And near him I always will be … 

Ich will ihm folgen, IHM folgen, wo immer er auch hingehen mag und nah bei IHM will ich immer sein. 

Das wär’s, darum geht es: Gott mit in sein Leben hinein nehmen oder, besser gesagt: zu merken, dass Gott immer dabei ist, ganz nah: Er ist mein Schicksal

He is my destiny.
I will follow him.

   Wir Menschen sind doch heutzutage so sehr miteinander verbunden wie nie zuvor. Wir können gut verstehen, was es heißt Gott immer nah zu sein. Du kannst ihm eine SMS schicken und bist sicher:  die wird gelesen und eine Antwort bekommst du auch. Das geht ganz einfach. Du lässt dir täglich ein Bibelwort als e-mail oder SMS auf dein Handy schicken. Jedes Wort aus der Bibel ist Gottes Wort, dass dir etwas sagen will. Man muss allerdings genau hinhören. Und nicht nur durch die Bibel - in allen Situationen deines Lebens spricht Gott zu dir  nur hören, hören musst du selbst.

 „...das sollt ihr wissen:

ich bin immer bei euch,

jeden Tag, bis zum Ende der Welt“       

sagt Jesus in Matthäus 28,20

 

There isn't an ocean too deep,
A mountain so high it can keep,
Keep me away,

Away from his love

   Als ich Jürgen kennen lernte, war er 22 Jahre alt. Er saß mir gegenüber auf der Bettkante. Das Bettzeug war kariert, blauweiß, wie es in der Anstalt üblich ist - der Justizvollzugsanstalt - denn Jürgen verbüßt eine Haftstrafe. Er ist im Gefängnis.  „Hier, Sie glauben doch an Gott, sagen Sie dem mal, er soll mich hier raus holen. Oder fragen Sie den mal, ob er das gut findet, dass ich jetzt hier sein muss. Warum hat er nichts dagegen gemacht, als ich noch draußen war, als es noch nicht zu spät war?“ Jürgen sagt, er hält nicht viel von Gott, auch nicht von Pastoren. Er sagt er hasst seine Eltern und alle die so groß tun und jetzt, wo es ihm dreckig geht, immer davon anfangen, er habe ja selbst schuld. Von all „diesen Typen“ will Jürgen nichts mehr wissen, und es ist nicht einfach, ihm ruhig zuzuhören, wenn er Dampf ablässt. Aber irgendwie kann man ihn auch nicht allein lassen, denn unter seinen Beschimpfungen klingt es immer wieder wie ein Hilferuf: „Was soll ich bloß machen, ich kann mir das alles nicht erklären, ich bin hier, weil ich selbst ein großer Versager bin.“ Der schreckliche Grund, der Jürgen aggressiv und böse macht ist,  dass er eigentlich in seinem Herzen von sich selbst nicht sehr viel hält. Das will er vor anderen verbergen und das kann er nun nicht mehr. Ich möchte nicht in Jürgens Haut stecken. Und dennoch ist mir das auch nicht fremd, das Grübeln und Suchen nach dem eigenen Lebenssinn, das Entwerfen und Ausmalen von Bildern, so möchte ich gerne sein, und dann die Erkenntnis, so wie ich bin, gefalle ich mir nicht. Ich möchte anders sein und bin mit mir nicht zufrieden, ich bemühe mich immer wieder, denn auf das Eine bin ich ganz doll angewiesen, dass jemand zu mir sagt: „Du, ich finde dich gut.“„Du, ich mag dich, so wie du bist, lass doch das Meckern, ich finde dich gut.“

Ever since he touched my heart I knew
There isn't an ocean too deep,
A mountain so high it can keep,
Keep me away,
Away from his love.

   Ich finde es schön zu wissen, dass Gott uns diese Liebe und Anerkennung gibt, die wir zum Leben brauchen, nach der ich mich so sehne. Es ist schlimm, wenn jemand das niemals hören kann. Jürgen erzählt: Es fing alles damit an, dass ich die Lehrstelle verloren habe.KFZ - Mechaniker. Aber das hat mir nicht gelegen. Immer das frühe Aufstehen.Auf der Arbeit das ewige Rumgeschiebe. „Jürgen geh mal... Jürgen mach mal... Jürgen komm mal...“ Der Betrieb den ganzen Tag einfach chaotisch. Dauernd ist was anderes los. Alles geht viel zu schnell.Na ja, da hab ich auch mal Mist gebaut und die anderen dann gleich: „Soll mal etwas nicht gelingen – musst du es zu Jürgen bringen.“ Das geht ganz schön an die Nerven. Da musst du schon mal auf andere Gedanken kommen nach der Arbeit beim Bier mit den Freunden  da quatscht keiner einen schief an, da sind wir uns alle einig nach dem Motto: „Genieße die Abende, die Tage sind schrecklich.“ Und dann hoch die Tassen  und die Werkstatt ist weit weg – ob wohl alle so denken? Man kann sie schlecht fragen, dann ist die Stimmung hin. Als ich dann meine Lehrstelle verloren hatte - ich war ein paar mal betrunken zur Arbeit gekommen, da hat dann auch meine Freundin mit mir Schluss gemacht: Mit einem Arbeitslosen kann sie nicht gehen, hat sie gesagt. Wie muss der Mensch aussehen, mit dem ich gehen kann? Mein Idealpartner, die Frau, der Mann meiner Träume... Wozu trage ich dieses Bild in meinem Gedanken? Um es anderen vorzuhalten: „Ja, wenn du so wärst ...“ “Sei doch mal einfühlsamer, verstehe mich doch besser...“   Ansprüche an andere, sie können wie Schläge wirken, - oder wie Hilfeschreie, weil ich beim anderen suche, was ich bei mir nicht finde. So laufe ich vor mir weg, auf einem Weg, der gepflastert ist mit den Fehlern der anderen. Einer läuft nicht weg. Hält stand, hält aus bei mir, 

There isn't an ocean too deep,
A mountain so high it can keep,
Keep us away,
Away from his love

Jürgen erzählt: Meine Eltern haben kein Verständnis für mich. Die beiden haben das schon nicht verstanden, als ich ohne Abitur von der Schule ging. Ich sollte doch mal was besseres werden. Wie schwer war das, als 19-jähriger eine Lehrstelle zu finden – aber dafür haben sie sich schon nicht mehr interessiert. Ob mir die Arbeit Spaß macht oder nicht, ich war ja froh, überhaupt was bekommen zu haben –  danach haben sie nie gefragt. Meinem Vater was es peinlich, dass sein Sohn mit ölverschmierten Händen nach Hause kam Als Arbeitsloser habe ich dann keinen Pfennig von ihm bekommen. Na ja aber ich brauchte Geld. Ich wollte doch wer sein bei Freunden und Mädchen. Als ich dann an die falschen Freunde geriet, wollte ich nicht als Feigling dastehen. Was wir vorhatten, ging schief – so kam ich dann hierher. Staat und Eltern – oder der Traum: es soll immer besser werden. Sie reden von einer besseren Welt und einen nur: mehr haben und Größeres und Teureres. Mehr darstellen können, schon lange reicht das Angebot der Schulen nicht aus – die Nachmittage dienen der Vervollkommnung – Zusätzliches wird erfüllt. Da ist die Versuchung groß, die Augen zu verschließen vor allem, was nicht zu den eigenen Wünschen passt. Da ist die Enttäuschung groß über den zurückbleibenden Sohn, der die Erwartungen nicht erfüllt. Ich wünsche Jürgens Eltern, dass sie nicht gefangen bleiben in der Versuchung, ihren Sohn abzuschreiben, weil das der einfachste Weg ist, er könnte sich nicht wehren und sie bräuchten an sich nicht irre zu werden. Ich wünsche mir eine Politik, die wirtschaftliche Probleme nicht auf dem Rücken Armer und sozial Benachteiligter austrägt. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der der Mensch auch jenseits seiner Arbeitsleistung als Mitbürger und Mensch Ansehen genießt. Bei Gott ist dies so. Sichtbar machen wir dies in der Taufe, wenn jeder von IHM zugesprochen bekommt.„Und das sollt ihr wissen: ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“

Seit dem Tag unserer Taufe besteht diese besondere Verbindung, von dem der Gospelchor singt:

Ever since he touched my heart I knew
There isn't an ocean too deep,
A mountain so high it can keep,
Keep me away,
Away from his love

   Die Geschichte von Jürgen habe ich mir ausgedacht, zusammengesetzt aus Erzählungen, die ich gehört habe, von Jugendlichen und auch Konfirmanden. Erzählungen von Versuchungen, mit verschiedenen Gesichtern, Augenblicken, in denen Menschen alleine waren, Augenblicke, in denen ihre Seele in Gefahr war, und sie einen Begleiter brauchten, als sie am Ende standen oder doch vor der Frage: und nun, wer ist jetzt noch da? Es liegt an uns allen, dass in solchen Augenblicken, ein Telephon klingelt, oder eine e-mail verschickt wird, eine SMS erscheint, oder sich jemand traut, die Hand auf die Schulter eines anderen zu legen, und Jesu Worte sagt: „Du ich bin bei Dir, ich mag dich, so wie du bist.“  Bei der Taufe hat Gott das zu jedem von uns gesagt. Danach gab es viele, die es uns wiederholt haben. Eltern, Paten, Freunde. Wer konfirmiert wird, der übernimmt nun auch die Verantwortung mit dafür, dass andere erleben können, wie nah Gott bei ihnen ist: dass kein Ozean zu tief und kein Berg zu hoch ist um uns von Gottes Liebe zu trennen.Und dass immer mehr von uns mitsingen und sprechen können: I will follow him.
Ich folge IHM  wo immer er hingeht nichts kann mich von Gott fernhalten  

He is my destiny.
I will follow him. 

Amen.

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Misericordias Domini

10. April 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 Liebe Gemeinde,

   wir kommen von Ostern her. Ostern ist das größte Fest der Christenheit. Es ist das Fest an dem wir Gottes Sieg über den Tod feiern. Wir feiern das Leben. Wir feiern es in der Hoffnung, dass es unser Leben ist. Wir feiern in der Hoffnung, dass mit der Auferstehung Jesu Christi auch unser Leben gerettet ist, für immer. Wir feiern, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern Übergang, Verwandlung, in eine andere Seinsform aber immer mit und bei Gott. Der heutige Sonntag hat den Namen: MISERICORDIAS DOMINI. Das stammt aus der lateinischen Übersetzung des Psalmes 33, Vers 5 ... die Erde ist voll der Güte des Herrn. MISERICORDIAS DOMINI - die Güte des Herrn Ich möchte dem Beginn dieses Psalms heute in der Predigt nachdenken.   Der Psalm 33 ist ein Loblied auf Gottes Allmacht und Hilfe, es passt zur österlichen Freude, denn für uns Christen zeigt sich die Allmacht Gottes in ganz besonderer Weise eben im Sieg Gottes über den Tod und seine Güte darin, dass er uns Anteil an diesem Sieg versprochen hat.

Freuet euch des HERRN,

ihr Gerechten;

die Frommen sollen ihn recht preisen.

Danket dem HERRN mit Harfen;

lobsinget ihm zum Psalter von zehn Saiten!

Singet ihm ein neues Lied;

spielt schön auf den Saiten mit fröhlichem Schall!

Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig,

und was er zusagt, das hält er gewiss.

Er liebt Gerechtigkeit und Recht;

die Erde ist voll der Güte des HERRN.

(Ps 33,1-5)

   In den letzten Wochen ist viel vom Tod und vom Sterben die Rede gewesen. In bis dahin ungewöhnlicher Weise nahmen sich die Massenmedien dieses Themas an. Ich möchte vor diesem Hintergrund den Lobgesang auf die  MISERICORDIAS DOMNINI, die Freude über die Güte des Herrn hören.   Auferstehungsglaube nach Ostern 2005. 

„Kaum etwas, was ihn zu Hause umgebe, hat er einmal gesagt, sei ihm wirklich nahe. Zu den Bildern an den Wänden habe er keine Beziehung, die Schönheit der Dinge bemerke er nicht, privat sei er ein Mann, der wenig mit sich anzufangen wisse. Ein Mann ohne Eigenschaften. Das war 1998, nach einem dramatischen Absturz, den viele für den letzten gehalten hatten ...“[1]   Damals war er noch einmal ins Leben zurückgekehrt. Noch einmal auferstanden für zwei kurze, klare Jahre, in denen er wie besessen arbeitete.„Ohne Arbeit, erklärte Harald Juhnke dazu freimütig, „wäre ich tot.“[2]       Seine zahlreichen Abstürze in den Alkohol und darauffolgende Auferstehungen wurden von Paparazzi und Boulevardjournalisten unbarmherzig an das Licht der Öffentlichkeit gezogen. Die letzten Jahre seines Lebens wurde der Schauspieler und Entertainer in einem Pflegeheim für Demenzkranke versteckt. Nun ist er, vor 10 Tagen, im Alter von 75 Jahren verstorben. Fast unbemerkt verschämt. Eine neuerliche Auferstehung ein Comeback wie oft spekuliert wurde, war nicht mehr möglich.  Und darüber hinaus? Der einzige Trost, den die Ehefrau Susanne für sich erkannte war, die Gewissheit, dass ihr Mann „die Demenz-Krankheit nicht realisiert“[3]. Auferstehung als comeback – anders wurde Hoffnung in seiner Welt nie geäußert. Und ohne die Arbeit, die eigene Leistung, war ein Leben nicht denkbar.   Ich glaube, dort wo ein Mensch die Kraft findet, eine schwer Krankheit zu besiegen, oder auch nur eine Zeit in Schach zu halten, dort wo jemand nach großen Niederschlägen wieder den Mut beikommt, seine Arbeit aufzunehmen,dort wird etwas von Ostern von der Kraft der Auferstehung erlebt. Aber das ist nicht alles.   

   Etwas von dem, was Auferstehung sein muss, Auferstehung im christlichen Sinne, zeigte mir ein Foto von Terri Schiavo, jener Frau in Florida, die nach 15 Jahren im Koma – einen Tag vor Harald Juhnke, endlich sterben durfte. Der Ehemann hatte gegen den Protest der Eltern das Recht erwirkt, dass die künstliche Narrungszufuhr eingestellt werden konnte. Das Foto, das ich meine,zeigt die hübsche, lachende Frau, damals im Alter von 26 Jahren. Zeigt es mehr als jenes andere Foto?, das der Koma – Patientin mit geöffneter Speiseröhre?   Ich empfinde es so. Ich denke Auferstehung hat auch etwas mit Heilmachen zu tun, mit Heilwerden, langfristig, für immer. Und ich verstehe nicht, wieso die religiöse Rechte sich so vehement gegen das Sterbenlassen dieser jungen Frau nach 15 Jahre währenden Komas gewehrt hat. Ist denn die medizinische Technikund nicht Gott Herr über Leben und Tod?  Ist Gott aber Eigentümer des Lebens,dann bedeutet das die Freiheit, auf die künstliche Verlängerung des Lebens verzichten und es der Güte Gottes anvertrauen zu können, wenn denn dessen Gesundheitszustand niemals mehr verbessert werden kann. Dort wo nicht an eine Auferstehung und an ein ewiges Leben geglaubt wird, klammert sich alle Hoffnung an eine Medizin, die sich zum Herrn des Lebens macht. Wo die Hoffnung nicht über den Tod hinaus reicht, kann nicht losgelassen werden.Die Freude über die Güte des Herrn und seine Liebe, die unserem Leben über den Tod hinaus gilt, wird zum zwanghaften, gesetzlichen, verzweifeltenKlammern an medizinisch-technisch Unmachbares. Leben ist Leben zum Todeund kann letztlich nicht aufgehalten werden. Auferstehung ist kein Zurück,sondern der Glaube, der in Gottes Zukunft vertraut.  Auferstehungsglaube im Jahre 2005 hat es auch deshalb so schwer, weil er die Einsicht in die menschlichen Grenzen voraussetzt. Erst wo Scheitern und Tod anerkannt werden, kann auf eine neue Zukunft mit Gott gesetzt werden.

   Dies wäre auch hinsichtlich des Todes von Papst Johannes Paul II zu sagen.Sein Leiden und Sterben wurde nicht vor der Öffentlichkeit versteckt. Ganz bewusst scheint der Papst bis in die letzten Augenblicke seines Lebens ein öffentliches Dasein gewollt haben. Ein Leben zu dem Krankheit und Schwäche dazu gehören. „Dieser Mann schien werde Scham zu verspüren für seine Gebrechen, noch hatte er Angst vor dem Sterben. Dies beides jedoch, Krankheitsscham und Todesangst, ist der wahre Horror des modernen Menschen.“[4] Das nötigt mir Respekt ab und auch seine letzten Worte,die er seinen Mitarbeiten aufschrieb: „Ich bin fröhlich – seid ihr es auch.“Dies ist sicher ein Zeugnis gelebter Osterbotschaft, ein Mensch, der sich nicht aus der eigenen Kraft, Fähigkeit und Stärke heraus definiert, sondern allein von seinem Vertrauen in die Güte Gottes. „Für nichts, was uns auferlegt ist, müssen wir uns schämen, nicht für das Zittern, nicht für das Röcheln, nicht für die Inkontinenz oder für das Allesvergessen.“[5] Ich spüre, bei aller Kritik, die man am Theologen und Politiker Karol Wojtyla haben kann, als Christ ist der sterbende Papst für mich mit seinem Osterglauben ein Vorbild geworden. Hier hat einer überzeugend den Lobgesang auf die MISERICORDIAS DOMNINI,die Freude über die Güte des Herrn gesungen. Als seine eigenen Kräfte zu Ende gingen, hat er sein Leben in der Zukunft Gottes gefunden.  Auferstehungsglaube nach Ostern 2005.    Viel ist vom Tod in den letzten Tagen die Rede gewesen. Die Massenmedien berichteten über das Ableben des alten Fürsten Rainier III von Monaco, über den Tod der Terri Schiavo, die 15 Jahre im Koma lag. Harald Junke verstarb im Verborgenen, und ganz öffentlich wurde uns das Sterben des Papstes Johannes Paul II nahe gebracht. Ungewöhnlich viel war in den Massenmedien vom Streben und vom Tod zu hören und zu sehen. Viele von uns sind nachdenklich geworden. Wer kann sich dem entziehen? Fragen, die wir sonst verdrängen kommen auf, Fragen nach dem Ende des Lebens, Fragen nach dem eigenen Sterben. Vor diesem Hintergrund hören wir die Osterbotschaft von der Liebe und der Güte Gottes, des Herrn. Für uns Christen zeigt sich die Allmacht Gottesin ganz besonderer Weise Leben im Sieg Gottes über den Tod und seine Güte darin, dass er uns Anteil an diesem Sieg versprochen hat. Es erfordert viel Mut aber letztendlich geht es um den Glauben, dass Auferstehung mehr ist als das wieder auf die Beine kommen nach einer Krankheit, oder die Abstinenzphase einer Alkoholkrankheit. Auferstehung bedeutet das Scheitern menschlicher Möglichkeiten anzuerkennen und dann nur noch mit Gottes Zukunft zu rechnen.   In den Lesungen des heutigen Sonntags wird Jesus als der gute Hirte bezeichnet, der sein Leben für die Herde dahin gibt. Es ist sein Beispiel eines unbedingten Gottvertrauens, dass uns Mut macht, unser Leben in dieser Welt einzusetzen, es in der Gegenwart zu ge– und verbrauchen, weil es uns aus der Zukunft Gottes, neu geschenkt wird.

Amen.



[1] Barbara Möller, „Er war ein rastloser Komödiant“, in Hamburger Abendblatt vom 2./3. April 2005, S. 7.

[2] Ibidem

[3] Susanne Juhnke, In guten und in schlechten Tagen – Mein Leben, München 2003, S. 405

[4] Bernd Ulrich, „Gefühl oder Wahrheit“, in DIE ZEIT N°15 vom 6. April 2005, S.1.

[5] Ibidem

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Ostern

27/28. März 2005

Liebe Ostergemeinde,

es war 11.13 Uhr als die Ära der St. Stephanuskirche in Hamburg Eimsbüttel endete. „Es ist jetzt ein profaner Raum“, sagte die Bischöfin Maria Jepsen nach der Entwidmung der Kirche am vergangenen Palmsonntag. „Es ist ein bitterer Tag für uns“, - fährt sie fort. Aus Geldnot wird dieses Gotteshaus geschlossen.  400 Besucher saßen zusammen auf den kleinen grünen Bänken in ihrer Kirche. Sie haben ihre eigenen Erinnerungen an St. Stephanus. Taufe, Konfirmation, Trauung. Nun wird der Altar abgeräumt, Bibel, Kreuz und Abendmahlgerät in eine andere Kirche verbracht. Es kamen in den letzten Jahren zu wenig Menschen zum Gottesdienst, nun ist es zu spät. St. Stephans ist tot.   Wie hören wir vor diesem Hintergrund die Osterbotschaft. Jesus Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden. Wir hören sie genauso skeptisch, traurig, desillusioniert, wie die beiden Jünger auf ihren Weg zurück in den Alltag jenes Provinznestes, Emmaus das von Jerusalem zwei Wegstunden entfernt ist. Die Realität scheint eine andere nicht österliche Sprache zu sprechen. Mancher denkt an seine Jugendzeit zurück. Die Konfirmation, die Jugendgruppe. Für kurze Zeit hatten sie sich mitreißen lassen, jung war man ja gewesen, man glaubte die Welt ändern zu können. Dann kam der Ernst des Lebens. Da blieb erst der Kirchgang und dann auch die Begeisterung aus. Es kam wie es kommen musste, man hatte wenig Zeit, viel Stress, unser Herz ist träge geworden, manchem war auch das Geld zu schade. Die Osterbotschaft – ein müdes Lächeln und einige bunte Eier für die Kinder. Wir hofften mal, Gott würde die Welt erlösen, „... aber über das alles lässt er  schon zwei Jahrtausende vergehen, seitdem das geschehen ist... einige Frauen aus unserer Mitte, erschrecken uns kaum noch, mit ihren Erscheinungen.“

   Zwei Sätze aus der Geschichte der Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus gehen mir nach: Der eine ist dieser: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“ Und der andere: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ Zwischen diesen beiden Sätzen geschieht Ostern.  Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganz Unterschied, den die Auferstehung Jesu in die Welt gebracht hat. Der erste Satz entspringt noch der Depression: „Es will Abend werden, alles neigt sich seinem Ende zu“. Wir kennen diese Beobachtungen. manchmal sagen wir zwar noch in Deutschland klage man auf hohem Niveau – aber wer schafft denn noch den Blick über den Zaun. Resignation, Lamentieren ... Wer schafft es dagegen zu halten?    Es steht die Angst vor Machtverlust das Verleugnen der eigenen Grenzen, die Selbstüberschätzung der Negativhochrechnungen gegen Vertrauen in die eigene Kreativität, Mut zur Phantasie und letztlich Glauben in die Gegenwart und Zukunft Gottes. Die Osterbotschaft lautet: Bei Gott gibt es Zukunft. Wer sich auf und an Gottes Zukunft freuen kann, ohne schon vorher alles durchschauen, vorhersehen und wissen zu können, wer auf Gottes Zukunft vertraut, dessen Herz ist entzündet am Feuer des Heiligen Geistes.  Die Osterbotschaft dieses Jahres kam zu mir in Form eines Fotos. Es zeigt eine junge Mutter mit ihrem Baby im Arm. Dazu ein Brief mit den Worten Brief 

Liebe Freundinnen und Freunde in Europa! 

Aus unserem ökumenischen Frauenhaus in Quilmes bei Buenos Aires möchten wir Euch in dieser österlichen Zeit herzlich grüßen. Und wir möchten es mit einem Foto tun, dass für uns nicht nur ein Symbol sondern auch Wirklichkeit ist: Am 26 Februar ist in unserem Haus das erste Baby geboren, das seine Mutter Vanesa Ciro genannt hat. Für Vanesa und ihre Kinder Agustina uns Andrea - die in der Vergangenheit aufs schlimmste misshandelt wurden- wie auch für uns anderen bedeutet diese Geburt in einem Heim, in dem erniedrigte und verletzte Menschen Geborgenheit und Liebe erfahren erlebbare Realität der Auferstehung, der Hoffnung und des Segens. Auf diesem Wege möchten wir diese neue Wirklichkeit mit Euch teilen und von Herzen wünschen, dass sie in diesen Tagen auch von Euch erlebt wird. Frohe, hoffnungsvolle und gesegnete Ostern!  

   Solche brennende Herzen können etwas auf dieser Welt verändern, weil sie auf das Leben setzen, das stärker ist als der Tod. Weil sie die Wirklichkeit Gottes zu erleben verstehen. Weil sie sich durch die Leiden des Christus auch an der verbreiteten Resignation nicht entmutigen lassen. Sondern sie ihre Fantasie gebrauchen um Gestaltungsräume für Menschen herauszuholen. Brennende Herzen spüren die Kraft, die aus dem Sterben und Auferstehen Gottes hervorbricht, denn brennende Herzen leben ohne den ängstlichen Blick auf eine unbekannte Zukunft. Sie sind Licht für andere. So wie diese argentinische Mutter mit ihrem neugeborenen Kind Licht für uns sein kann. Licht in einem Land in dem Kinder eher ungewollt sind, jedenfalls doch solange, wie ihre Absicherung von der Wiege bis zur Bahre nicht vorausgeplant und sichergestellt ist. Ganz anders die Menschen in Quilmes, in dem Heim in dem erniedrigte und verletzte Menschen Geborgenheit und Liebe erfahren. Für sie bedeutet die Geburt eines Kindes erlebbare Realität der Auferstehung, der Hoffnung und des Segens. Sie spüren das göttliche Feuer. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ Dieses Brennen ist Leben, ist Feuer, das von Ostern herkommt, vom offenem Grab, von der geöffneten Schrift. Solche brennende Herzen können etwas auf dieser Welt verändern, weil sie auf das Leben setzen, das stärker ist als der Tod. Das ist noch lange nicht immer so, viel leichter scheint es, auch und gerade in unserer Wohlstandsgesellschaft, sich mit dem Bösen, mit dem Geist, der stets verneint,

zu verbünden, aus Machtversessenheit und Fixiertheit auf Geld, aus dem scheinbaren Anspruch heraus: es muss alles groß und größer werden und vor allem abgesichert bis in alle Ewigkeit.  In den alltäglichen Mäkeleien, in der permanenten Negativhaltung, die alles und alle runterzieht, bekommt der Tod das letzte Wort. Da brennt kein Feuer mehr. Da erkennt niemand in dem Weggefährten Christus den auferstandenen Sohn Gottes. Solange unsere Herzen nicht Feuer fangen, solange in Kindern mehr das finanzielle Risiko  als die Hoffnung und der Segen gesehen wird solange werden wohl auch Kirchen geschlossen und umgewidmet werden müssen. Eine Gesellschaft die keine Augen hat für Kinder, die in ihrer Mitte verhungern, wird auch keine Kirchen mehr füllen. „Da wurden ihnen die Augen geöffnet und sie erkannten ihn.“Das offene Grab öffnet Menschen die Augen, Erfahrungen von geschenktem Leben, von Auferstehung lassen uns die Kraft und Gegenwart Gottes erahnen.Die Bibel öffnet sich, man liest sie mit anderen Augen, „Musste nicht Christus das alles erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Die Osterbotschaft ist niemals anders verkündet worden, als vor dem Hintergrund von Leiden und Sterben. Es ist eine Verrücktheit für die Welt: angesichts von Resignation und Lieblosigkeit vom Sieg des Lebens reden zu wollen. Ostern ist ein heimliches Siegesfest. Weitgehend unscheinbar für jene, die nur die Oberfläche sehen. Zum Verzweifeln für Pessimisten und Schwarzseher. Für Menschen aber, deren Herzen entzündbar sind, - wo es nur eines Funkens bedarf und sie brennen,mit jenem Feuer, das es hell werden lässt um sie her, - für solche Menschen ist Ostern ein Funkenregen, der ausreichte die ganze Welt zu befreien. „Da wurden ihnen die Augen geöffnet und sie erkannten ihn.“  Wir leben in dieser Spannung, zwischen dem Gefühl, dass es Abend werden will und den unvergesslichen Augenblicken, wenn wir in einem unscheinbar, seltsamen Weggefährten in einem neugeborenen Baby zum Beispiel den Abgesandten Gotteserkennen können. Vielleicht suchen wir Gott immer noch am falschen Ort, wenn es scheinbar nur noch Abende in unserm Leben gibt. Nach biblischem Zeugnis offenbart sich Gott, dort, wo man es am wenigsten erwartet,  dort wo die Welt am wenigsten Herrlichkeit, Ruhm und Brillanz zeigt, d. h. in Armut, Unterdrückung, Rechtlosigkeit,  dort wo das Leben an den Rand gedrängt wird in Resignation und Zukunftsangst. Davon handelt die Bibel. Dazu müssen uns die Augen geöffnet werden. Für die unscheinbaren, seltsamen Weg- und Lebensgefährten auf deren Urteil wir sonst nur wenig geben. Vielleicht wissen ja schwarze Menschen mehr von Gott als Weiße. Vielleicht wissen Arme mehr von Gottes Fürsorge als Reiche. Schuldiggewordene wissen mehr von Gottes Liebe als die Gerechten. Und Kranke spüren die Nähe Gottes intensiver als Gesunde. Vielleicht wird in Heimen alleinstehender Frauen inbrünstiger Ostern gefeiert als in bürgerlichen Wohnzimmern. Vielleicht sollten wir Leute zu uns reden lassen, denen wir sonst nie zuhören... Vielleicht wäre dieses Umdenken für uns alle ein Weg nach Emmaus... Ein Weg auf dem uns Gott begegnet und wir zueinander sagen:

„Brannte nicht unser Herz in uns,

als er mit uns auf dem Weg redete,

und uns dabei die Schrift öffnete?“

 

Wenn uns Gott begegnet:

in einem Menschen,

in einem Satz,

in einer Geste.

dann spüren wir dieses Brennen,

das nichts verzerrt,

nichts zerstört,

sondern alles gut macht.

 Amen.

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Karfreitag

25. März 2005

Liebe Gemeinde, das Evangelium für den heutigen Karfreitag steht bei St. Lukas im 23. Kapitel, in den Versen 23 – 49 (vorlesen). 

   Dem Gespött der Leute ausgesetzt zu sein ist hart. Mit seinem gekreuzigten Sohnes erträgt auch Gott Spott und Lästerei: Die Oberen – Vertreter aus Wirtschaft und Politik - spotteten. Es verspotteten ihn auch die Soldaten. Eine Aufschrift – Überschrift in der Bildzeitung – spottet: „Dies ist der Juden König.“  Selbst einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!

   Zum Gespött wird auch eine Kirche, die sich in den gegebenen Strukturen für unentbehrlich hält, Hilfe, ja Rettung für Einzelne und die Gesellschaft verspricht, in vollmundigen Predigten und Worten zum Sonntag, und sich nicht selber helfen kann, ja kleinlaut, und ohne Fantasie in eine dunkle Zukunft blickt.

   Das hat mit Karfreitag wenig zu tun, wenn Spott und Hohn nicht ausgehalten werden, weil da doch mehr ist: Nämlich zumindest doch Glaube, der auch in der Verzweiflung, einen Ansprechpartner hat. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“  Angesichts des Todes, der fürchterlichsten Ausweglosigkeit vertraut Jesus auf die kreativen Kräfte und - für uns undenkbaren - Möglichkeiten Gottes. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

   Das ist so wichtig an diesem Tag, dem Karfreitag, dass Jesus auch am Kreuz seinen Anspruch, Gottes Sohn zu sein, nicht reduziert, nicht den neuen Gegebenheiten anpasst, realitätsgerecht – sozusagen, sondern es bleibt dabei, in ihm und mit ihm begegnen wir Gott, in ihm und mit ihm leidet Gott in Jesus und mit Jesus stirbt Gott.  Da geht keiner auf Distanz. Jesus nicht und Gott nicht. Das erfahren wir am Ostermorgen wenn der mit Gott Gestorbene auferstanden sein wird. Am Karfreitag geht es um Vertrauen und Glauben trotz und angesichts des Spottes und des Hohnes der Mehrheit der gesellschaftlich relevanten Gruppen und trotz und angesichts des vorauseilenden Gehorsams einer anscheinend dunklen Zukunft gegenüber. Jesus korrigiert seine Botschaft nicht nach unten. Macht keine Abstriche. Er hat Angst. Er leidet, so sehr, dass im vergangenen Jahr abgeraten wurde, den Film über seine Passion zu betrachten, dennoch man wird sich den einfachen Satz nicht brutal genug vorstellen können: Und als sie kamen an die Stätte,  die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort. Aber Jesus besteht auf seiner Wahrheit: Die Zukunft liegt in Gottes Hand. Seine Zukunft als Gekreuzigter und auch die Zukunft der zertretenen, gefolterten, vergessenen Opfern aller menschlicher Grausamkeit,in Guatanamo, Abu Ghoraib und anderswo. Menschen können zerstört, aber nicht vernichtet werden, ihre Zukunft ist bei Gott. Das ahnt der zweite Übeltäter, der mit Jesus gekreuzigt wird. Er weist seinen spottenden Mittäter zurück.Und wendet sich an Jesus: „Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dies ist der Siegesruf, am Karfreitag zu hören: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Er wird dem gesagt, der sich in seiner Not an den mitgekreuzigten Jesus wendet. Kein unschuldig Leidender, sondern ein schuldiggewordener, schwacher Mensch, der Brutalität der Strafbehörden ausgeliefert, das Scheitern seines Lebens vor Augen, sein Prozess ist gelaufen, niemand hört ihn mehr nur der Spötter zum einen, und der Gottessohn zum anderen. In seiner Verzweiflung wendet er sich an den, der, den Tod vor Augen nicht von seinem Gott lässt. Und er sprach: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Das ist der Sinn des Karfreitags, dass mit Jesus auch in den Momenten des größten Elends, ja der Gottverlassenheit, ein Lebenszeichen möglich ist. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Wie ein heller Strahl scheint dieser Satz auf. Licht!Danach  kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Aber es ist geschehen, die Finsternis ist zerbrochen, bevor sie alles zudenken konnte. Das Paradies leuchtete auf und über den Tod hinaus. Dieses Wort vom Paradies, am Kreuz gesprochen, ist das Evangelium der Passionszeit, die frohe Botschaft, die jene hören, die in ihrem Leiden in ihrer Verzweiflung sich an den gekreuzigten Gott wenden. Der Gott der Passion und Tod erlebt, kann zuhören, fährt mit seiner Herrlichkeit niemanden über den Mund, sondern erträgt auch die fürchterlichste menschliche Verzweiflung.   Zu dem Leid kommt die Ohnmacht und Spott und Hohn der Dabeistehenden.  Aber kein Leidender ist gottverlassen. Deshalb ist auch dem Tod gegenüber Zukunft möglich, eine Zukunft, die wir Menschen allerdings nicht planen und organisieren können.  Aber wir dürfen uns diese Zukunft schenken lassen, von dem, der auch im finstersten Moment seines Lebens, vom Paradies für sich und andere wusste. Das Leiden Jesu bis ans Kreuz ist Ausdruck der Liebe Gottes, die sich so in besonderer Weise gegenüber  den Verurteilten, den Gequälten, Gefolterten, den Opfern der Gesellschaft zeigt. Dies sicher nicht in exklusiver Weise, sondern vielmehr, in einer für alle offenen Art. Aber man sollte nicht nur das eigene Schicksal in den Leiden des Gekreuzigten wiederfinden. Vielleicht kommt uns viel öfter zu Zeugen zu sein, Zeugen, wie Gott nicht nur im Kreuz Jesu, sondern auch in den Kreuzen anderer Menschen sichtbar wird. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ Vielleicht kommt uns eher öfters ein solches Glaubensbekenntnis zu. Oder das des Volkes: Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Alle begreifen nach und nach: was in der Hinrichtung dieses Unschuldigen geschieht, verändert die Welt.  Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. Mehr nicht, aber sie sahen es zunächst, später beginnen sie zu begreifen: er Gekreuzigte legt seine Zukunft in Gottes Hand und rettet damit sein Leben. Und zeigt uns den Weg. Im Namen des Gekreuzigten, verwandelt sich die Trauer über den Tod über die Hinrichtung aller Wünsche und Träume in Freude über das Leben der Liebe Gottes, dem die Zukunft gehört.

Amen.

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5. Sonntag der Fastenzeit, Judica,

13.März.2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

wer ist mein Nächster? Die vertraute Antwort lautet: Der oder die, die meine Hilfe brauchen. Das ist richtig und doch nur die halbe Wahrheit.

   Wir haben die Texte von Julia und Ann-Katrin gehört und die beiden haben wichtige Gesichtspunkte des Bibeltextes ganz toll herausgearbeitet.

    Die bekannte Geschichte erzählt von einem Samariter, der später „der Barmherzige“ genannt wir, weil er etwas tut, dass auch schon damals nicht selbstverständlich war. Er hilft. Er hilft einem Menschen in Not. Das war nicht selbstverständlich auf der Strasse von Jerusalem nach Jericho, genauso wenig wie es selbstverständlich ist in der Hamburger S – Bahn. Da wurde am Freitag eine 22 jährige Frau bedroht, geschlagen und beraubt und der vollbesetzte S-Bahnwaggon schaute zu.

   Julia erzählt von einem Kind, dass hilflos am Boden liegt und Vater und Mutter von anderen Kindern gehen achtlos daran vorbei. Im Zusammenhang mit der kleinen Jessica, dem Mädchen, das in seiner Wohnung einen qualvollen Hungertod starb, kann man von einer „unfassbaren Unkultur des Wegschauens“ sprechen, „die im Gegensatz zu den hehren Zielen der allgemeinen Schulpflicht steht“[1]. Barmherzige Samariter und Samariterinnen sind die Ausnahme.Sie sind Vorbilder. So sollen wir alle handeln. Hinsehen und helfen. Wir haben die Bibel als Brille – erinnert ihr euch – sie hilft uns zu erkennen, wo Hilfe gebraucht wird.  

   Jesus gibt der Geschichte von der spontanen und durchdachten Hilfsaktion noch eine besondere Wendung. Das ist sozusagen der zweite Teil der Wahrheit,den wir mit dieser Geschichte vom barmherzigen Samariter als Brille erkennen und ihr Konfirmandinnen habt das erfasst und ganz toll herausgestellt in der Geschichte, die Joe Ann von Ann Katrin vorgelesen hat. Auf die Frage: Wer ist mein Nächster lautet die Antwort nicht nur: Der oder die, die meine Hilfe brauchen, sondern wir lernen die Frage aus einer neuen Perspektive stellen. Jesus fragt: Wer ist dem zum Nächsten geworden, der unter die Räuber gefallen war? Oder in der Geschichte von Ann-Katrin: Wer ist dem Mädchen zum Nächsten geworden, das von den angeblich so coolen Klassenkameradinnen angemacht wurde? Sicher nicht die Mathelehrerin und nicht der Klassensprecher, sondern Sandra, das Mädchen, das ihr hilft. Ich finde diese andere Sichtweise ganz wichtig. Wichtig gerade in Hinblick auf das Thema Diakonie, das ihr ja in der letzten Zeit im Konfirmandenunterricht behandelt habt. Ich denke, Diakonie ist das Wichtigste, was es für eine Gemeinde gibt. Das Leben einer Gemeinde, hängt von ihrer Diakonie ab. Martin Luther sagt. Ein Glaube ohne Werke ist tot. Eine Gemeinde, die nicht dafür lebt, sich um andere zu kümmern, ist keine christliche Gemeinde mehr.  Nächstenliebe und Hilfe ist das Allerentscheidenste in der Kirche. Aber in diesen beiden Aspekten, die in euren Geschichten zum barmherzigen Samariter zum Ausdruck kommen. Christen dürfen nicht wegschauen, wenn jemand Hilfe braucht und Christen dürfen damit rechnen und darum bitten, dass ihnen geholfen wird.

   Eure Berichte vom Diakoniepraktikum zeigen, wie vielfältig die Hilfe ist, die Kirchengemeinden in Stade anbieten: Krankenhausseelsorge und  Altenheime, Kindergärten, Sucht- und Schuldenberatung, Wärmestube und Drogenhilfe. Es wird viel getan, freiwillige und hauptamtliche aktive Christen werden ihrer Aufgabe gerecht, für andere Menschen in Bedrängnis dazusein.

   Aber auch das andere ist wichtig. Wir dürfen um Hilfe bitten. Jesus sagt: So soll es sein: wer Hilfe braucht, soll Hilfe bekommen und nicht immer bin ich in der Lage zu helfen. Oft brauche ich auch selber Hilfe. Nächstenliebe ist etwas beidseitiges, das ich geben und nehmen kann. In euren Bildern, die ihr von der Gemeinde erarbeitet habt, kommt dies zum Ausdruck:

   Gemeinde ist wie ein Baum. Wurzeln, Stamm, Äste, Blätter, Früchte, alles miteinander verbunden nichts kann ohne den anderen bestehen. Auch der scheinbar so starke Stamm stirbt, wenn die Blätter ihm keinen Sauerstoff zuführen.

   Gemeinde ist wie ein großes Gebäude, Da ist nicht nur Platz für die unterschiedlichsten Menschen, sondern ein Gebäude besteht nur wenn jeder Teil seinen Teil mitträgt.

   Baum und Gebäude stehen nicht für sich allein, sondern sind Teil ihrer Umwelt, umgeben von Wolken und Himmel, stehen auf der Erde, Menschen und Tiere leben in ihnen und in ihrer Nähe. So ist das auch mit der Gemeinde.

In ihr und an ihr findet man Hilfe, aber sie selber braucht auch die Hilfe ihrer Umwelt. Christliche Gemeinde lebt, weil Gott sie nicht allein lässt, sondern mit und durch andere Menschen pflegt und auch herausfordert. Wir Christen sind ja nicht die einzigen, denen es darum geht für die Menschen dazu sein. Wo unsere Kräfte nicht ausreichen, bitten wir andere um Hilfe oder Mithilfe.

   Wer ist euer Nächster? Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist es der,von dem man es am wenigsten erwartet, während Priester und Levit wegsehen.

   Und dann ist da noch die Gemeinde wie eine Pizza. Für jemanden, der wie Frau Cuyatti aus Südamerika kommt, vielleicht zunächst einmal eine tiefgefrorene Pizza. Aber man kann sie ja auftauen. Bunt ist eure Gemeinde – Pizza und nicht alles mit einer Sorte Frömmigkeitsmozzarella zugedeckt. Das finde ich gut. Eine Pizza und eine Gemeinde – schmecken nur wenn kein Gewürz, keine Auflage zu viel, aber auch nicht zu wenig vorkommt. So wünscht ihr euch auch unsere Gemeinde bunt, vieles ist möglich, wenn Menschen Nächstenliebe üben wollen und untereinander sollten sie sich dabei unterstützen und helfen, denn niemand kann alles, wir sind aufeinander angewiesen.

„Wer ist mein Nächster?“, fragt der Schriftgelehrte Jesus. Und der antwortet. „Jeder.“ Der eine hilft dir und dem anderen hilfst du. Und dabei spielen Hautfarbe, Religion, Nationalität, Sprache überhaupt keine Rolle.

Alle gehören zusammen

und Gott ist mittendrin

ist einer von uns

und einer, der uns hilft,

hat mein Gesicht

oder deins

oder

ein fremdes.

 Aber ohne IHN

soll nichts mehr laufen

weder für dich

noch für mich.

 Amen.



[1] So Peter Ulrich Meyer, in einem Kommentar im Hamburger Abendblatt vom 3.März 2005

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1. Sonntag der Fastenzeit, Invocavit

13. Februar 2005

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandenfamilien, liebe Konfirmanden, 

   Jesus wird gefragt. Wenn es im Leben mal kracht, wenn das Lebensfahrzeug liegen bleibt oder wo anstößt, dann – so habt ihr es dargestellt – gibt es eine Stelle durch die geholfen wird: die Jesus – Werkstatt. Vielleicht kennt ihr dieses kleine Bändchen. Einige eurer Altersgenossen tragen es am Handgelenk. Es hat die Farbe des Regenbogens und man liest 4 Buchstaben: WWJD. WWJD das heißt: What would Jesus do?  So kann man sich bemühen, ein gutes  christliches Leben zu führen. Man fragt sich vor allen wichtigen Entscheidungen oder wenn es mal nicht so recht weiter geht, ihr habt einige Steine des Anstoßes, die das Leben schwer machen können, ja gerade dargestellt: Neid, Missgunst,  Anfeindung, Ausgrenzung, Zweifel ...  Man fragt sich als Christ im Leben: WWJD - What would Jesus do?   Jesus wird gefragt, von seinen Nachfolgern damals im Jüngerkreis, oder vom Volk. Iihr habt aus der Bergpredigt gelesen, wie Jesus die Leute wachrüttelte mit seinem: „Ihr habt gehört, wie es früher üblich war... Ich aber sage euch: Jetzt, wo ihr wisst, dass Gott für euch ist, da muss doch einiges ganz anders laufen...“   Jesus wird gefragt, damals und heute. Meine Damen und Herren, liebe Eltern,Ihre Kinder haben sich das so vorgenommen, bei Jesus finden wir Antworten  auf die Fragen des Lebens. Das ist ein Ergebnis des Konfirmandenunterrichtes,auf das ich Sie ganz besonders aufmerksam machen möchte, das ich Ihnen ans Herz legen möchte. Es ist nicht immer leicht, für Eltern nicht und auch nicht für die Jugendlichen über Religion miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber wir lassen ein Stück unser Menschlichkeit verkümmern, wenn wir die Religion im Leben verschwinden lassen. Ihre Kinder spüren dies, wenn sie im Kontakt mit Gleichaltrigen anderer Religionen, erleben wie Familie und Religion zusammengehören in Festen, in frohen und traurigen Zeiten.    Wir alles spüren dies wenn wir die wachsende Bedeutung der Religionen  in der zusammenrückenden Welt erleben: - da ist der fundamentalistische Missbrauch, - da ist die Bedeutung der Religionen für den globalen Friedensprozess.

   Man versteht keine der Religionen, wenn man nicht in die eigene im Elternhaus und in der Kirchengemeinde, in der Jugendgruppe und am Familienkreis eingeladen wurde zum miterleben.

   Als Christen kommen wir mit unseren Fragen und Problemen zu Jesus.

Seine Antworten haben es manchmal in sich: Dem reichen jungen Mann sagt er:

Mach dich frei von deiner Fixierung auf das Geld sonst gehst du daran zugrunde. Einem Blinden, den er geheilt hatte riet er: Kehr bloß nicht wieder in dein Dorf zurück die Leute dort werden nicht wissen wollen, was du nun alles bei ihnen siehst. Einen Gelähmten konfrontierte er mit der Frage. Willst du überhaupt gesund werden? Hast du dich nicht schon viel zu sehr in deinen Leid eingerichtet?

  Und dann kommt eines Tages der Teufel zu Jesus und hat da auch ein paar“kleine“ Fragen. Die Gelegenheit war günstig. Jesus hatte sich für einige Zeit zurückgezogen, lange in er Wüste gelebt, gefastet, nachgedacht, meditiert.

   Und nun schießt der Satan seine Fragen ab und lauert auf  die Antworten. Wenn Gott Gott wäre, müsste er dann nicht seine Getreuen, ja alle Menschen, die er doch so liebt mit Macht und Reichtum überschütten. Müssten dann nicht Armut und Not, Hunger und Elend von der Erde verschwinden, einfach so – wenn Gott Gott wäre. Also, was bringt es, die Religion, der Glaube? Anstelle nach Jesus zu fragen ist es nicht besser, klüger, vor allem vorteilhafter nach den eindrucksvollen Mächten dieser Welt zu fragen. Ist Schiedsrichter Robert Hoyzer nicht eigentlich das bessere Vorbild. Nicht der, der sich jetzt hat zrwischen lassen, sondern die vielen, die man nicht erwischt, die es verstehen, schnell zu Geld und damit zu den Annehmlichkeiten des Lebens zu kommen?

   Wer auf seinem Lebensweg nach Jesus fragt, der trifft keine einfache Wahl.

Der macht es sich nicht leicht. Die Fragen des Teufels tauchen immer wieder auf. Und die Antworten Jesu sind - auf den ersten Blick zumindest,  nicht besonders überzeugend.

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,

sondern von einem jeden Wort,

das aus dem Mund Gottes geht.«

 

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

 

»Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 

   Es sind dies die Antworten der Religion. Wo sie fehlen – verliert die  Menschlichkeit. Der Mensch wird Mensch dadurch, dass er über den Materialismus andere Werte setzen kann. Solidarität, Liebe, Fröhlichkeit, Freiheit. Der Mensch wird aber auch Mensch durch das Leid, das er ertragen muss ohne zu wissen warum. Ein Mensch, der nicht leiden kann – könnte auch nicht lieben. Und auch im Leiden darf der Mensch sich der Nähe Gottes bewusst sein, die er in der Liebe ganz direkt erlebt. Ein Mensch bewahrt seine Menschenwürde, indem er im letzten nur Gott anbetet und dient. Dadurch behält der Mensch seine Freiheit, die ihm keine Ideologie, kein Gehaltzettel kein Modetrend und kein Fan – Club nehmen darf.   Ihr Konfirmanden habt in eure Spielszenen gute Beispiele gezeigt, wie das Leben von Menschen in Gefahr geraten kann. So wie man einen Unfall oder eine Panne mit dem Auto hat, so kann auch das Leben irgendwo gegen stoßen, kaputtgehen oder liegen bleiben. Die Antworten Jesu helfen da. Es sind Tipps, Hinweise, wie es weitergehen kann. Und in der letzten Szene geht der Mann in der Werkstatt sogar noch einen Schritt weiter:  Mit der Bibel vertraut euch Gott den Werkzeugkasten selber an, mit dem ihr euer Leben reparieren könnt. In der Bibel findet ihr  die Antworten und Kommentare unserer Religion auf die Fragen des Lebens. Auch die Antworten, die Jesus dem Teufel gegeben hat, dem Feind eines glücklichen Lebens. Als Jesus mit ihm fertig ist, heißt es:

Da verließ ihn der Teufel.  Und siehe,  da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

   Ich wünsche euch ganz besonders diese Erfahrung: Dass ihr euer Lebensauto immer wieder flott kriegt. Dass der Teufel sich verzieht aus eurem Leben

und dass es voller Engel sei. 

Amen

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Letzter Sonntag nach Epifanias

16. Januar 2005

Im Nachdenken über die Flutkatastrophe in Südindien

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 Liebe Gemeinde,   als am Sonntag, den 26. Dezember die ersten Meldungen um die Welt gingen im fernen Asien habe ein Seebeben statt gefunden, da wurde dieser Meldung noch wenig Beachtung geschenkt. Erst nach und nach drang der Umfang des Unglücks in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Dann sprach man von der „Jahrhundertkatastrophe“. Eine Schockwelle raste vom Indischen Ozean um die Erde, die Bilderflut in den Medien überspülte unser Vermögen, „das Geschehen in seiner massenhaften Häufung von lauter einzelnen Schicksalen zu begreifen[1]“. Tagelang fehlten Kommentare, selbst erfahrene Journalisten beschränkten sich auf Berichte über das Grauen. Von der Sintflut wurde gesprochen[2], und davon, dass fast jedes Volk eine Sintflutsage kennt, viele Kulturen haben „ihren Noah“. Es kommt nicht oft vor, dass in Medien die Religion zur Erklärung Vorgefallenem herangezogen wird. Nach dem Mythos kam das Menschliche zur Sprache: Namenloses Leid – grenzenlose Solidarität.   Angesichts der 160.000 toten und einer halben Millionen verletzter Menschen arbeiteten nicht nur die Vereinten Nationen und die USA Hand in Hand, die Hilfsaktionen erreichten nahezu jeden Haushalt. Das neue Jahr begann mit diesem wunderbaren Zeichen menschlicher Hilfsbereitschaft in ungeahnter Größe.   Als der erste Schock sich löste wurden Hilfsmassnahmen im Großen Stil versprochen und in Ansätzen auch durchgeführt. Kritik kam auf, man sprach von „einer Art Schönheitskonkurrenz der Helfer[3]“, staatlicher Hilfe wurde unterstellt, es ginge doch nur um das Interesse an den Wirtschaftsbeziehungen zu den jungen „Tiger-Staaten“, im armen Afrika geschehe nichts, private Hilfe muss nachweisen, dass sie nicht andere, eigene Projekte bei dieser Gelegenheit mitsaniere. Bürgerkriege werden wieder aufgenommen, Plünderer und Kinderhändler nutzen das Chaos für ihre grausamen Geschäfte. Die religiöse Frage tritt wieder in den Hintergrund seitdem es anklagbare, aufzeigbare, menschliche Untaten zu sehen gibt. Es scheint so, als wage es niemand, auf der ursprünglichen Frage, nämlich der nach der Schuld für das Seebeben, zu bestehen.   Im ersten Entsetzen wurde es angedeutet: wer von einer Sintflut spricht, in der Menschen schuldlos zu Grunde gehen, sagt damit: Gott hat es gemacht.    Zumindest hat er zugelassen, dass all dieses Leid über die Menschen gekommen ist. Warum? Ist das noch ein Gott? Wir entdecken neu, weil immer wieder verdrängt, unsere menschliche Verwundbarkeit. An der Sinnlosigkeit des Elends und des Leidens entzündet sich die Frage wie ein Gott,  der die Welt und seine Menschen liebt, solch ein Unglück zulassen kann. Man nennt diese Frage die Theodizee - Frage, es ist die Frage, ob Gott wirklich gerecht ist. Eine erste Antwort versucht die schon erwähnte Geschichte von der Sintflut: Die große Katastrophe ist Strafe Gottes für die Bosheit der Menschen. Es gereut Gott, dass er die Menschen überhaupt geschaffen hat. Wenig Gute findet er unter ihnen. Noah stehet für sie. Er wird mit seiner Familie gerettet. Beim anschließenden Bundesschluss, - der Regenbogen ist sein Zeichen, - verspricht Gott den Menschen, von seiner Seite aus: nie wieder eine Sintflut, die alle Menschen vernichtet, kommen zu lassen.   Gott handelt so gerecht und gedenkt es auch in Zukunft zu tun. Unklar bleibt,ob der Mensch seinen Teil des Bundesschlusses einhält. Ihm wird die Verantwortung für alle Natur übergeben.  

   Die Frage nach Gottes Beteiligung am menschlichen Leid, nach seiner Gerechtigkeit, angesichts des Leiden Unschuldiger wird dann in der Bibelbesonders im Hiobbuch wieder aufgenommen. Schon wer das Buch Hiob nur flüchtig durchliest, bemerkt, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Personen des Namens Hiob, zu tun haben. Man geht deshalb davon aus, dass einer ursprünglich alten Geschichte über das Leiden eines gerechten Menschen, eine neuere Version eingefügt worden ist. Die alte Geschichte[4] erzählte von Hiob, einem Manne, der ein aufrechtes, makelloses Leben führte. Er erfüllte alle Pflichten eines guten Staatsbürgers und besonders im religiösen Bereich tat er, was man nur tun konnte um Gott zu gefallen. Und dennoch ereilte ihn das Schicksal, er verlor alles was er besaß, Haus, Güter und Kinder. Zuletzt erkrankt der gramgebeugte Mann an schrecklichen Geschwüren, so dass seine eigene Frau sich von ihm abwendet mit den Worten: „Hältst du noch immer fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!“   Die alte Geschichte von Hiob allerdings berichtet, wie dieser fromme Mann in all dem an seinem Gott nicht irre wird, sondern alle Leiden als Prüfung Gottes annimmt und besteht:  " und Hiob sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt! (1,21)

Das heißt:

"Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (2,10)

   Am Ende des Buches belohnt Gott seinen treuen Hiob indem er ihm Gut und Nachkommenschaft, Gesundheit und ein langes Leben schenkt. 

   So weit die alte Geschichte. Die damit begann, dass Gott im Himmel mit Satan eine Wette über die Frömmigkeit Hiobs abschließt. Es scheint nun so, dass sehr bald den Lesern Zweifel kamen, ob es wirklich einen solchen Menschen gäbe. Einen Menschen, der in allem Unglück nicht aufhört Gott zu loben. Sind wir nicht ganz anders? Wer würde angesichts der Flutopfer solch eine einfältige Gottergebenheit bekunden? Und ist Gott wirklich so distanziert, dass er nur mal so zur Probe mit Menschenleben spielt?    Diese Zweifel taten ihre Wirkung und Jahrhunderte später wurde das Hiobbuch umgeschrieben. Nun lernen wir einen ganz anderen Hiob kennen. Er ist rebellisch und kann sein Leiden nicht akzeptieren. ¿Warum ich? ¡Gott ist ungerecht!  Im Vertrauen auf einen gerechten Gott, Bundespartner des Menschen, versuchen Freunde Hiob zu trösten. Sie erklären sein Leiden durch das Konzept der Schuld. Sie bestehen darauf, dass Hiob selbst Schuld habe, auch wenn er selbst das abstreitet. "Es wird schon seinen Grund haben, dass Gott dich damit straft. Durch das menschliche Leiden, das er sendet, erzieht Gott und mahnt. 

Hiob besteht auf seiner Unschuld, zu mindest ist er nicht schlimmer als andere.  

Endlich antwortet Gott. Er kritisiert die Freunde, weil sie nicht die Wahrheit über ihn, Gott, gesagt haben. Hiob habe Recht mit seinen Protest. Er darf für seine Freunde um Vergebung bitten, er darf weiterhin mit Gott reden und rechten. Mit bis dahin unvorstellbaren Worten stellt Hiob Gott zur Rede, provoziert ihn: „Was habe ich denn getan, dass mir solch ein Unglück widerfährt?“ Und Gott antwortet dem Hiob. Er antwortet aus dem Wettersturm und macht dem Hiob klar, wer Gott ist, und was der Mensch. Will er, das Geschöpf, Einsicht in die Logik der Schöpfung erwirken. Zu klein ist er um dies auch nur anzudenken.    Und dennoch. Gott macht den fragenden, klagenden Menschen nicht fertig. Er hört sich seine Klage an und leidet spürbar selbst daran dass es nicht anders geht. Gott macht Hiob klar, dass man sein Leiden nicht vom Standpunkt des Individuums aus verstehen kann, sondern es ist Teil des Preises für die Schöpfung einer Welt, in der der Mensch freier Mitarbeiter Gottes sein soll.   Auf Grund der Würde des Menschen und damit Gott einen wahrhaften Gesprächspartner hat, kann das Leiden nicht aus dem menschlichen Leben ausgeklammert werden. Wir leiden, weil wir lieben. Gott selbst liebt und leidet. Er nimmt das Schlimme nicht einfach weg, sondern erträgt es. Nur so kommt er dem Menschen nah. Nur so kommt der Mensch ihm, Gott, nah und wird nicht einfach zu einer Puppe der nichts Eigentliches, ihr Leben Erschütterndes widerfahren kann, weil Gott sie von allem beschützend fernhält.    Das Hiobbuch gelangt bei der Fragen nach dem Leiden des Unschuldigen an die Grenzen alttestamentlichen Glaubens. Erst mit den Antworten des Neuen Testamentes gelingt es auch das Leiden Unschuldiger als Ort der Gegenwart Gottes zu erkennen. In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus hat das Mitleiden Gottes mit den Menschen, seinen stärksten Ausdruck  gefunden. Gott besteht auf der Freiheit des Menschen, auf seiner Verwundbarkeit und dem Ausgesetztsein der Naturgewalten gegenüber. Das was den Menschen zum Menschen macht, nimmt Gott selbst auf sich. In Jesus Christus begibt es sich zudem in die Hände der Menschen und stirbt an den Gesetzen der politischen Situation und der Bosheit ihrer Vertreter. 

Jeder Versuch zu trösten, wirkt zynisch, wenn er ins Allgemeine gesprochen, der individuellen Klage keinen Raum lässt und die Verzweiflung der Betroffenen  nicht mitträgt. In unseren Gebeten für die Opfer der Flutkatastrophe in Südindien beten wir auch um die Hilfe Gottes in Gestalt des Beistandes, den sich Nachbarn untereinander geben können und um den Trost, den ihnen ihre verschiedenen Religionen und Kulturen zu geben vermögen. Als Christen verweisen wir auf die Liebe und Größe Gottes, die sich in seiner Nähe zu den leidenden Menschen zeigt. Diese Nähe Gottes finden wir in Jesus Christus. Aus seinem Leben, Sterben und Auferstehen schöpfen wir Hoffnung für die Zukunft, in der Gottes Gerechtigkeit, über den Tod hinaus erkennbar und erfahrbar wird. 

   Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes ist sehr alt immer wieder haben Menschen an ihr verzweifelt oder haben in dem ökumenischen Bekenntnis „Gott ist groß“ die Kraft gefunden, mit dieser Frage zu leben und es auszuhalten, dass es keine endgültige Antworten gibt. Antworten gibt es aber auf andere Fragen, unbequeme Fragen, die sich allzu leicht hinter der scheinbar schicksalhaften Frage nach Gottes Gerechtigkeit verbergen, damit sie nicht zu intensiv gestellt werden müssen. Ich möchte deshalb schließen mit zwei Zitaten in denen nach den Gründen für die Jahrhundertkatastrophe in Südindien gefragt wird, ohne dass dabei gleich auf den unbegreifbaren scheinbar ungerechten Gott verwiesen wird. 

1. Zitat: Ein Zeitungsbericht

„Die Fischer von Kota Kuala Muda, einer Ansammlung von Dörfern an der malayischen Westküste, hatten in den Tagen vor dem Tsunami Seltsames erlebt. Ihre Netze waren voller als je zuvor. »Zehnmal so viele Fische wie sonst«, erzählen sie, »wir dachten, es sei ein Segen.« Die Fischer freuten sich über den reichen Fang, glaubten an ein gutes Zeichen zum Ende des Jahres. Bis Sonntag, als die See regelrecht zu kochen schien und die Fische von allein an Land prangen. Da ahnten die Fischer von Kota Kuala Muda, dass sie böse, nicht gute Omen sahen. Als das Wasser sich schließlich hundert Meter zurückzog, schlugen sie Alarm. So rechtzeitig, dass sich alle 4000 Menschen von Kota Kuala Muda vor dem haushoch zurückkehrenden Meer in die höher gelegenen Schulen und Gemeindezentren retten konnten. Nun sehen sie darin ein Zeichen Gottes. Sie haben überlebt, glauben sie, weil sie im Einklang mit dem Schöpfer und seiner Natur leben.“[5]

   2. Zitat: Ein Auszug aus dem Aufsatz von Frank Schätzing, „Wir haben versagt“, eine Selbstanklage: 

„Doch, Urlaub in Sri Lanka ist was Feines. ... Tauchen auf den Malediven. Die letzten Paradiese, bewohnt von einfachen, anspruchslosen Menschen, die immer gut drauf sind. Schon arm, aber doch irgendwie glücklicher als wir. Gastfreundlich vor allem! Teilen das letzte bisschen, das sie haben, sind sich für nix zu schade, geborene Dienstleister. Und was das Beste ist – man zahlt kaum was dafür! Die Tourismusbranche rechtfertigt das so: Was für uns wenig Geld ist, ist für die da unten viel. Schön gesagt und nach den Regeln der Verhältnisrechnung richtig. Nur dass »die da unten« sich von den paar Kröten, die der Dumping-Tourismus übrig lässt, beispielsweise kein Tsunami Warning System leisten können, wie es im pazifischen Raum schon Tausende von Menschenleben gerettet hat. Die jüngste Katastrophe in Südasien ist weniger Folge einer instabilen Erdkruste als vielmehr der Instabilität unserer viel besungenen Weltgemeinschaft. Das touristische Interesse an exotischen Regionen scheint der Wertschätzung der dort lebenden Menschen diametral entgegengesetzt zu sein. ... der Westen investiert Milliarden in die Sicherheit seiner Bürger, explizit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, bis hin zu einem Unsummen verschlingenden, konsequent sinnfreien Irak-Krieg, und lässt andererseits Regionen wie den südasiatischen Raum ungeschützt. Da ist doch etwas schief gelaufen, zum Beispiel dass die Nationen, deren Bürger so gern ins freundliche, preiswerte Asien reisen, bislang nicht auf die Idee gekommen sind, den freundlichen Asiaten ein Tsunami Warning System zu spendieren, obwohl die dortige tektonische Dynamik hinreichend bekannt ist. Das Versagen ist auf unserer Seite. Angesichts der schrecklichen Bilder muss uns die Frage quälen, wann wir die industrialisierten, wohlhabenden und politisch stabilen Nationen – endlich beginnen, Verantwortung zu übernehmen für die Welt »da unten« oder »dahinten«. Gut genug, um ihre Strände zu okkupieren, ist sie uns. Aber dann, bitte schön, sollte sie uns auch das Engagement wert sein, ihre Sicherheit zu fördern. Die Sicherheit der Einheimischen, wohlgemerkt, nicht nur die der Touristen!  Wie viele tote Europäer sind vonnöten, um den verwüsteten Nationen endlich ihr Warnsystem zu stiften, und wie viele tote Asiaten tolerieren wir, ohne dass es geschieht?   Weit davon entfernt, schuld zu sein, folgt die Natur also ihren Gesetzen. Weltweit fordert sie Opfer. Weltweit könnten es weniger sein. Es wird Zeit, unser Entsetzen auf die richtigen Adressaten zu lenken. Auf die Untätigen.“[6]

Amen

 



[1] Leicht Robert, „Schuldlos in der Sintflut“, in DIE ZEIT N°1, 30.12.2004, S.1.

[2] So z.B. in  Schwelin, Michael und Willmann, Urs, „Ohne jede Warnung“, in DIE ZEIT N°1, 30.12.2004, S.1 + 13-16

[3] Fischermann, Thomas, „Feldherren der Menschlichkeit, in DIE ZEIT N°2, 5.1.2005, S.3.

[4] Kap. 1-2 + 42,10-17

[5] Schwelien, Michael, „Entzweite Welten“, in DIE ZEIT N° 2, 5.1.2005, S.5.

[6] Schätzing, Frank, „Wir haben versagt“, in DIE ZEIT N° 1, 30. 12. 2004, S.13.

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