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2. Weihnachtstag
26. Dezember 2006
Predigt zu Jesaja 11, 1 - 9
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, der Predigttext für den diesjährigen 2. Weihnachtstag steht beim Propheten Jesaja im 11. Kapitel. Dort lesen wir:
Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt. (Jes 11,1-9)
Frieden unter den Menschen, Recht den Armen und Unterdrückten, Harmonie in und mit der Natur, Erfurcht vor Gott und dies alles erfüllt zuerst durch ein Kind in der Krippe und dann hier und da unter uns - Gott Mensch geworden. Ich frage mich manchmal, ob diese große eihnachtsbotschaft noch repräsentiert wird, aller Welt weitergesagt wird durch die Vertreter, die bei uns an Weihnachten das Sagen haben? Das Christkind, der Weihnachtsmann und der Nikolaus waren so freundlich und kamen zu einem Gespräch über diese Frage zusammen, ein Gespräch, das ich aufzeichnen konnte.Hier einige Ausschnitte. „Also was den Frieden mit der Natur angeht“, ergreift der Weihnachtsmann das Wort, „da habe ich viel erreicht. Durch meine weltweiten Beziehungen kann es sich kaum noch eine Firma leisten, keinen Beitrag zur Erhaltung der Natur zu leisten. Wer, z. B.- eine Kiste Krombacher Bier kauft, rettet ein Stück Regenwald am Amazonas. Und bis auf wenige Ausnahmen verzichte ich auf motorisierte Fortbewegungsmittel, Rentierschlitten und lange Fußmärsche gehören zu meinem Markenzeichen.“ „Wo Sie gerade die Markenzeichen ansprechen“, der Nikolaus steht hörbar unter Druck, ist es Ihnen nicht peinlich, und ganz und gar nicht im Geist des HERRN, im Geist der Weisheit und des Verstandes, dass Sie in diesen Werbeklamotten rumzulaufen, Rot – Weiß, das sind die Hausfarben eines US-amerikanischen Erfrischungsgetränkehersteller, der Sie einkleidet und sicher auch sonst sponsert, sie machen ja auch Werbung für ihn, mit dem Durst nach langen Renntierschlittenfahrten.“ „Lieber Herr Bischof“, entgegnet der Weihnachtsmann dem aufgebrachten Nikolaus, „Ich weiß nicht, ob Sie sich zu recht ereifern, immerhin waren Sie seit dem Ende des 10 Jahrhunderts Hausheiliger des Kaiserhauses der Ottonen, die Sie zum Patron fast aller von ihnen erbauten Kirchen gemacht haben. Ist unsere Botschaft nicht eher herrschaftskritisch? Dennoch, als Ihre Gebeine 1087 aus der Türkei nach Bari gebracht wurde, wer kannte Sie denn da? 17 Jahrhunderte lang wurden Sie im kleinen Kreis verehrt, verklärt, verniedlicht und - ja sträuben Sie nicht es zuzugeben - auch vermarktet, aber der große Durchbruch, die Globalisation, die ist mir, dem Weihnachtsmann gelungen. Wann werden die Christen es endlich lernen sich modernes Marketing zu nutzen zu machen. Dank Coca Cola bin ich und meine message weltweit präsent.“ „Deine was???“, das Christkind liegt in warmen Decken gehüllt bei den beiden bärtigen Männern und mischt sich nun mit kindlicher Stimme ins Gespräch. „Meine message“, wieder holt der Weihnachtsmann, „das ist die Botschaft von Gottes Liebe, die aller Welt gilt, die die Menschen fröhlich macht und sie einlädt, einander Geschenke zu machen.“ „Und die Menschen, die sich keine Geschenke machen können, weil sie von Hartz IV leben müssen, oder weil der Supermarkt und die Ladenstrasse ihrer Stadt zerbombt wurden? Weihnachtsmann, du bist vielleicht weltweit bekannt, aber deine Art Gottes Liebe zu verkünden, macht nur wenige Menschen wirklich glücklich.“ „Und schon gar nicht die Kinder, ich denke vor allem an die Kinder“, der Nikolaus richtet sich auf, „durch diesen Konsumterror werden ihre Seelen nachhaltig verletzt“. „Ach ja?“ der Weihnachtsmann blickt zornig auf den Nikolaus: „ und was ist das?
Ihr Kinder, stellt die Schuh' hinaus, denn heute kommt der Nikolaus; und wart ihr immer gut und brav, dann lohnt's euch Nikolaus im Schlaf. Er bringt euch Äpfel, Feigen, Nüss' und gutes Backwerk, zuckersüß doch für das böse, schlimme Kind legt er die Rute hin geschwind.
Das ist doch Androhung finsterer Gewalt gegen Kinder. Ich frage mich was das Jugendamt dazu sagen würde, mit der Rute schlagen, gibt es die auch als X-Box Spiel?“ „Das bin ich doch gar nicht“, verteidigt sich der Nikolaus, „das hat man aus mir, dem kinderlieben Bischof aus Myra, gemacht. Heimlich habe ich den armen Kindern geholfen, Mädchen vor der Zwangsprostitution durch meine Geschenke gerettet. Das soziale Engagement des Christentums ist mein Anliegen. Ich habe sogar Buch geführt, in dem die Kinder ihre Klagen über die Erwachsenen eintragen konnten.“ „Das finde ich eine schöne Idee“, ruft das Christkind begeistert dazwischen, „warum gibt es das nicht mehr?“ „Die Erwachsenen haben sich durchgesetzt mit ihrer bürgerlichen Anpassungs- und Drohpädagogik. Ich erinnere nur an den Struwwelpeter, wie ich da angeblich die drei kleinen Übeltäter strafe: Bis übern Kopf ins Tintenfass Tunkt sie der große Nikolas. Irgendwann haben wohl auch die Letzten gemerkt, dass da was nicht stimmen kann. Ein kinderlieber, sozial engagierte Bischof tut so etwas nicht. Man hat mir dann einen Mann für’s Grobe beigesellt. Meinen Knecht Ruprecht, der sollte Schrecken unter den Kindern verbreiten, damit sie wenigstens zum Christfest artig wären. Ich war für die sogenannten ‚guten Kinder’ zuständig und durfte sie weiter beschenken, na Sie wissen ja am 6.12. mit Stiefel Schuh und Strumpf, die kleinen Gaben für die braven Kinder.“ „Na ja, das sage ich doch“, brummelt der Weihnachtsmann, „Geschenke für alle Welt aber bitte nicht kleckern sondern klotzen.“ Die zwei bärtigen Männer schauen sich skeptisch an. Dann fallen ihre Blicke auf das Christkind. Wohlgenährt mit rosigen Bäckchen strahlt es sie an. Der Nikolaus bemerkt nachdenklich: „Also wenn wir uns schon an den alten prophetischen Verheißungen messen lassen sollen, dann schneidest du auch nicht so besonders ab. Es ist doch die Rede vom Geist der Weisheit und des Verstandes, dem Geist des Rates und der Stärke, dem Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Mein Kleiner, was weißt du davon? Das Christkind lächelt: „Das ist so von Gott gewollt. Ich bin die besondere Antwort Gottes auf die alten messianischen Verheißungen. Ein Kind! Ein Kind! Überlegt doch mal! Alle erwarten einen mächtigen Feldherrn und es erscheint ein Kind. Die wenigsten haben das bis heute begriffen. Als Christkind, bin ich geradezu das Abbild Gottes.“ „Ein sehr verschöntes, gezuckertes Abbild“, bemerkt der Nikolaus trocken. „Entschuldige bitte, aber diese blonde Lockenpracht und dein ewiges Gestrahle – Gottes Sohn war semitischer Abstammung und kam in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt. Du ähnelst mehr einer Barbie – Puppe als einem Kind armer Eltern auf der Flucht.“ Das Christkind ist unter diesen Worten sichtbar zusammengesunken. „Ich weiß“, sagt es, „aber die Menschen ertragen es einfach nicht, das Jesuskind leiden zu sehen. Genauso wenig, wie sie sich einen vergebenden Gott vorstellen können, sie haben immer Angst vor Strafen, ohne Rute gibt es für sie keinen Fortschritt. Und dabei möchten sie doch in ihrem Herzen, dass die Botschaft von Gottes Liebe die ganze Welt erreicht, wenn es sein muss auch durch mächtige Werbekampagnen.“ “Glaubt bloß nicht, dass es mir gefällt, schon im Herbst jeden Jahres mein kommerzielles Wesen zu treiben“, wirft der Weihnachtsmann in die Runde. „Es ist nur so, die Menschen machen mit uns, was sie wollen, meinetwegen auch was ihnen gut erscheint – wir drei sind Opfer der menschlichen Unfähigkeit richtig hinzuhören.“ „Oder des Kleinglaubens“ – der Nikolaus bemerkt dies: „Die Weihnachtsbotschaft ist doch klar.“ „Oder sie ist so groß, das nur Kinder sie richtig verstehen.“ Das Christkind guckt trotzig und gar nicht mehr so kitschig. „Wie wäre es mit einem Streik aller Weihnachtssymbolträger?“ „Unmöglich,“ der Weihnachtsmann ist entschieden: „The show must go on!“ “Wir sollten zurück an die Ursprünge schauen”, als ich noch junger Priester war wurde ich wegen meines Christsein, ins Gefängnis gesperrt“, das runde Gesicht des Nikolaus wirkt auf einmal eingefallen und gar nicht mehr fröhlich...
Ja, liebe Gemeinde, soweit meine Aufzeichnungen aus jener weihnachtlichen Gesprächsrunde. Es wurde ja so manches Fragezeichen an unsere Weihnachtsgebräuche geheftet. Auch Kritik wurde laut. Aber es wurde niemand verurteilt. Im Gegenteil, es wurde deutlich, was Gott uns Menschen zu Weihnachten schenkt, ist so einzigartig, so besonders, das all unsere Bemühungen es angemessen zu beschreiben oder symbolisch darzustellen, nicht ausreichen. Gott wird Mensch und wir begegnen ihm als Mitmenschen, seine Botschaft wird von Menschen weitergesagt. Menschliche Worte müssen ganz genau gehört werden, Bilder sorgfältig betrachtet werden viel Widersprüchliches liegt in ihnen aber dann erkennt man auch, in all unseren Bemühungen um Weihnachten in allen Bräuchen, Figuren und Symbolen ein wenig vom Widerschein der göttlichen Nähe. Wir sollten zu Weihnachten besonders behutsam miteinander und mit dem was wir singen und sagen umgehen. Denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, heißt es im Predigttext. Seit Weihnachten lässt Gott sich nicht anders erkennen, als in Mensch gewordener Gestalt. In menschlichen Projekten menschlichen Bildern und Texten. Auch in solchen Gestalten wie Weihnachtsmänner, Nikoläuse und Christkinder, das verwirrt, aber behutsam und liebevoll betrachtet, zeit sich auch in ihnen der Segen, der auf uns Menschen gekommen ist. Eine gesegnete Weihnacht Ihnen allen. Amen
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2. Advent
10. Dezember 2006 Tag der Menschenrechte
Predigt gemeinsam mit amnesty international zu Jesaja 35, 3 - 10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, Wir feiern heute den zweiten Advent.Advent,das meint die Ankunft Gottes in der Welt.Gott, der das Licht und die Liebe ist, überlässt die Welt nicht sich selbst. Er tut etwas. Er schreitet ein. Er kommt den Menschen nahe. Gott kommt mitten in die Finsternis dieser Welt. Die Propheten des alten Israels haben dieses Kommen Gottes in der gestalt seinen Messias vorausgeschaut und angekündigt: Unser heutiger Predigttext stammt aus dem Jesajabuch im 35. Kapitel lesen wir in den Versen 3 – 10
Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.
»Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Allerdings kommt Gott nicht so, wie mancher es sich wohl wünscht:als mächtiger Herrscher,der sich den menschlichen Herrschern voransetzt,sie bestätigt und ihre Throne himmlisch verklärt. Frieden ist für Gott nicht nur die Abwesenheit von Krieg und schon gar nicht eine Friedhofsruhe in der Ungerechtigkeiten unter den Tisch gekehrt werden. Das ist offensichtlich nicht Gottes Weg. Ungewohnt scharf heißt es im Jesajabuch: Er kommt zur Rache; Wer bei diesen Worten erschrickt, der gehört nicht zu den Menschen, die unter dem Zustand der Welt leiden. Wer mit offenen Augen und Ohren das menschliche Leid wahrnimmt, von ihm selbst betroffen ist, sich solidarisch macht, für den ist es eine gute Nachricht, dass Gott die Welt und ihren Zustand grundlegend ändern will: Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!
Der Weg Gottes in diese Welt, ist ein Weg in die Niederungen des Menschseins hinein. In die Keller der Menschheit. Gott lernt die Probleme kennen, denen Menschen ausgesetzt sind. Er weicht ihnen nicht aus, sondern durchlebt sie selbst. Damit wird Gott zum Bruder und zur Schwester aller Menschen. Grenzenlos solidarisch ist er mit den Erniedrigten, Benachteiligten, Elenden und Gequälten dieser Welt. Und gerade so bringt er Licht und Hoffnung in die Finsternis, von der unsere Adventskerzen symbolhaft zeugen. Unser Predigttext ist voller Verheißungen. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Bilder, Symbole sind die Heilung der Blinden, Tauben, Lahmen und das Wasser in der Wüste. Bilder in denen sich Gottes Verheißung ausspricht. Und es ist uns in der Vorbereitung dieses Gottesdienstes sehr wichtig geworden, dass wir nicht nur klagen und auf die vielen Hilferufe hinweisen, die eine Organisation wie Amnesty international erreichen, sonder wir sehen auch, wie die prophetischen Verheißungen, ein Stück weit, an einigen Stellen wahr geworden sind: Es ist ein Zeichen der Nähe Gottes, dass Jesus den ohannesjüngern gibt wenn er ihnen ausrichten lässt: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt... (Mt 11, 5s)
Und es ist bis heute ein Zeichen der Nähe Gottes, wenn etwas von diesen Verheißungen wahr wird. Ein Licht in der Finsternis. Davon möchten wir berichten, denn auch das erleben die Mitglieder von amnesty international. Wir hören ein erstes Beispiel wie die alten prophetischen Verheißungen wahr werden:
ai: Ja, erfreulicherweise. Die gewaltlose politische Gefangene Jennifer Latheef von den Malediven wurde am 16. August aus der Haft entlassen. Sie hat zehn Monaten der im Oktober vergangenen Jahres gegen sie verhängten Haftstrafe verbüßt. Die Fotoreporterin war des „Terrorismus“ bezichtigt und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden, da sie an Protesten gegen Todesfälle in Haft und politische Unterdrückung teilgenommen hatte. Nach Einschätzung von amnesty international war sie allein wegen der Beteiligung an Protestkundgebungen inhaftiert worden, ohne Gewalt angewandt oder befürwortet zu haben.
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„Ich glaube, dass amnesty international, Freunde auf den Malediven und überall auf der Welt enorme Anstrengungen unternommen haben, um meine Freilassung zu erwirken. Ich möchte allen danken, die an meine Unschuld geglaubt haben und mit ihren Gefühlen, mit ihrer Zeit und ihrer Energie nicht nur für meinen Fall eingetreten sind, sondern für alle Menschen auf den Malediven. Es ist mein inniger Wunsch, dass die internationale Gemeinschaft weiterhin die Menschenrechtsverletzungen und Rechtsbeugungen, die täglich auf den Malediven begangen werden, genau verfolgt. Ich bin der Auffassung, dass die umfassenden Reformen, die ich in meinem Heimatland gerne sehen würde, nur möglich sind, wenn von internationaler Seite entsprechender Druck ausgeübt wird“.
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Nach ihrer Freilassung erklärte die Journalistin, sie werde sich weiterhin für die Freilassung von politischen Gefangenen einsetzen und dafür eintreten, dass der Schuldspruch gegen sie aufgehoben wird. In einer Mitteilung an amnesty international erklärte Jennifer Latheef:
Prediger: Da ist Licht in Dunkelheit gekommen, dafür können wir symbolisch eine Kerze anzünden. Gibt es noch weitere positive Meldungen?
ai: Drei Mitglieder des Gewerkschaftsverbandes aus Zimbabwe Lovemore Matomba, Wellington Chibhebe und Lucia Matibenga, wurden nach Protesten aus Polizeigewahrsam entlassen. Sie waren zuvor gefoltert und anschließend in die Zentralwache von Harare verlegt worden. Einen Tag später kamen sie und hunderte andere Gewerkschaftsmitglieder und Mitglieder einer Frauenorganisation frei.
Prediger: Sie können also sehen, dass das Bemühen von ai nicht ohne Auswirkungen bleibt. Ein Grund, die 2. Kerze anzuzünden.Die Dritte Kerze können wir noch nicht anzünden.Sie symbolisiert, dass noch immer für viele Gefangene Dunkelheit herrscht.Wir wollen heute in den Fürbitten für sie beten und kleine Kerzen zum Zeichen unserer Bitte entbrennen. Das Licht der Kerze bedeutet: Der Glaube ahnt, dass das Licht mächtiger ist als die Dunkelheit. Deshalb kämpft er für das Ende von Folter, Unterdrückung, Gewalt und Unrecht Der Glaube wehrt sich gegen alle nschengemachte Finsternis. Er freut sich über alle Zeichen der Hoffnung: Über die Haftentlassung der Fotoreporterin von den Malediven über die Freilassung der Gewerkschaftsmitglieder in Zimbabwe und andere. Wer solche Projekte unterstützt, mit einem offenen Herzen und offenen Händen, der tritt den Beweis an, dass nicht die Unterdrücker, die Fanatiker, die Kriegstreiber und Pessimisten, das letzte Wort auf dieser Welt haben, sondern jene, die den Weg Gottes in die Keller der Menschheit, als Richtungshinweis auch für sich selber annehmen. Der Glaube, und das schließt uns Christen ein, hilft Gott und stellt sich ihm zur Verfügung, mit friedlichen, liebevollen Mitteln, hilft bei Gottes Ankunft in unseren Häusern, in unserer Gesellschaft, in dieser Welt. So wird es Advent.
Amen
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19. Sonntag nach Trinitatis
22. Oktober 2006
Predigt zum Jakobusbrief 5, 13 - 16
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
...ich liebe Kinder,
sagt Gott,
und ich möchte, dass ihr ihnen ähnelt.
mir gefallen keine alten Leute,
sagt Gott,
es sei denn sie wären auch noch irgendwie Kinder.
Und in meinem Reich möchte ich niemand anderes als Kinder,
so ist es für immer beschlossen.
Gebeugte Kinder,
verkrümmte Kinder,
faltige Kinder,
Kinder mit weißen Bärten,
jede Art von Kindern, die ihr wollt,
nur Kinder müssen es sein,
Kinder sonst nichts.
Und daran ist auch nicht zu ändern.
Das ist so entschieden.
Für Erwachsene habe ich keinen Platz.
Ich liebe die Kinder sagt Gott,
weil in ihnen mein Bild noch nicht vergewaltigt ist,
sie haben mein Abbild noch nicht gefälscht,
sie sind neu,
rein,
ohne Flecken,
ohne Abfall.
Deshalb, wenn ich mich zärtlich über sie beuge
ist es als ob ich in einen Spiegel sähe.
Ich liebe die Kinder,
weil sie noch im Werden sind,
weil sie noch formbar sind,
sie sind auf dem Weg,
bewegen sich noch.
Aber mit den Erwachsenen,
sagt Gott,
mit den Erwachsenen,
kann man nichts mehr anfangen,
da ist nichts zu machen,
sie wachsen ja nicht mehr,
nicht einen Tropfen,
nicht eine Handbreit.
Abgestanden sind sie.
Es ist schrecklich,
sagt Gott,
die Erwachsenen denken,
sie seien schon angekommen ,,,
Mit diesen Worten beginnt das Buch des französischen Priesters Michel Quoist, dessen französischer Titel einfach mit „Gebeten“ zu übersetzten wäre.Aber wer achtet auf ein Buch mit dem schlichten Titel: „Gebete“. deshalb der Titel der deutschen Ausgabe:„Herr, da bin ich.“ So als drängele sich da jemand vor, der etwas besonderes zu sagen hat. “Gebete, um auf der Strasse zu beten“, so heißt dieses Buch in Spanien. Spanier können ganz toll in der Messe beten, aber dann außerhalb der Kirche, fehlen ihnen die Worte: “wir sind hier doch nicht in der Kirche“, heißt es spöttisch, wenn jemand etwas zu religiöses im Alltag sagt. Aber darum geht es doch gerade.Wie rede wir denn überoder gar mit Gott im Alltag.Und deshalb gefällt mir der Titel: „Gebete, um auf der Strasse zu beten.“
...ich liebe Kinder,
sagt Gott,
und ich möchte, dass ihr ihnen ähnelt.
mir gefallen keine alten Leute,
sagt Gott,
es sei denn sie wären auch noch irgendwie Kinder...
In einem anderem Gebet des französischen Seelsorgers heißt es:
Meine beste Erfindung,
sagt Gott,
ist meine Mutter.
Mir fehlte eine Mutter
und darum machte ich mir eine.
Ich machte meine Mutter,
noch bevor sie mich machte.
So ist es sicherer.
Und jetzt bin ich tatsächlich ein Mensch,
wie alle Menschen.
Nun gibt es nichts mehr um sie zu beneiden,
weil auch ich eine Mutter habe,
eine richtige Mutter,
das fehlte mir.
Meine Mutter heißt María,
sagt Gott ...
Menschliches und Göttliches gehen in diesen Texten auf eigenartige Weise ineinander über, genauso wie seit der Menschwerdung Gottes, die Grenze nicht mehr klar ist. Gott lässt sich finden, da wo wir am menschlichsten sind. Gebete sind Sprachformen der Liebe und wie die Liebe, die in ihnen zur Sprache kommt, können sie Grenzen überschreiten. Wer betet spricht mit Gott und kann Dinge aussprechen, die keinem Menschen gegenüber zur Sprache kommen sollen. Beim beten kommt menschliches und göttliches zusammen. Wer mit Michel Quoist betet, hört Gott sprechen, so wie einen Menschen auf der Strasse. Gott in Jesus, einer von uns, unter uns, neben uns, da wird es wahr, wenn Gott sich beklagt:
„Ich werde bis zum Ende aller Zeiten gekreuzigt.
Die Christen,
meine Kinder,
scheinen es nicht einmal zu ahnen.
Ich werde gefesselt,
geschlagen,
gekreuzigt.
Ich sterbe vor ihren Augen
und sie merken es nicht,
sehen nichts,
sind blind.
Das können doch keine richtigen Christen sein.
Wie können sie so einfach leben,
während ich sterbe?“
Gebete überschreiten Grenzen. Sie leben davon, dass Gott wirklich bei uns ist und gelangen in Bereiche, in die wir anders nicht einmal denken können. Ich bete für einen Verstorbenen und spüre seine Nähe und weiß mich verbunden mit ihm, höre seine Stimme und spüre seine Gegenwart über mein Gebet zu Gott. Ich bete gegen allen äußeren Anschein an, gegen alle Vernunft, bitte um Kraft und Gesundheit wenn auf Medizin kein Verlass mehr ist. Und noch im Stossgebet klammere ich mich an den Einzigen, der jetzt noch zuhören kann: Oh, Gott nur das nicht! Der heutige Predigttext macht Mut zu beten, allein und in Gemeinschaft Im Jakobusbrief 5,13-16 heißt es:
Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Es gibt ganz naive Beter, wie Pater Brown oder Don Camillo, die mit dem Jesus am Kreuz in ihren Kirchen sprachen. So möchte man beten können und vor allem, so direkt möchte man Antworten bekommen. Wirklich? Selbst diese liebenswürdigen Beter, waren nicht immer glücklich mit den Antworten ihres Herrn, zu dem sie ein ganz besonderes Verhältnis hatten, Grundlage ihrer Gebete.Das Wichtigste ist doch, dass Gott einlädt mit ihm zu sprechen, so wie wir mit einem Vertrauten reden, in Andeutungen, mit Worten im Versuch um dann den richtigen Ausdruck zu finden oder in den festen Formen vorformulierter Gebete: Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. (Mt 6,9)
Oder mit den Worten des 23. Psalms
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Sie kennen diesen Psalm und wissen wie er weiter dieses Bild, von Gott dem Hirten, ausmalt.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Dieser Psalm stellt uns nicht nur Gott als guten Hirten vor, sondern während wir ihn lesen, führt er uns in ein Gespräch mit Gott.
Haben Sie es gemerkt:
Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln...
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Von der Rede über Gott gelangen wir zur Rede mit Gott, dem Gebet. Man kann nicht nur über Gott reden. Zum jedem Glauben gehört auch das Gespräch mit Gott. Staunen erfahren unsere Kinder in der Schule von den Gebetsformen anderer Religionen und fragen nach, was ist aus unseren Morgen-, Mittags,- und Abendgebeten geworden? Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. heißt es im Predigttext. Gebete beginnen mit Worten, suchenden zumeist, manchmal kommen sie auch ohne aus, ein Mensch findet seinen persönlichen Ausdruck Gott gegenüber, wie die stumme Kathrin in Berthold Brechts Theaterstück „Mutter Courage“. Das Gebet der stummen Kathrin rettet eine ganze Stadt vorm Untergang.
Man sieht auf der Bühne eine Gruppe von Bauern, die beobachten, wie eine Stadt nachts von feindlichen Soldaten überfallen werden soll. Die Bauern, eingeschüchtert von der Gewalt der Soldaten, resignieren und tun nichts zur Rettung der bedrohten Stadtbewohner. Sie knien aber nieder und flehen zu Gott, dass er das Unheil abwenden möge, das der Stadt droht: „Wir sind schwach und haben keine Spieß und nix und können uns nichts trauen und sind in deiner Hand ...“ Während die Bauern beten, erklimmt die stumme Kathrin, die Tochter der Mutter Courage, das Dach einer Scheune, eine große Militärtrommel mitschleppend, und beginnt wild zu trommeln. So trommelt sie die Stadt wach, und die Bewohner können den nächtlichen Überraschungsangriff abwehren. Die stumme Trommlerin jedoch bezahlt ihr entschlossenes Eingreifen mit ihrem Leben, sie wird von den wütenden Soldaten erschossen. Die Stadt aber ist gerettet. So gefährlich kann Beten auch sein, Das wahre Beten, nicht die Litaneien:
Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.
Amen
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12. Sonntag nach Trinitatis
3. September 2006
Predigt zu Apostelgschichte 3, 1 - 10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in der Apostelgeschichte im 3. Kapitel (V. 1 – 10).
Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: „Sieh uns an!“ Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: „Silber und Gold habe ich icht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.
Ein Satz ist mir nach der Lektüre dieses Textes besonders nachgegangen: Petrus sagt zu dem Bettler:
„Silber und Gold habe ich nicht;
was ich aber habe,
das gebe ich dir:
Ich finde diese Worte sollten die Worte unserer Kirche werden. „Silber und Gold habe ich nicht“, so wird schon seit Jahren in deutschen Kirchen geklagt. Für Petrus und Johannes ist dies kein Problem. „Geld haben wir nicht, nicht mal so viel, dass es für ein Almosen reicht“, aber darum geht es auch nicht. Das Entscheidende kommt erst noch: „Was wir haben, das geben wir dir.“ Die beiden Apostel versagen dem Gelähmten die Hilfe nicht, Sie resignieren nicht: „Ohne Geld, was können wir da schon tun?“ Ihre Bedeutung für den Hilfesuchenden hängt nicht vom Geld ab. Sie haben ja etwas anderes und das können, dürfen und sollen sie weitergeben. Das ist die Heilung für den Gelähmten: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Daran werden die Kirchen erinnert, die soviel Zeit und Energie auf die Fragen nach Gold und Silber verwenden: Die Verkündigung des Evangeliums ist wichtiger.Es geht um Heilung. Heilung, die durch die Verkündigung des Evangeliums geschieht. Das Wunder, das der Gelähmte plötzlich wieder gehen kann, steht dabei gar nicht im Vordergrund. Das Wunder unterstreicht wie in andern biblischen Geschichten auch die Bedeutung des Geschehens. Das Evangelium muss verkündigt werden. Gottes Zuwendung zu den Menschen, die wir Christen in Jesus von Nazareth erfahren. Darum geht es. Wo Gottes Nähe einem Menschen zugesprochen wird, geschehen Wunder: ganz unterschiedliche aber es wird immer irgendwie Behinderung überwunden, Freiheit entsteht, Menschen laufen, springen vor Freude und loben Gott Das Evangelium verkündigen - das ist nicht einfach. Schon über Gott zu reden fällt schwer.Und gar Gottes Nähe zusprechen, so dass der andere spürt: ja, es ist wahr Gott ist bei mir ... Wir bräuchten es nur zu versuchen, Gott gibt den Rest dazu.Die Kraft Jesu ist auf seine Jünger und Menschen in seiner Nachfolge übergegangen, auch davon handelt der Predigttext. Es scheint allerdings einfacher über das fehlende Gold und Silber zu klagen als sich an die Weitergabe der im Überfluss vorhandenen Liebe Gottes zu machen. Als vor einiger Zeit vor der Türe unserer Kirche Bettler saßen wurde die Polizei gerufen, Gemeindeglieder fühlten sich beim Betreten des Tempels gestört. Das Evangelium von der Liebe Gottes blieb auf der Strecke. Die Apostelgeschichte schildert eindrucksvoll, dass dies nicht immer so war. Petrus und Johannes wenden sich dem um Almosen bettelnden Gelähmten zu. Ihre Worte kennen wir schon Es geschieht noch mehr. Zum Beispiel: Als der gelähmte Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: „Sieh uns an!“ Damit beginnt die Verkündigung des Evangeliums der Liebe Gottes, mit dem Ansehen und dem Ansprechen. Mit einem Almosen ist diese Begegnung nun nicht mehr zu erledigen. „Sieh uns an“, durch dieses Wort und den begleitenden Blick wird der Bettler „aus seiner Doppelhaltung der gewohnheitsmäßigen Dringlichkeit und der stets auf Enttäuschung gefassten Gleichgültigkeit herausgerissen“[1], denn jetzt kümmert sich einer um ihn - auf Blickhöhe. Wo Menschen sich so in den Blick bekommen, wird etwas der Liebe Gottes Wirklichkeit. Wir haben Verantwortung füreinander die über das Geben von Almosen hinausgeht. Das Evangelium verbindet uns Menschen. Nur gegenseitig können wir es uns erfahrbar machen. Es gibt Menschen, die verstehen dies in ihrer Arbeit zu tun. Es müssen nicht immer große Apostel aus der Bibel sein. Sie begegnen uns im alltäglichen Leben, jene Menschen, die etwas vom Leben verstehen, und davon, dass nicht Gold oder Silber, sondern die Nähe Gottes, das Wunderbare auf Erden ist.
Ich erinnere mich an den Kellner einer kleinen Confitería in Buenos Aires. Ein einziges Paar auf dem endlosen Weg zwischen Tresen und Tischen abgetragener Schuhe nannte er sein eigen. Zur schwarzen Hose und weißem Hemd trug er eine rote Weste, die in jedem anderen Ort, auf seinem buckeligen Rücken, komisch gewirkt hätte. Hier in der Vertrautheit des Gasthauses, hatte sie ihre Bedeutung, unterstrich den Dienst des Mannes, der sich den jeweiligen Tageszeiten und Stimmungen seiner Gäste anpasste und das Geheimnis dieses beschützenden Ortes ausmachte. Morgens servierte er Hörnchen und Kaffee ohne viele Worte. Er wusste was wir benötigten und war fast unsichtbar um die Intimität an den Tischen, an denen der Tag begann, nicht zu unterbrechen. Mittags arbeitete er schnell und genau. Man verfügte über wenig Zeit und hörte gerade mal die neuesten Nachrichten mit denen er aufwarten konnte. Abends war unser Kellner ein ganz andere Mensch. „Hallo Familie“ grüßte er uns und erklärte lang und ausführlich welchen Imbiss er zum welchem Aperitif empfahl. Mit Liebe und Hingabe deckte er den Tisch, Sonderwünsche waren kein Problem, fast alles war möglich und mit seinem verständnisvollem Lächeln machte er sich zum Mitverschworenem der endlosen Gespräche, die zu dieser Zeit an den Tischen entstanden. Als er in Rente ging sagten alle, dass er ein guter Kellner gewesen sei. Ich denke, er war auch ein weiser Mann, der etwas vom Leben verstand, jemand der auf seinen Platz die Menschen so behandelte, wie es dem Evangelium von der Liebe Gottes entspricht.
In einem Lied[2] heißt es:
Wie traurig muss es sein,
alt zu werden ohne Seele und Hände verbraucht zu haben.
Was für ein trauriger Erfolg,
sich gut gehalten zu haben,
weil man sich niemals wirklich für jemanden eingesetzt hat.
Wie traurig muss es sein,
Gold und Silber gespart zu haben,
wo anderswo Menschen sich für ein Stück Brot verkaufen.
Was für eine traurige Ruhe findet man,
dort wo die Ungleichheit Menschen von einander abschirrt.
Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Darum geht es doch, das Evangelium von der Liebe Gottes so weiter zu geben, wie ich es erlebe, mit meinen Mitteln: als Kellner oder als Schriftsteller. Ist nicht die Ehrlichkeit eines alten Mannes, der beim Häuten der Zwiebelschalen seiner Erinnerung, noch nach über 60 Jahren seine Mitgliedschaft in der Waffen SS gestehen muss, ist diese Ehrlichkeit nicht auch etwas, dass dem Leser gut tut, weil er mit Respekt behandelt wird? Ist Ehrlichkeit nicht auch ein Stück weltgewordenen Liebe Gottes, Ausnahme in einer Welt, in der Gold und Silber und falscher Schein übermäßig laut das Sagen haben? Das Evangelium soll verkündigt werden. Gottes Zuwendung zu den Menschen, Darum geht es. Aber das ist nicht einfach. Schon über Gott zu reden fällt schwer. Und gar Gottes Nähe zusprechen, so dass der andere spürt: ja, es ist wahr Gott ist bei mir ... Wir bräuchten es nur zu versuchen, Gott gibt den Rest dazu. Es gibt Menschen, die können dies. Es müssen nicht immer große Apostel aus der Bibel sein. Sie begegnen uns im alltäglichen Leben. Tun ihre Arbeit, tun sie so, das Gottes Zuwendung zu den Menschen darin deutlich wird. Manchmal sind es nur wenige Worte, ich finde Ulrich Wickerts: „Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht“, gehören irgendwie auch dazu.
Gott schenke uns allen
zu seinem Evangelium
die Kraft
es anderen weiter zu sagen
Amen.
[1] Stählin, Gustav, Die Apostelgeschichte, Göttingen 1975, S. 59.
[2] Zamba del pellejo, Cancionero sinodal, Buenos Aires 1989, eigene Übersetzung.
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5. Sonntag nach Trinitatis
16. Juli 2006
Predigt zu Lukas 5, 1-11
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
die Kraft zu allem Leben kommt von Gott: der Mut, der die Mutlosigkeit besiegt, das Lächeln, das unter Tränen erblüht, der Antrieb, der mich auch einen schweren Weg gehen lässt, das Vertrauen, ohne das mein Leben keinen Tag bestehen könnte. Worauf verlasse ich mich denn bei jedem Schritt, den ich gehen, wenn nicht darauf, dass diese Erde gewollt und angelegt und im Letzten getragen istvon der Liebe eines guten Schöpfers. Selten sehen wir das deutlich. Wie selbstverständlich lebt der Mensch auf einer Erde, deren Reichtum an Lebewesen und Formen von Energien und Möglichkeiten frühere Generationen zu frommen Staunen und dankbarem Lob eines fürsorgenden Gottes gebracht hat. Der moderne Mensch, überzeugt von der Machbarkeit aller Dinge, ging daran, sich die Erde untertan zu machen, im schlechten Sinne des Wortes. Er beutete seine Lebensgrundlage aus, versklavte die Natur und nahm die alles belebende, Kraft spendende Liebe Gottes als selbstverständliche Gegebenheit hin, auf die ein Anspruch jederzeit einklagbar wäre. Wir stehen heute am Ende dieses Denkens. Die Grenzen menschlicher Machbarkeit sind erreicht. Grenzen des Wachstums, Grenzen der Rohstoffvorräte, ethische, moralische Grenzen, die es verbieten, Mittel weiter zu entwickeln, die alles Leben auf der Erde mit ihrer vollständigen Vernichtung bedrohen. Der Mensch hat getan, was er konnte.Die besten Köpfe in Wissenschaft und Forschung haben gearbeitet, Atemberaubendes ist entdeckt und entwickelt worden,doch werden wir dieses Fortschrittes nicht recht froh, weil mit der Größe der menschlichen Leistung auch die Schatten größer und größer werden,die sie auf unser Leben wirft. Vom Auto bis zur Atomtechnologie sehen wir Gefahren, und mit den Jüngern im Predigttext können wir sagen: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Teure und intensive Forschung haben uns in vielerlei Hinsicht nicht weiter gebracht.Mit den Errungenschaften wuchsen auch die Gefahren und Einschränkungen des Lebens. Fischen mit einem zu grobmaschigem Netz,nichts bleibt – der Fang rutscht uns aus den Händen. Mit leeren Händen kehren die Fischer ans Ufer zurück.Hier begegnet ihnen Jesus.der nicht resigniert, der Mut macht: „Fahrt noch einmal hinaus. Wiederholt eure Arbeit, aber diesmal nehmt mich mit.“ An dieser Stelle ist Entscheidung gefragt. Aufgeben oder Weitermachen. War alles umsonst oder fehlte nur die Religion keine in der Vergangenheit verhaftete sondern eine, die heute von Gott und mit Gott zu reden weiß. „Meister, wir haben die ganze nacht gearbeitet und nichts gefangen und jetzt kommst du und sagst wir sollen noch einmal...“ Die Jünger entscheiden sich anders, Simon Petrus spricht es aus: „aber auf dein Wort hin, will ich die Netzte auswerfen.“ Das ist der Glaube, der nicht resigniert: „wir leben nun mal in einer gottlosen Welt.“ sondern der Glaube vertraut darauf, dass die gleiche Arbeit in der Begleitung Jesu, unter dem Wort Gottes anders ausfällt, gute, reiche Ergebnisse zeigt, Sinn bekommt. Wir Deutschen haben nach langen Jahren der Vorsicht und Abstinenz, wieder ein Verhältnis zu nationalen Symbolen bekommen. Ist es nicht auch denkbar, dass wir, nach langer Zeit, in der die Rede von und mit Gott als peinlich oder zumindest sehr schwierig, gar überholt empfunden wurde, wir es wieder lernen, auf Transzendenz zu achten, nach Gott zu fragen, zu suchen, und ihn mit hineinnehmen, in alles,was unser Leben bestimmt? Nichts anderes tun die Jünger, als sie zum zweiten Mal auf den See fahren, sie tun ihr gelerntes Handwerk aber in Begleitung Jesu,deshalb ist es anders, das Vorzeichen verleiht ihrer Arbeit ein neues Gesicht: „... auf dein Wort hin, will ich die Netze auswerfen.“ Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische. Ich denke, das ist die verlorene Weisheit, die unmoderne Religion, die menschliche Bemühungen gelingen lässt, oder, wo sie vergessen ist zum Scheitern bringt. Wir sind die Sachwalter Gottes auf Erden, nicht die Herren, die Sachwalter, die Stellvertreter, IHM verantwortlich in allem, was wir tun. Nur auf sein Wort hin dürfen wir die Erde nutzen, von ihr leben und mit ihr umgehen. Deshalb muss jedes Ergebnis menschlicher Arbeit unter sein Wort gestellt werden. Gottes Wort spricht von der Liebe, von lebensschaffender, ermöglichender, erhaltender Liebe, dies ist das Richtmaß, an dem unsere Statthalterschaft – menschliches Forschen und Entwickeln – sich halten muss. „Auf dein Wort hin...“ so verliert menschliche Leistung ihre Schatten. verliert den bedrohlichen Beigeschmack, macht den Menschen nicht kaputt, schreit nicht nach Opfern. „Auf dein Wort hin...“ da wird die Routine unterbrochen, da wird Frustration besiegt, da verstehen sich Menschen in ihrem Alltag von Gott beauftragt und auf den Weg gebracht. Noch einmal sehe ich die Fischer am Ufer des Sees sitzen, sie flicken ihre Netze am Ende eines Arbeitstages, ergebnislos wie so viele, ebn normal, lange schon hat man sich damit abgefunden: Routine und Frustration, ein halbes Leben, das im Schatten steht. Wie viele Bewerbungen werden geschrieben, die ungelesen im Papierkorb verschwinden.Auch um diese Erfahrung geht es, dass da jemand neuen Mut bekommt, dass mir Ohren und Augen aufgehen, das Leben Farbe bekommt, dass ich, - ich weiß nicht woher – wieder von der Kraft zu allem Leben spüre, dass mir Mut zu einem weiteren, einem neuen Schritt zukommt. Ich sehe das Alte mit neuen Augen, wenn ich es mit Religion, aus dem Glauben betrachte. Die Kraft zu allem Leben kommt von Gott: der Mut, der die Mutlosigkeit besiegt, das Lächeln, das unter Tränen erblüht, der Antrieb, der mich auch einen schweren Weg gehen lässt, das Vertrauen, ohne das mein Leben keinen Tag bestehen könnte. Um solche guten Erfahrungen weiter geben zu können, brauchen wir nicht nur die Sprache der Religion, mit ihren reichen Bildern und Symbolen, wir brauchen auch den Glauben daran, das solche Erfahrungen nicht Zufälle sind, oder lediglich das Ergebnis eigener Bemühungen der Besseren, sondern sie sind Früchte eines Gottvertrauens das neu in unser Bewusstsein drängt: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Aber auf dein Wort hin, will ich die Netzte auswerfen.“
Amen
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2. Sonntag nach Trinitatis (Einführung des Kirchenvostandes)
25. Juni 2006
Predigt zu 1 Kor 14, 1-3 + 20 - 25
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, der Erfolg der Verfilmung von Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ verdankt sich zu einem guten Teil auch der Unfähigkeit der Kirche, ihre Botschaft in klarer Sprache heutigen Menschen zu sagen. Über Jahrhunderte hin leer gepredigte, leer gebetete und leer gesungene Worthülsen, werden plötzlich interessant, weil sie als CRYPTEX von einer Polizei-Kryptographin und einem Experten für religiöse Symbole auf abenteuerliche Weise neu interpretiert werden. Dieses Sakrileg haben jene kirchlichen Kreise zu verantworten, die sich noch heute um die Richtigkeit Jahrtausende alter Formel besorgen und alle kirchlicher Äußerungen an die Kette überkommender Sprach- Musik- Kunst- und sonstiger Formen und allgemein veralterter Traditionen legen wollen. Eine Welt wie die des 21. Jahrhundert, die soviel Durst und Sehnsucht nach Wahrheit und ehrlichen Lebenshilfen hat, sucht verzweifelt, an die Geheimnisse zu kommen, die sich hinter scheinbarer Geheimbündelei oder unterdrückter Botschaften der Vergangenheit verbergen. Würde in den Kirchen würde in unserer Gemeinde so über und mit Gott gesprochen, wie es den Bedürfnissen heutiger Menschen entspräche, der Film von Ron Howard hätte sich keine Woche im CINESTAR gehalten.
Zu den Aufgaben des Kirchenvorstand dieser Gemeinde und seiner Mitglieder, gehört es, das Evangelium, Gottes gute Botschaft an diese Welt, in dieser Stadt zur Sprachen zu bringen. Wie soll eine christliche Gemeinde ihre Botschaft heute, in der Welt des 21. Jahrhunderts, kommunizieren, „unter und an die Leute bringen“? Soll sie für Gott reden; im Geist von Geheimnissen, in den Worten, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende alt sind, oder so, dass es den Menschen gut tut, sie warnt und tröstet – also konkret, praktisch, - menschlich. Die erstgenannte Art kirchlicher Rede, die sich gewissermaßen nach innen richtet, sich um die Kirche und ihre Geheimnisse dreht, nennt der Apostel Paulus: Zungenreden; die zweite Art, die praktisch konkrete, die beim Menschen bleibt,die nennte er prophetische Rede. Und so schreibt er an die Korinther im 14. Kapitel es 1. Korintherbriefes in den Versen 1 – 3 + 20 – 25.
Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.« Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
Kirchliches Zungenreden hat immer wieder zu Missverständnissen und Verärgerungen geführt. Wenn Gottesdienste z.B. vorrangig unter dem Gesichtspunkt der Tradition konzipiert werden, dann bekommen sie den Charakter eines Museum. Sie atmen den Geist vergangener Zeiten, holen die Menschen nicht ab, wo sie stehen und sind auch nicht in der Lage, sie nachhaltig zu prägen. Der beste Weg den entkirchlichten Menschen das Evangelium zu sagen, besteht für mich darin, die Kirche zu entkirchlichen, das heißt, ihr diesen typischen „Stallgeruch“ zu nehmen, der es so vielen Menschen schwer macht, sich ernsthaft auf das Christentum einzulassen, oder der sie sogar zu wütenden Gegner der Kirche macht, der sie dann unterstellen Geheimwissen nicht herauszurücken. Es wird für den neuen Kirchenvorsteherrinnen und Vorsteher nicht so sehr darum gehen, sich in der Kirche zurecht zu finden lernen, sondern wir hoffen, dass sie uns helfen, die Kirche dahin zu bringen, wo die Menschen sind. Glaube und Kirche sind keine Alternativen zu, sonder wichtige Ergänzungen aller anderen Aktivitäten. Also auf die entkirchlichten Mitbürger soll unsere Gemeinde zugehen. Wichtig und interessant ist sie dabei nur, wenn sie etwas Neues, etwas eigenes zu sagen weiß. Wenn die Kirche wie alle anderen Vereine auch, nur Mitglieder wirbt und Spenden erbittet, um die eigenen Aktivitäten und Gebäude zu stützen und zu erhalten, dann ist auch da nichts Neues, und auch nichts Besonderes erkennbar. Manchmal denke ich, was wir sonntags an traditionellem Ballast um uns aufbauen, das versuchen wir in der Woche durch Nacheifern allem Modischen wieder gut zu machen. Außerhalb der Gottesdienste bemüht sich die Kirche als modernes Unternehmen darzustehen. Management und fundraising, Mitarbeiterführungsgespräche, Leitbilddiskussionen und image controlling, da sind wir dran. Ein nordamerikanischer Pastor, gefragt was er beruflich mache, antwortet: “I run a church”.[1] Ich übersetzte mal: Ich habe da eine Kirche am laufen. Wenn ich so meine -- oder die Aufgabe des Kirchenvorstandes beschreibe, dann setzte ich einen Akzent auf das reibungslose Funktionieren der Abläufe, auf die ausreichende Gewinnausschüttung, Kirchensteuern und Spenden, aber auf den Inhalt, auf das was mein Unternehmen produziert oder als Dienstleistung anbietet, achte ich wenig. Was ist die Aufgabe einer Kirchengemeinde? Ich sage: Es ist die Seelsorge.Und ich denke,das ist was Paulus in unserem Predigttext meint: Wer aber prophetisch redet,der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
Eine Kirchengemeinde soll sich um die Seelen der Menschen sorgen Beide Worte sind wichtig: Seele und Sorge. Der Mensch hat keine Seele, sondern er ist Seele. Er ist Seele insoweit und weil er von Gott angesprochen wird. Das macht aus einem Menschen, der ein Körper ist, auch ist eine Seele. Das dieses, dieses Von-Gott-angesprochen-werden, gemerkt wird, dass dafür jemand sensibel wird, auch eine Gesellschaft in ihrer Politik, dafür soll die christliche Gemeinde Sorge tragen. Das Leben ist kein Problem, das zu lösen wäre, es ist ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt. Aber dieses Geheimnis liegt nicht im verschlüsselten Code einer Geheimloge, sondern in den Augenblicken, in denen Menschen von Gott angesprochen werden, und dies gewahr werden. Wenn sie so ihre Seele entdecken und Antworten finden auf Schuld und Leid, die aus Gnade und Glaube Ihnen gesagt werden. Dies ginge auch ohne Kirche, aber Gott scheint zu wollen, das seine Gemeinde dabei hilft: sich um Seelen sorgt. Deshalb ist es wichtig, dass die Kirche am Laufen bleibt, gut, dass es Menschen gibt, die sich darum kümmern ich tue es auch. Aber lassen Sie es uns so tun, wie wir uns, um Beispiel, auch um unsere Familien kümmern. Da tun wir eine Menge Dinge routinemäßig. Aber wenn uns jemand nach der Familie fragt, dann antworten wir nicht mit der Höhe des Bausparvertrages, den Steuernachzahlungen oder der kaputten Dachrinne am Gartenhaus, sondern dann sprechen wir von der geplanten Hochzeit, den aufwachsenden Kindern, dann beweisen wir Gastfreundschaft, teilen Freuden und Leid mit. Wenn wir heute also nach den Aufgaben und der Verantwortung des neuen Kirchenvorstandes fragen, so fragen wir nach dessen Sorge, seinen Aufgaben und seiner Verantwortung für die Seelen. Das heißt der Kirchenvorstand wird sich fragen: Was tut Gott in dieser Gemeinde? Wen spricht er an? Was sagt er uns? Wo lässt er sich von uns finden? Wohin ruft er uns? Wo steht er und wartet auf uns? Hier und heute. Wir fragen nach Gott – das ist das Besondere einer Gemeinde im Vergleich zu anderen Vereinen, und wir fragen nach ihm hier und heute, damit unterscheiden wir uns von unserer eigenen Tradition.
Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, die einenzitierten aus den alten Gesangbüchern, Stilblüten der Tradition, die anderen beklagten sich bitterlich über sinkende Einnahmen und fehlende Farbe am Altarbild es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten, Tagesgeschehen und persönliche Berichte besprächen, wo und wie man sich um die Verbesserung bestehender Zustände mühte, und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und dann nachdem er sich richtig ausgesprochen hätte,würde man ihm von seiner Seele sprechen, in dem man ihm sagte,dass es da jemanden gibt, der ihn auf seine Probleme hin anspricht, ihn stärkt und tröstet – und man würde ihn aufnehmen, so dass er merkte, er ist nicht allein und hier wird nicht nur geredet sondern in die Tat umgesetzt, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist. Amen
[1] Peterson, Eugene H., The Contemplative Pastor Returning to the Art of Spiritual Direction, Gran Rapids (Mich) 1993, S. 58.
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Quasimodogeniti
23. April 2006 Predigt zu Kol 2, 12 - 15
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief an die Gemeinde in Kolossä. Ein Schüler des Apostel Paulus erläutert im 2. Kapitel das Wesen der christlichen Existenz. Dabei bezieht er sich besonders auf die Taufe. Er schreibt den Kolossern:
Mit Jesus seid ihr begraben worden durch die Taufe;
mit Jesus seid ihr auch auferstanden durch den Glauben
aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.
Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht,
die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches,
und hat uns vergeben alle Sünden.
Er hat den Schuldbrief getilgt,
der mit seinen Forderungen gegen uns war,
und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet
und sie öffentlich zur Schau gestellt
und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus. (Kol 2,12-15)
Arreyndrip Bertrand ist auferstanden durch seinen festen Glauben. Glaube ist Vertrauen. Vertrauen in Gott und in die Menschen durch die Gott uns nah ist.[1] Bertrand vertraute dem Priester Antonio Diáz, der ihm ein Zimmer besorgte und ein neues Auge. Sein Auge verlor der junge Mann vor einem Jahr und sieben Monaten am Zaun in Melilla, jenem sechs Meter hohem Zaun, der uns reiche Europäer, vor den armen afrikanischen Einwanderern schützen soll. Die Gummigeschosse der Guardia Civil trafen Bertrand ins auch direkt ins Gesicht. Als er im Krankenhaus von Málaga aufwachte fehlte im das rechte Auge. Pater Antonio Diáz half Bertrand weiter und später in Madrid half die Nicht-Regierungsorganisation KARIBÚ, deren Leuten Bertrand vertraute.Er bekam ein Glasauge und als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde führte sein erster Weg zum Fotografen. Das Foto schickte er seiner Familie nach Camerún, Eltern und Geschwister hatten geglaubt, Bertrand sei bei seinem achten Versuch nach Europa zu gelangen ums Leben gekommen. Nun wissen sie, dass ihr Sohn und Bruder weiterkämpfen wird, im Vertrauen darauf, 3000.- € zusammen zu bekommen, denn soviel kostet es ihn, die Frau, die er liebt, Clarise, zu heiraten. Auch seine Spanischlehrerin in der Klasse für Immigranten hilft ihm. Sie versteht es, wenn Bertrand immer wieder von heftigen Kopfschmerzen geplagt wird. Sie begleitet ihn zum Arzt. „Jetzt begreife ich, warum er manchmal unaufmerksam und ungeduldig ist“, sagt sie, „ich mag ihn und er braucht jemanden, zu dem er Vertrauen haben kann.“ Bertrand dankt seiner Lehrerin: “Sie hat ein schwarzes Herz“, sagt er, und das bedeutet sehr viel. Auferstanden durch den Glauben. Durch den Glauben an das Gute in den Menschen und an eine lebenswerte Zukunft. Der junge Mann aus Camerún hat sein Leben neu geschenkt bekommen, sein Leben, dass durch die Sünde der Europäer, die ihren Reichtum nicht teilen mögen, in Gefahr geraten war. Der Predigttext geht noch weiter: „Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden ...“ Das heißt Gott sieht auch eine Zukunft für die eingezäunten, in ihrem Materialismus abgeschotteten Europäer.
„Ich habe gekündigt“, sagt der Mann zu seiner Ehefrau und nimmt sie in den Arm, „ab Juni leben wir von meinem Halttagsjob und deinen Nachhilfestunden. Hoffentlich wird es uns nicht noch einmal leid tun.“ „Bestimmt nicht“, sagt sie, „wir gewinnen uns und unser Leben zurück.“
Das haben wir richtig gemacht. Dieser Satz ist nicht ungefährlich. Aus viel gutem Willen wird so leicht Sünde. Sünde, die von Gott trennt. Wenn ich nämlich meine,ich schulde es dem Leben, meiner Familie, mir selber, alles perfekt zu machen, vernünftig, fehlerlos. Dabei kann ich weder perfekt fröhlich noch perfekt glücklich noch Hundertprozent sicher sein in meinem Leben. Wer es versucht, all seine Schwächen zu beseitigen, stößt immer wieder an seine Grenzen. Wer den einsamen Entschluss fasst, perfekt zu sein, ist verloren, bevor er beginnt. Wer sich angesichts der Macht des Bösen und des Todes nur auf sich selbst verlassen will, wer alles Störende, Schwache, Anfällige ausschlissen will, der ist verlassen. Wer die Probleme dieser Welt meint mit einem Stacheldraht von sich fern halten zu können irrt. Die Bibel zeigt einen anderen Weg, Es ist der Weg, die Menschlichkeit in ihrer Schwäche und Armut anzunehmen. Wer meint seine Schulden dem Leben gegenüber bezahlen zu können, verzweifelt. Gott hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Heißt es im Predigttext. Gottes Weg ist der Weg, den Jesus Christus gewiesen hat. Jesus hat das Leben kennen gelernt, so wie es ist. Die Freude, die Schönheit und das Glück der Welt waren ihm ebenso vertraut, wie die Schattenseiten, die Grenzen der Menschlichkeit; Leid und Gottesferne. Das besondere seines Weges ist, dass Jesus sich in Licht und Finsternis bei Gott geborgen wusste. Das fehlt sooft, das Vertrauen darauf,dass Gott auch dort eine gute Zukunft sieht, wo unsere Fantasie und Vorstellung unser Glaube versagt. Was nutzt der Gottesbezug im Vorwort einer Europäischen Verfassung, wenn an seinen Grenzen seinem Eindringen mit allen Mittel gewehrt wird. Was bringt es, die zunehmende Schwäche der Institution Landeskirche zu beklagen, wenn in Niedersachsen sowieso kaum jemand mehr auf Gott vertraut, sondern jeder selbst dem Leben und der Gesellschaft es schuldet gut dazustehen. Dabei gilt doch:
Gott hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Gott hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.
Wir Norddeutschen halten wenig vom Karneval und auch Karfreitagsprozessionen liegen uns wenig. überhaupt das öffentlich zur Schau stellen innerer Befindlichkeiten ist unserem Wesen zu wider. Gott scheint in dieser Hinsicht kein Norddeutscher zu sein, von ihm heißt es:
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.
Vielleicht können wir uns ja zumindest innerlich einmal einen solchen Triumphzug vorstellen. Welches sind die Mächte und Gewalten, die seit Ostern keine wirkliche Herrschaft mehr über unserer Leben haben? „Ich habe sechs Wochen lang keinen Alkohol getrunken“, berichte stolz der arbeitslose Jugendliche. „Ich habe gekündigt“, erzählt der Mann, der sein Leben der Karriere verschrieben hatte. „Seit dem ich über meine Krankheit offen reden kann, lebe ich ruhiger und traue mich auch wieder unter Leute zu gehen“, die Frau lächelt – ein österliches Lächeln.
Das Foto von Bertrand in der Zeitung, in der ich seine Geschichte gelesen habe, zeigt einen ernsten jungen Mann. Seine Augen leuchten und man vermag nicht zu sagen, welches von beiden aus Glas ist. Er weiß es schon, und es schmerzt ihn, an die Vergangenheit zu denken, und wenn Betrand eine SMS von Clarise bekommt, wird er traurig, denn er hat kein Geld, ihr zu antworten. Aber wenn sie ihm schreibt, dass sie ihn vermisst und auf ihn wartet, dann weiß Bertrand, dass in Camerún eine gute Zukunft auf ihn wartet, für die es sich lohnt, zu kämpfen. Die größten Probleme liegen hinter ihm.
Ostern, das heißt: die größten Probleme liegen hinter uns. Der Tod ist nicht mehr wirklich mächtig.
„O Tod, wo ist dein Stachel nun? Wo ist dein Sieg o, Hölle? Was kann uns jetzt der Teufel tun,wie grausam er sich stelle?“
So werden wir gleich singen. Und vielleicht ist es ja doch auch ein Ausdruck österlicher Freiheit, dass immer weniger Menschen, den Teufel ernst nehmen, dass seine Existenz sich nach Hollywood verlegt hat, oder in die Witzseiten der Illustrierten. Manchmal verdingt er sich noch als Maskottchen oder in der Schnapsbrennerei.
Ich habe eingangs den Schreiber unseres Predigttextes einen Schüler des Apostel Paulus genannt. Paulus selbst schreibt über die Taufe an die Römer: „Wir sind mit Christus gestorben und glauben, dass wir auferstehen werden.“Sein Schüler, in seinem Brief an die Gemeinde in Kolossä, sieht es noch direkter: Mit Jesus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit Jesus seid ihr schon jetztauch auferstanden durch den Glauben. Er fordert uns auf schon jetzt, in unserem Alltag, als vom Tod und Teufel befreite Menschen zu leben. Das ist nicht immer einfach. Aber ich denke Menschen wie Arreyndrip Bertrand, der junge Mann aus Camerún, der die Hoffnung nicht aufgibt, solche Menschen können uns dabei helfen.
Möge Gott sie segnen, dass sie für uns zu einem Segen werden.
Amen
[1] Der bericht über Arreyndrip Bertrand findet sich in EL PAÍS, Madrid, vom 4. April 2006, Seite 72.
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Okuli
19. März 2006
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt aus dem 1 Petrusbrief. Dieser sogenannte Brief ist eine theologische Abhandlung, die ungefähr im Jahre 85 nach Christi Geburt in Kleinasien verfasst wurde:Unser Predigttext steht im 1 Kapitel in den Versen 18 – 21:
Denn ihr wisst,
dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid
von eurem nichtigen Wandel
nach der Väter Weise,
sondern mit dem teuren Blut Christi
als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde,
aber offenbart am Ende der Zeiten
um euretwillen
die ihr durch ihn glaubt an Gott,
der ihn auferweckt hat von den Toten
und ihm die Herrlichkeit gegeben,
damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.
(1.Petr 1,18-21)
Da ist vom nichtigen Wandel die Rede, nach der Väter Weise. Also wie es schon immer war.Nichtiger Wandel, brotlose Künste, ein Leben ohne besonderen Tiefgang, oberflächlich, interessiert lediglich an vergängliches Silber und Gold, zwischen Shoppen und Sparen: „Für meine Zukunft sehe ich blau, rot oder grün, eben alles was ich kaufen kann, das füllt mich aus“. Die Werbung ist mein Lebensbuch, „ich bin doch nicht blöd“. Als Schnäppchen noch Sonderangebote hießen, oder günstige Gelegenheiten nach der Väter Weise, war dies auch nicht anders. Könnte ich mein Leben nochmals ändern, ich würde meine Brille gleich bei Fielmann kaufen.
Seltsam dagegen die Rede vom teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Symbolschwer, nach Übersetzung rufend: teures Blut Christi. Da wurde jemand hingerichtet, wie heutzutage Tausende, 716 Menschen allein in den USA nach Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahre 1977. Teures Blut fließt in Strömen, in Kriegen und auf den Leinwänden der Unterhaltungsindustrie. Das Blut Christi, damals auf Golgatha hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Da wurde einigen deutlich, im Menschenblut wird Gottes Blut vergossen. Teures Blut – nicht die Welt – aber einige Frauen und Männer hielten damals den Atem an: Gottes Sohn am Kreuz! Wer ihn kannte,der wusste: Der zumindest war unschuldig, makellos, unbefleckt, wie jene Tiere, auf die die Priester im Tempel zum heiligen Opfer bestehen. Also,ein Mensch,der nachweislich nichts Böses getan hat,wird hingerichtet,unschuldig,weil er die Autorität der Obrigkeit in Frage stellte. Wie Sophie Scholl und ihr Bruder Hans, der verhörende Gestapomann wäscht sich die Hände, als er mit seinem Opfer fertig ist, das er nicht zum Verrat an der Wahrheit, zur Rettung des eigenen Lebens, überreden kann. Die letzte Szene im Film zeigt das Schafott. Das Fallbeil fällt in den Gestapokellern, teures Blut, Menschen – Gottes Blut wird vergossen. Die Geschichte der unschuldigen Opfer wird fortgeschrieben in New York,in Madrid, im Irak, in Guantanamo und anderswo.
Aber einmal lief das Fass über und die Männer und Frauen, die damals den Atem anhielten, begriffen, dass eine Grenze überschritten wurde, hinter die wir nicht mehr zurück müssen. Offenbar wurde etwas, was zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber erst damals in Jerusalem wurde es offenbar und damit war man am Ende der Zeiten. „Man“, das heißt die Handvoll Leute, die im hingerichteten Jesus den Sohn Gottes erkannten. Denen klar wurde, das Macht und Obrigkeit, Terrorismus und Polizeiwillkür, immer wieder im teueren Menschenblut Gottes Blut vergießen. Offenbart, am Ende der Zeiten also in jenen Zeiten, in denen der nichtige Wandel, nach der Väter Weise, an sein Ende gelangt. Denn nicht immer ist es der anderen teures Blut, um das es geht. Um euretwillen, heißt es im Text, dort wo vergängliches Gold und Silber ihren Charme verlieren, dort wo unser Wandel, nicht der nichtige,sondern der teure, was wir wirklich sind und tun, auf dem Spiel steht, nicht die Oberfläche sondern die Tiefe, der Glaube, dort müssen wir wissen, was mit jenem Menschen geschah, der unschuldig ans Kreuz genagelt wurde, weil Gott ihm wichtiger war, als political correctness, weil er sein Leben eben nicht führen wollte nach der Väter Weise. Alt bedeutete ihm nicht gleich gut und schön. Sondern was den Vätern gesagt war, das korrigierte er: „Ich aber sage euch...“ Wir müssen wissen, was aus ihm geworden ist, denn wir wollen doch, durch ihn glauben an Gott. Glauben heißt, ohne Netz und doppelten Boden, das Leben leben und in die Zukunft schauen, erlöst werden aus dem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, nicht mit Tradition oder „retro“, frei von der Abstiegsangst der Mittelschicht, uns auf ein Leben einstellen, wie es noch nie da gewesen ist. Das bedeutet es, nach dem zu fragen, der unschuldig hingerichtet wurde, dessen teures Blut sich mit dem Blut aller unschuldigen Opfer, aller Zeiten und Orten mischte. Wer nach Jesus dem Gekreuzigten fragt, bekommt die Antwort, nicht von der Welt, aber von jener Handvoll Frauen und Männer, die durch die Jahrhunderte hindurch, seine Lebensgeschichte als Gottesgeschichte bewahrten und der Welt und ihrem nichtigen Wandel entgegenhielten: Gott hat ihn auferweckt von den Toten und ihm die Herrlichkeit egeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. Glauben und Hoffnung zu Gott. Das ist die wahre Erlösung: nicht mit vergänglichem Silber oder Gold ist der Tod zu besiegen und der ist es doch letztlich, der unser Leben in Gefahr bringt und uns in die Arme all jener treibt, die Ablenkung und Vergessen versprechen, uns, wie schon unseren Vätern, nichtigen Wandel für wahres Leben vormachen. Deshalb hat Sophie Scholl es abgelehnt, der Hinrichtung durch den Widerruf ihrer Flugblatttexte zu entgehen. Deshalb hat der Heilige Franz von Assisi als junger Mann den Reichtum seines Vaters verlassen m das wahre Leben in Armut zu finden. Deshalb verzichtet jeder fünfte Deutsche in der Fastenzeit auf bestimmte Genussmittel. Das ergab eine Forsa-Umfrage für das Hamburger Magazin "Stern. 20 Prozent der Befragten gaben an, sie würden bis Ostern beispielsweise Alkohol, Süßigkeiten oder Zigaretten meiden. Das diesjährige Motto der größte Fastenaktion in Deutschland mit rund zwei Millionen Teilnehmern lautet: "Liebesbriefe - Merke, worauf es ankommt". Worauf es ankommt. Nur auf Glaube und Hoffnung zu Gott Nicht auf einen nichtigen Wandel nach der Väter Weise, nichts, was vergängliches Silber oder Gold kaufen könnte, zum wahren Leben führt das teure Blut Christi: das heißt seinem Schicksal nachzudenken und nachzuleben, wie er den Armen und Leidenden und Unschuldigen nah sein, und darauf vertrauen, dass Gott unser Leben hält auch über den Tod hinaus. Amen.
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Sexagesimae
19. Februar 2006
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
Bescheidenheit ist eine christliche Tugend, aber falsche Bescheidenheit kann den Umgang mit einem Menschen deutlich erschweren.
In der kirchlichen Diakonie wurde schon vor Jahren der Satz akzeptiert: Tue Gutes und rede darüber. Der Berliner Volksmund schnodderich, aber angeblich lebensklug sagt: Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr. Wer hat nun Recht? Der Predigttext für den heutigen Sonntag sieht es noch ein wenig anders. Der Apostel Paulus plädiert dort für große Bescheidenheit,was die eigenen, auch religiösen, Leistungen angeht: Sich etwa seiner Spiritualität rühmen zu wollen, oder die eigen Frömmigkeit sichtbar unter Beweis stellen zu wollen, hält er für töricht. Überhaupt scheint es ihm problematisch, wenn jemand zu sehr auf seine eigenen Verdienste pocht. Ganz und gar unbescheiden will der Apostel dagegen sein, wenn es darum geht, zu zeigen, wie wenig er eigentlich geeignet ist, und wie sehr Christus ihn offenbar doch für seine Sachen des Reiches Gottes einzuspannen gedenkt.
Der heutige Predigttext steht im 2. Brief an die Korinther im 12. Kapitel. Dort schreibt Paulus an die Gemeinde in der offensichtlich heftige Konkurrenz unter den Anhängern der verschiedenen Predigern ausgebrochen war:
Ihr wollt ja, dass ich mich rühme. Wenn es auch nichts nützt, so will ich doch von Erscheinungen und Offenbarungen prechen, die der Herr gibt. Ich kenne einen Menschen in Christus; es war vor 14 Jahren ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es – da wurde er entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne diesen Menschen ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es; der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Dieses Menschen will ich mich rühmen, meiner selbst aber will ich mich nicht rühmen, nur meiner Schwachheit. Wenn ich mich dennoch rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich will aber darauf verzichten, damit nicht jemand höher von mir denkt, als er an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe ist mir ein Pfahl ins Fleisch gegeben, nämlich der Engel des Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir ablassen möge. Aber er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohnt.
Eine widerwillige Erfolgsbilanz des Apostels. Er will nicht protzen, will nicht seine religiösen Erfahrungen, seine spirituellen ührungsqualitäten anpreisen. Entrückungen, Erscheinungen und Offenbarungen waren damals als religiöse Phänomene sehr beliebt. Das suchten die Leute und erwarteten von einer guten Religion und ihren Vertretern. Dass es in ihren Reihen Visionen gäbe und, möglichst noch im Gottesdienst einige Gemeindeglieder an Offenbarungen teil nehmen konnten. Auch Paulus kann von solchen Erfolgen berichten. Er tut es auch, aber wie ich finde ziemlich lustlos. Man merkt ihm an, dass ist für ihn nicht so wichtig ist. Und schon gar nicht will er seine eigene Person mit so etwas schmücken:„... meiner selbst aber will ich mich nicht rühmen, nur meiner Schwachheit.“ Komisch, wie kann man sich denn seiner Schwachheit rühmen? Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern für den Apostel steht da etwas grundsätzliches dahinter. Nämlich die Frage auf wen oder was verlasse ich mich als Christ, oder wir uns als Gemeinde, eigentlich in letzter Instanz? Auf unsere Mitgliederzahl, Kraft, Intelligenz und Vermögen, oder auf Gott, der in Christus seine Kraft auf so ganz andere Weise der Welt zu verstehen gegeben hat? Paulus ist an diesem Punkt ganz radikal - und in seinem Gefolge wird Martin Luther in ganz die selbe Richtung argumentieren - : Je mehr wir menschliche Verdienste herauskehren, desto weniger Raum lassen wir eigentlich für Gott. Und was sind menschliche Leistungen anderes, als von Gott geschenkte Erfolgserlebnisse. Die man natürlich auch feiern und genießen darf und soll aber eben auch wie Brot und Gesundheit: als Gottes gute Gaben. Andersherum, je mehr wir darüber staunen, wie trotz allen menschlichen oder situationsgebundenen Widrigkeiten unsere Gemeinde ein mannigfaltiges, aktives Leben führt, je mehr ich darüber staune,as mir gelingt, obwohl ich doch meine Schwächen, meine Pfähle im Fleisch, wie der Apostel sagt, so gut kenne, desto mehr staune ich doch auch über die Gegenwart Gottes in allen unseren Tun. Staunend nehme ich den Segen Gottes wahr, der auf unserer Arbeit ruht. Wer meint, dass schaff ich schon allein, bittet nicht um Gottes Segen. Nun ist es ja nicht besonders angenehm,dauernd über sein eigenes Unvermögen zu lamentieren. Für manche hat Kirche diesen depressiven Zug. Da ist zu viel Schwäche, Dilettantismus, da wird nicht richtig zu gepackt, mehr Professionalismus, mehr Erfolgsorientiertheit wäre gut. Wie sieht die Erfolgsbilanz einer Kirchengemeinde aus?Wenige Wochen vor der Kirchenvorsteherwahl könnte man ja mal so fragen: Hat der alte Kirchenvorstand gut gearbeitet? Wie sieht das Verhältnis von Kirchenaustritten zu Eintritten aus? Waren die ehrenamtlichen Mitarbeiter erfolgreich? Gab es ausreichend Lob in den verschiedenen Gemeindekreise über den Besuchsdienst und all die verschiedenen Aktivitäten, die ohne ehrenamtliches Engagement gar nicht zu denken wären – ? Und dann natürlich auch wir Pastoren, wie sieht unsere Bilanz aus? Steigt die Zahl der Gottesdienstbesucher? Haben wir ausreichend Zeit für unsere Gemeindebesuche, stellen wir uns in der Öffentlichkeit gut dar, kommen Klagen? Machen wir es allen recht? Vielleicht spüren Sie ein gewisses Unbehagen, wenn ich unsere Gemeindeleistung so abfrage – ich auch. Offensichtlich ist unsere Gemeinde eben doch kein Servicebetrieb, wie ein Restaurant oder ein Sportverein... Andererseits höre ich aber die Begeisterung bei jenen Menschen, die ihr in der freien Wirtschaft erworbenes marketing-Wissen auch im kirchlichen Raum nutzbar machen wollen: Wäre da nicht vieles effektiver zu gestalten? die Arbeit der Pastoren mehr zu spezialisieren? Sind wir nicht auch sehr betriebsblind und könnte man nicht noch ganz andere Finanzierungsquellen auftun – warum eigentlich nicht mehr Werbung in der Kirchenzeitung? Bloß was wird dann aus den unlukrativen Aufgaben? Wer beerdigt die verlassene Frau, die unbemerkt in ihrer Wohnung gestorben ist? Wer hat die Zeit zur Seelsorge, zu den langen Gesprächen unter vier Augen? Wer tauft, unterrichtet und konfirmiert Kinder auch wenn wenig oder gar keine Unterstützung aus den entsprechenden, oft kirchenfernen Familien kommt? Die Kirche ist eben kein nur an Verdienst und Leistung ausgerichteter Servicebetrieb. Service heißt Dienst, aber wir in der Kirche sprechen von Diakonie, das heißt auch Dienst, meint aber den kostenlosen Dienst am Nächsten um Gottes willen, uch und gerade dort, wo sonst niemand mehr sich einmischen und schon gar nicht helfen mag. Ich glaube, dass der Satz des Paulus vom Gott, dessen Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist, uns auch zu einem neuen Nachdenken anregen will über das, was unsere Kirche eigentlich ist. Traditioneller Weise sagt man in der Lutherischen Kirche, dass die wesentlichen Merkmale der wahren Kirche, die rechte Sakramentsverwaltung und die Predigt des Evangeliums sind. Soweit sind alle sich einig, und dann müssen wir ins Gespräch eintreten, ob zu einer Kirche, die sich rechtmäßig auf Jesus Christus beruft, nicht auch die Nächstenliebe als unverwechselbares Kennzeichen dazu gehören müsste. Und gerade auch wegen unseres Predigttextes wird vorgeschlagen, dass sich die Kirche des Evangeliums auch durch Armut und Auffälligkeit ja Anstößigkeit, und dadurch, dass sie bekriegt wird, auszeichnen müsste. Wie gesagt, das sind Diskussionsanregungen... Es geht um etwas Grundsätzliches, nämlich um die Erkenntnis, dass Gott sich in vielen Geschichten der Bibel und ganz besonders im Leben Jesu mit Vorliebe nicht an die Machstrukturen dieser Welt gehalten hat, sondern eigentlich vielmehr in den Winkeln, am Rand im Kleinen, Unscheinbaren angetroffen werden wollte. - Denken Sie an die Umstände der Geburt Jesu.- Denken Sie an seinen Tod auf dem Golgatha-Hügel der Verachteten.- Denken Sie an Jesu Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft aber auch schon im Alten Testament heißt es vom Volk Israel, dass Gott es nicht ausgesucht hat, weil es groß und mächtig ist, sondern obwohl es klein und unbedeutend ist. Das Leistungsprofil einer christlichen Gemeinde sieht also anders aus, nicht Märkte sollen erobert werden, sondern das menschliche Leben soll genießbar werden, genießbar für alle. Dazu braucht es oft ein wenig Salz nur. Aber das Salz muss gut sein. Das ist unser biblisches Bild vom Auftrag der Christen. Ich möchte meine Predigt abschießen, in dem ich den Spitzensatz des Bibeltextes noch einmal so für mich lese, dass er mich auch trösten kann: Gott sagt dem Apostel und auch mir:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig
D. h. Gott ist in meiner Schwachheit mächtig. Er braucht meine Müdigkeit, damit andere wach werden. Er gebraucht meine Fehler, damit andere es besser machen. Aus meiner Resignation schöpft er Mut für Verzagte. Jemand der alles kann, erdrückt. Jemand der auf seine Grenzen hinweist, lädt ein zum mittun. Dies könnte dann auch ein Rezept für Pastoren und kirchliche Mitarbeiter sein. Dort wo wir perfekt sein wollen, schieben wir andere in der Hintergrund. Dort wo wir tun, was wir können und dann Platz für andere lassen, erwecken wir neues Leben.
Amen.
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