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10. Son. n. Trin. 16. August 2009, Predigt zu Lk 19, 41-48
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, den Predigttext für den heutigen Sonntags haben wir schon als Evangeliumslesung gehört. Lukas schildet uns den weinenden und den wütenden Jesus.
Die Tränen Jesus gelten der Stadt Jerusalem, der heiligen Stadt, der es nicht gelingt, in ihren Mauern und in ihren Beziehungen nach außen Frieden zu schaffen. Jesus weint, weil er spürt, dass sein Kommen in diese Stadt, sein Besuch, ohne Wirkung geblieben ist. Wegen ihrer Unfähigkeit zum Frieden wird die Stadt zerstört werden. Und die Demontage hat schon begonnen. Im Zentrum der Stadt, im Tempel, im Heiligtum herrschen die Händler, Gebet und Geld,Heilung und Handel, Meditation und Moneten, Profetisches und Profitträchtiges sind heillos miteinander vermischt. Zornig fährt Jesus dazwischen, wütend treibt er diejenigen aus dem Heiligtum, denen der Tempel zum Marktplatz geworden ist. Lukas schildet uns den weinenden und den wütenden Jesus.
Irgendwie erinnert er mich an meine Mutter. Sie konnte auch weinen und wütend werden, wenn sie uns Kinder, einem Irrtum verfallen auf dem falschen Weg sah. Vor Wut weinen, der Verzweiflung nah. Es muss hier wohl ums Eingemachte gehen. Eine Gesellschaft, die es nicht mehr schafft Frieden zu schaffen und in der der Friedensbringer Jesus nicht erkannt wird, sein Besuch nicht wahrgenommen wird, die Zeichen der Gegenwart Gottes nicht mehr gelesen werden eine solche Gesellschaft macht wütend und traurig, genauso wie eine Kirche, in der mehr über Geld als über Gott geredet wird.Trauer und Wut Jesus über Unfähigkeit und Perversion in Stadt und Tempel bleiben nicht im Emotionalen, sind nicht nur Gefühle, Tränen und Wutausbrüche, sondern auch dann wenn Jesus ganz ruhig argumentiert sagt er nichts anderes:
Es fehlt der Wille zum Frieden,
Macht und Eigeninteressen zerstören die Gesellschaft,
Gottes Gegenwart wird nicht mehr gesehen,
aus dem Heiligen wird eine Räuberhöhle gemacht.
So lehrte Jesus täglich im Tempel. Und die Geister schieden sich an ihm. Die oberen Zehntausend auf der einen Seite wünschten seinen Tod, das ganze Volk aber hing ihm an und hörte ihn. Wie es weiter ging wissen wir. Natürlich siegte die Gewalt der Mächtigen. Jesus wurde gefangen genommen und getötet. Im Volk gab es keinen Widerstand. Und die Träne und die Wut Jesus? Vielleicht gehört beides mit hinein in den Sprengstoff, der das Grab aufriss, weil das Wort Gottes nicht totzukriegen ist. Jesus lebt weiter und mit ihm Tränen und Wut. Denn die Geschichte wiederholt sich, immer wieder bis heute: die Welt ist friedlos und Kirchengemeinden erhoffen mehr von Händlern und Sponsoren als vom Gebet und vom Wort Gottes. Am Rande der Gesellschaft leben Menschen, die wissen, was es heißt, auf Gott zu vertrauen, weil ihnen sonst nichts geblieben ist. Aber die Hohenpriester, Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes müssen sich vorrangig um Wirtschaftskrise und Schweinegrippeimpfung kümmern. Da kommt Gott nicht vor. Jesu Lehren scheinen inkompetent und seine Wut und Träne kann er ruhig runterschlucken, niemand nimmt sie wahr. Niemand? Wirklich niemand? Manchmal will es so scheinen. Aber mir ist als spürte ich da - manchmal - neben dem traurigen, wütenden Jesus, der so sehr an meine Mutter in ihrer Not um uns Kinder erinnert, manchmal spüre ich da noch einen anderen, einen lächelnden Jesus.
Ein Lächeln liebevoller Zuwendung, wie ich es wohl auch von meiner Mutter kenne, die die Gabe hatte, hinter alles präpotente Gehabe ihrer Söhne zu blicken,und die besorgten Fragen und suchenden Augen wahrzunehmen, noch ehe viel ausgesprochen war. Es gibt ein tolles Profetenwort, das mir dazu einfällt:
Im Jesajabuch spricht Gott der Herr:
Das Wort, das aus meinem Munde geht, wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Jes 55,11
Auf dem Hintergrund dieser Sicherheit und dieses göttlichen Selbstbewusstseins, sehe ich den lächelnden Jesus. Mag es ihm Tränen der Wut und Verzweiflung in die Augen treiben, wie wenig in Gesellschaft und Kirche das Evangelium zu Wort kommt, wie wenig die Gegenwart Gottes ernst genommen wird, das Wort Gottes ist deshalb nicht verstummt und schon gar nicht machtlos geworden. Jesus lächelt.
Er blieb bei den Kleinen.
Er blieb bei den Schwachen.
Er blieb bei den Armen.
Er blieb bei den Menschen.
Als man ihn fragte, wie er das alles ertrage, da lächelte er.
Als man ihm sagte, er solle an sich denken, da lächelte er.
Als man ihm vorwarf, das alles habe doch keinen Sinn, da lächelte er.
Als man ihn fragte, ob er denn an Gott glaube, da lächelte er über die Frage hinweg.
So heißt es in einem Gedicht von Martin Gutl. Tränen, Wut und das Lächeln Jesu. Über die beiden ersten Gefühle Jesu haben wir schon nachgedacht. Jesus weint über die zum Frieden unfähige Stadt Jerusalem und über alles Städte, denen es nicht gelingt, in ihren Mauern und in ihren Beziehungen nach außen Frieden zu schaffen. Wut kommt in Jesus auf, wo in einem Ort, der Gott geweiht sein soll, die Händler herrschen, wo Gebet und Geld, Heilung und Handel, Meditation und Moneten, Profetisches und Profitträchtiges heillos miteinander vermischt sind.
Das Lächeln Jesu spüre ich, wo zum Beispiel eine Gruppe von Touristen durch unsere Kirche zieht, müde, fuß lahm und wenig beeindruckt von noch einem Museum, dem Ausgang zustrebt: „Hertha , nun komm schon“, ruft jemand undgeduldig und die Blicke richten sich auf eine Frau, versunken steht sie vor dem Kerzenbecken, in der Hand das Licht, dem sie ihre Hoffnung und Besorgnis anvertrauen will.
Das Lächeln Jesu spüre ich, wenn nach einer Taufe, die Familie unter dem Gewitter familieneigener Blitzlichter vom Taufbecken weggeht und die eine Patin zurückbleibt und verstohlen ein kleines Kettchen in die Schale mit dem Taufwasser taucht. Wie viel Nähe und Beziehung wird da gesucht.
Jesus lächelt, wenn jetzt nicht nur immer mehr Schüler am Anfang des Schuljahrs in die Kirche kommen, sondern auch die Lehrer sich zu einem eigenen Gottesdienst treffen.
Ich spürte das Lächeln Jesu, als mich eine Frau nach dem Reisesegengottesdienst fragte, sie reise erst in 6 Wochen nach Kanada, ob sie davor noch einmal wiederkommen dürfe.
Ich glaube, das Lächeln Jesus ist kein triumphierendes, nicht, weil er am Ende doch Recht behalten hat und Not beten lehrt, lächelt Jesus. Er lächelt, weil er sich freut, und nur zu gerne von unserem Vater spricht, dem liebenden Gott, der zärtlich bemüht ist, einen jeden von uns, sein Wort des Lebens, verständlich und erlebbar zu machen. Amen.
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9. Son. n. Trin., 9. August 2009, Predigt zu Mt 25, 14-30
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Matthäusevangelium im 25. Kapitel (14 - 30).
Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Wie stehen wir da, am jüngsten Tag, mit den uns anvertrauten Talenten?
Luther übersetzt: „Das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern“. Aber vom griechischen Originalwort tavlanton stammt unser deutsches Wort Talent – das Abgewogene, es muss nicht immer ein Zentner sein, das was jemandem zugeteilt wurde..
Nach Talenten wird viel gesucht, star search und casting-shows erfreuen sich großer Beliebtheit. Wer gewinnt kommt groß raus, als Superstar, German next Topmodel oder The next Uri Geler. Und selbst hat aus dem sichtlich wenigem,das manchem gegeben war, wird eine ganze Menge gemacht, Geld und Bekanntheit und viele Fans.
Wie stehe ich da mit meinen Talenten. Auch wer es nicht zu medienauffälligen Leistungen bringt, fragt sich so, ab und zu mal, und nicht immer gleich mit dem Blick auf den „Jüngsten Tag“. Mitte 20 Anfang 30, wenn die Uni endet und die Familie noch nicht begonnen hat, wenn der erste Karrieresprung verpasst und die beste Freundin plötzlich schwanger ist, wenn alles geht, aber keiner weiß wohin, in diesem Lebensabschnitt hat man die Quaterlife – Crisis ausgemacht.
Schon länger bekannt und gefürchtet ist die Midlife – Crisis, Neueren Datums dann der Schock eines vorgezogenen Ruhestandes. Das sind Momente im Leben, da fragt man sich so - oder mit anderen Worten: Wie stehe ich da mit den mir anvertrauten Talenten? Was habe ich gemacht aus meinem Leben?
Was kann ich sinnvoller weise noch erreichen? Habe ich meine Talente voll ausgeschöpft? Dabei gilt es zwei Irrtümern entgegenzuwirken, die sich leicht aufdrängen, die dem biblischen Text aber fremd sind. Lothar Späth, ehemaliger Ministerpräsident Baden-Württembergs hat in einem kurzen Aufsatz über den heutigen Predigttext von den anvertrauten Zentnern darauf aufmerksam gemacht:
- Es wird hier weder „zu der heute so viel beschworenen Selbstverwirklichung aufgerufen“,
- noch „die Leistungsgesellschaft sanktioniert“.
Das steckt in der Erkenntnis, die auch der, als böser und fauler Knecht titulierte Mitarbeiter von seinem Herren hat.
- Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
Bei dem Ausnutzen der anvertrauten Talente geht es ja eben nicht um den Gewinn der Knechte, dass Leistung sich für sie persönlich lohnen sollte, sondern es geht um die Vermehrung und Förderung der Geschäfte ihres Herren, der Rechenschaft über den Verbleib seines Vermögen fordert, eines Vermögens,das praktisch schon allein, man darf ihm nur nicht direkt im Wege stehen, bei den Wechslern Profit macht.
Auch von Selbstverwirklichung weiß der Text nichts. Die bewährten Knechte bekommen mehr Verantwortung für die Gelder ihres Herren, von dem sie auf alle Fälle abhängig bleiben. Mit mehr Talent sollen sie mehr für ihn arbeiten.
Meine eingangs formulierte Zusammenfassung des Textes muss vollständig bleiben: Wie stehen wir da, am jüngsten Tag, mit den uns anvertrauten Talenten? Am jüngsten Tag! Und nicht nur in der mid-, quarter- oder endlifecrisis, als Knotenpunkte unseres Lebens. Am jüngsten Tag, das heißt nämlich nicht unbedingt am Ende des Lebens – nach dem Tod sozusagen – wenn Gott Abrechnung hält, am Jüngsten Tag, das meint schon jetzt, immer, in jedem Augenblick unseres Lebens, wenn wir uns darüber klar werden, dass wir mit allem was wir sind und haben immer schon vor Gott stehen.
Es geht um das Vermögen Gottes, das wir verwalten sollen mit der Förderung und dem Einsatz unserer Talente.
Es geht also nicht darum, mehr Leistung zu bringen in einer Gesellschaft, die das belohnt, und auch nicht um uns selbst besser zu fühlen, vollständiger, authentischer, nicht darum geht es im Gleichnis von den anvertrauten Talenten sondern es geht um Gott, um Gottes Willen sollen wir mit unseren Pfunden wuchern. Sein Reich soll mit unserer Hilfe in dieser Welt errichtet werden, wie ernst es dabei zugeht, macht der Evangelist Matthäus uns klar, wenn er das Schicksal des ängstlichen Knechtes ausmalt:
Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Wie stehen wir da mit unseren Talenten – vor Gott. Die Frage klingt auf ein Mal anders. Hier wird nicht nach Medienrummel gefragt auch nicht nach Größenangaben, oder dem persönlichen Wohlfühlen, sondern nach dem Nutzen
unseres Tun und Lassens für das Reich Gottes. Gefragt wird nach der Erfüllung des Liebesgebotes. Ein erster wohltuender Gedanke dazu kommt mir, ich soll nichts tun, was ich nicht kann, sondern, das, was ich kann, das wird gebraucht.
Keine Verrenkungen will Gott von mir, sondern mich. Keinen anderen, sondern mich, einen und eine jede von uns zum Aufbau seines Reiches, das hier und jetzt beginnen soll. Der Blick in die Runde der Nachbarn legt sich nah. Der könnte doch eigentlich mal, und die mit all ihrem Geld. Aber vielleicht sollte jeder zunächst einmal bei sich selber bleiben. Was hat Gott mir anvertraut, als Stärke,Begabung, besondere Fähigkeit? So leistungsorientiert, so persönlich zu fragen sind wir in unserer Kirche nicht gewohnt. Bei uns heißt es viel öfter: Was bietet die Kirche mir denn noch. So fragt aber doch eigentlich nur der, der seine Talente vergräbt. Die Kirche kann nichts anderes anbieten, als dass, was jeder einzelne in ihr zu geben bereit ist. Der Herr der Kirche hat sein Vermögen den Knechten anvertraut. Bei ihnen, bei uns ist es zu suchen. Lassen Sie es uns niemandem schuldig bleiben. Nächstenliebe, Feindesliebe Solidarität mit den Armen, Fürsorge mit den Kranken, Zeit für die Problembeladenen, Zuflucht für die verfolgten, Aufnahme für die heimatlosen, Kampf mit den Entrechteten,Gerechtigkeit für die Angeklagten, Geduld mit den Gestressten, Zuversicht mit den Deprimierten, Information für die Ignoranten, Erklärungen für die Fragenden ... Das Vermögen Gottes ist groß, unsere Verantwortung wiegt schwer, es sind Zentner über die wir gesetzt sind, aber Gott hat uns das Talent dazu gegeben, jedem ein Stück. So kommt der Himmel zu uns.
Amen.
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6. Son. n. Trin., 19. Juli 2009, Predigt zu Heb 4, 12 - 13
Liebe Gemeinde,
wir haben vorhin bei der Taufe von Frau M. einen Text aus dem Matthäusevangelium gehört, „Der Missionsbefehl“ ist er allgemein überschrieben:
Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.
Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen:
Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker:
Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
und lehret sie halten alles,
was ich euch befohlen habe.
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Mt 28,16-20
Was ist es denn nun, das die Jünger und in ihrem Gefolge alle Christen, weiter geben sollen, an alle Welt. Das Wort Gottes, das weiter gesagt werden soll.
Im Predigttext für meine heutige Predigt heißt es dazu:
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Hebr 4,12-13
Ich erschrecke, über diese Beschreibung des Wortes Gottes unangenehm ist sie mir, wie überhaupt die Rede von einem Missionsbefehl. Ich bin kein Soldat, auch kein Soldat Christi, alles Militärische ist meinem Glauben fremd. Es kostet mich Überwindung hinter diese kriegerische Sprache von Gewalt, Befehl und Schwert zu schauen, da wo es mir aber gelingt, dort wo ich verstehe, was gemeint ist, begreife ich: Es geht um das Größte, was zwischen Menschen geschehen kann. Es geht darum, dass ich jemandem „Wort Gottes“ sage, das heißt, dass ich jemand liebevoll die Wahrheit sage und gesagt bekomme, denn wo das Wort Gottes gesagt wird, da ist es neu auch für den, der es ausspricht.
Wort Gottes geschieht zwischen Menschen. Nicht anders können wir Gottes Wort hören, als dass Menschen es uns sagen, seien es die Worte der Heiligen Schrift, von Menschen aufgeschrieben, durch die Jahrhunderte übersetzt und interpretiert – seien es Worte, die uns heute gesagt werden und uns betreffen, unser Leben verstehen und deuten und Fragen beantworten, weil sie aufnehmen und neu sagen, was überliefert wurde von dem Menschen, der lebte, was er sagte, dessen Leben mit dem Wort Gottes übereinstimmte, so sehr, dass er sein Leben dafür einsetzte. Jesus Christus ist das Wort Gottes, glauben wir Christen, durch ihn, sagt Gott der Welt, dass er ihr nicht teilnahmslos gegenübersteht und sie nicht sich selbst überlässt, sondern das er als Mensch, in all den Irrungen und Wirrungen eines Menschenlebens an ihr teil hatte, und immer noch hat in ihr anzutreffen ist, als Bruder aller Menschen, dass er dem Tod die Macht genommen hat und Leben jenseits der Grenze des Todes verspricht.
Diese frohe Botschaft dürfen wir weitersagen und für uns entdecken. Das problematische Wort vom Missionsbefehl bedeutet dann, Geschichten erzählen, wie Gott sich in unsere Lebensgeschichte hinein verwoben hat, erzählen, wenn uns das Herz überläuft. Problematisch nenne ich den Missionsbefehl, weil der Irrtum so nah liegt, die schlimme Versuchung, mit der Bibel in der Hand im vermeidlichen Besitz des Wortes Gottes Gericht zu halten, bis in die Regungen des Herzens, den Mitmenschen nach Maßstäben einer säuerlichen Moral zu messen und zu schulmeistern. Und mancher erlebte erst die Trennung vom überkommenden, vorgeblich christlichen „Was-man-tut-und-was-man-lässt“ als den befreienden Schritt, der es erst möglich macht, vor den Augen Gottes verantwortlich Rechenschaft abzulegen. Gottes Wort sagen, jemanden zum Hörer, zum „Jünger machen“ ihm sagen, alles das „was Jesus befohlen hat“ das heißt: liebevoll die Wahrheit sagen. Gottes Wort ist lebendig du wirksam, heißt es im Predigttext – ein Wort also, das Leben wirkt, aus verfahrenen Situationen herausreißt, liebevoll aufrichtet, an toten Enden auf neue Wege verweist. Wo Leben zum Guten gewendet wird, wo Herzlichkeit gemehrt und Angst gemindert wird, dort wurde in aller Unzulänglichkeit, gestottert, buchstabiert, geschrien oder unter Tränen geflüstert, erschwiegen oder unter allen Wörtern, das Wort Gottes weiter gesagt. Ein Wort, das nur Angst einjagt kann nicht von Gott sein. Ein Wort, das Freude verbietet das Liebe vergiftet das Leben beschädigt, das kann nicht von Gott sein.
Gottes Wort ist ein scharfes Schwert. Es befreit die Seele von finsteren Ängsten, wie wenn Nebel gespalten wird, bricht die Wahrheit sich Bahn.
In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ gelingt es zwei Betrügern, das ganzes Volk zum Lügen zu bringen, Um nicht als dumm zu gelten, behauptet jeder, die angeblich neuen, aber tatsächlich gar nicht vorhandenen Kleider des Kaisers zu sehen. Und so endet dann das Märchen:
“Die Kammerherren welche die Schleppe tragen sollten, langten mit den Händen gegen den Fußboden, als wenn sie Schleppen aufhöben. Sie gingen und hielten die Hände steif vor sich in der Luft; sie durften es nicht merken lassen, dass sie nichts sahen. So ging der Kaiser bei dem feierlichen Umzuge unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Leute auf den Straßen und in den Fenstern riefen: „Oh Himmel, wie unvergleichlich sind doch des Kaisers neue Kleider!
Welch herrliche Schleppe trägt er am Rocke! Wie vortrefflich sitzt alles!“
Niemand wollte merken lassen, dass er nichts sah, denn sonst hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre schrecklich dumm gewesen.... Da rief plötzlich ein kleines Kind: „Aber er hat ja gar nichts an!“ „Oh, Himmel, hört die Stimme der Unschuld“, sagte der Vater; und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. „Er hat ja gar nichts an, ein kleines Kind ist dort, das behauptet, er habe gar nichts an!“ „Er hat gar nichts an!“, rief endlich das ganze Volk. Das wurmte den Kaiser, denn es schien ihm selbst, als ob das Volk recht habe...”
„Er hat ja gar nichts an!“ Ein kleines Kind ruft es aus. Dieses Wort bricht den Bann. Betrug und Selbstbetrug sind entlarvt, Angst und Lüge können überwunden werden. Das Wort befreit, es bringt Wahrheit, Aufrichtigkeit, Aufgerichtetsein zurück. Man kann sich wieder in die Augen sehen. Man kann wieder lachen, auch über sich selbst. Wie sehr sind wir angewiesen auf solche befreiende Worte, die unsere Beziehungen zueinander bereinigen, die Entfremdung voneinander und Selbstentfremdung überwinden. Das Wort richtet die Gedanken und Regungen des Herzens, befreit sie wie ein Schwert von fesseln, die wir uns selbst anlegen, weil wir nicht als dumm gelten wollen.
Ich erschrecke, wie schnell wir unseren gesunden Menschenverstand wegschließen, wenn uns jemand mit sogenannten wissenschaftlichen Argumenten kommt. Da sagt jemand, in der freien Wirtschaft ginge es aber so und so zu und schon geben ganze Kirchengemeinden ihren eigenen Stil auf, Jahrhunderte christlicher und mitmenschlicher Traditionen man möchte ja nicht als weltfremd gelten – um modern, effizient und erfolgsorientiert zu sein.
Da lobt jemand die Errungenschaften der modernen Technik, Schadstoffbekämpfung, den Umgang mit radioaktiven Materialien, Entsorgungs- und Langzeitlagerungsmanagement und schon schweigt alles andächtig – man will ja nicht von gestern sein - und es bedarf erst einer steigenden Zahl kranker Kinder, wieder ist es ein Kind, das die Wahrheit sagt, bis dass zuerst die Eltern und dann andere den Mut finden, ihre Befürchtungen laut zu sagen über kaputte Atomkraftwerke und unzulängliche Endlagerstätten für deren Müll. Auch dies ein befreiendes Wort: „Ich fürchte mich.“ Wie erleichtert bin ich, wenn ich jemanden finde, der es erträgt, mich von meiner Angst und von meinen Sorgen reden zu lassen.
Auch das letzte Wort verzweifelter Gottverlassenheit stammt aus dem Mund Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“Auch so kann man, mit Gott von Gott sprechen. Wir sind angewiesen auf Worte, die uns liebevoll die Wahrheit sagen, befreiende Worte. Und wir wünschen uns mehr davon: Journalisten, die schreiben, was sie denken und nicht nur wofür sie bezahlt werden. Lehrer, die sich frei machen von dem Zwang, auf jede Frage eine Antwort zu wissen, und sagen: „Ich weiß es nicht“ – und mit ihren Schülern staunen und unbefangen neues lernen. Ärzte, die ihren Patienten liebevoll die Wahrheit sagen – auch ohne Illusionen und die es ertragen können, an ihre Grenzen geführt zu werden und Sterben geschehen lassen, wenn es an der Zeit ist.
Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Das Wort Gottes begegnet mir im Wort der Mitmenschen, die zu mir sprechen, mal sehr verborgen mal sehr direkt,
gelegentlich auch umstritten, manchmal furchtbar unbequem, manchmal wunderbar einleuchtend, ich selber kann es anderen weitersagen – gehet hin in alle Welt und saget was ich euch befohlen habe ...
Dabei bleibt das Wort Gottes mir unverfügbar.
Ich beherrsche es nicht, so wie man eine Fremdsprache beherrscht,
aber, ich kann mich um einige Vokabeln bemühen, liebevoll die Wahrheit zu sagen.
Amen
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Karfreitag, 10. April 2009, Predigt zu Joh 19, 16 - 30
Liebe Trauergemeinde,
Sie nehmen heute Abschied von einem Menschen, der eine große Bedeutung für Ihr Leben gehabt hat. Einen schrecklichen, grausamen Tod ist er gestorben. Wir haben die Einzelheiten eben in der Lesung gehört. In einem Gedicht heißt es: Dein Innenleben ist bunt.
Du malst aus Träumen und Wünschen
Farbenfrohe Bilder.
Doch zur Zeit
Ist deine Wirklichkeit eher schwarz-weiß
Und
Du spürst,
dass diese Bilder
nicht dein Leben sind.
Jedes Bild ist so bunt
wie die Farben,
an die sich sein Maler wagt.
Liebe Trauergemeinde,
aus den Lesungen, die wir gehört haben, aus den Erzählungen über das Leben des Verstorbenen habe ich den Eindruck gewonnen, dass er ein Mensch war, der es verstand, das Leben mit bunten Farben zu versehen, der sich an frohe Bilder wagte, und nicht nur an Bilder, sondern ans wirkliche Leben. Mit ihm zu leben hat geheißen ganz besonders intensiv am Leben teilzunehmen. Manche haben ihn „Sohn Gottes“ genannt: vieles ist ihm gelungen, sein Leben war farbenfroh. Aber das ist eine Kunst. Das versteht nicht jeder. Wie es im Gedicht auf den Mut des Künstlers ankommt, an welche Farben er sich wagt, so hängt es auch im Leben vom der Person ab, ob ihr Leben eher schwarz-weiß oder bunt gestaltet wird. Schon aus seinen Jugendtagen erinnern wir, dass der Verstorbene die Mundwinkel der Eltern in liebevoller Weise zum Lächeln brachte, wenn diese, was selten vorkam, sich über ihn ärgern wollten. So ein Wissen um das Leben, darum, dass es bunt sein soll, wenn es denn wirkliches Leben ist, so eine positive Einstellung bewährt sich in schweren Situationen. Und da ist es bemerkenswert, wie der Verstorbene jahrelang mit Menschen umging, die mit schweren Krankheiten lebten, mit Krankheiten, die andere zur Resignation und Verzweiflung getrieben hätte, ohne dass er diesen Krankheiten ein wirkliches Existenzrecht eingeräumt hätte. Und dann heilte er in einigen Fällen Menschen,von denen andere dachten, sie wären unheilbar. Nimm dein Bett und geh! Was für ein Mut, was für eine Autorität, das so zu sagen! Da wurde Leben möglich.
Aber er wollte nicht, dass man viel darüber redete und in seiner Umgebung sprach man nicht darüber, das Leben will gelebt und nicht zerklagt werden. Man hat ihn bewundert, wie er so mit menschlichem Leiden umging Und seine Fröhlichkeit steckte an – eine wichtige Lektion in Lebenstiefe und -freude gab es da wohl bei ihm zu lernen, das spürten alle und man mochte ihn. Seinen Freunden und Anhängern war er Autorität, auch, oder vielleicht gerade, weil er mit ihnen auf Augenhöhe sprach. Ihm waren die Menschen als Menschen wichtig. Nicht was einer hatte oder darstellte, sondern wie er war, das war dem Verstorbenen wichtig. Er war ein geselliger Mensch, manchmal zog es ihn allerdings auch in die Einsamkeit. Zur Meditation, zum Gespräch mit Gott, den er unbefangen meinen himmlischen Vater oder einfach nur „Papa“ nannte.
Ich habe verstanden, dass ihm das Leben wichtig war, aber nicht um jeden Preis. Leben muss Qualität haben. Man muss es gestalten können. Ein schwarz-weißes Leben wollte er, der sich immer an die Farben wagte, nicht. Nicht Leben um jeden Preis, er hätte ja nicht sterben müssen, nicht so am Kreuz. Fluchtwege gab es. Aber er kam bewusst nach Jerusalem, begab sich bewusst in die Hände seiner Feinde, sich verkriechen, weglaufen, seine steilen Thesen aber noch weniger seinen Trost zu widerrufen, das war seine Sache nicht. Wer so sicher davon spricht und so überzeugt ist, dass Gott unser Vater im Himmel ist und, dass Gottes Liebe uns ewig gilt, nicht nur für eine kurze Zeit irdischen Lebens,
sondern echte, wahre, tiefe Liebe ist ohne Grenzen, wer sein Schicksal so eng an Gottes Zuwendung bindet, der darf dann angesichts des Todes nicht widerrufen.
Und es gibt Momente,wo man das Leben dann abgeben muss und auch kann,
man verliert ja das Wichtigste nicht, den Zusammenhalt mit Gott, das ewige Leben. Hätte der Verstorbene widerrufen, wäre alles aus gewesen und sein Leben eine verzweifelte Lachnummer. Aber so, so kann seine Sicherheit uns anstecken, Glauben wecken, Zuversicht geben und Trost. Wer dem Leben so viel Farbe und Gewicht gibt und es dennoch abgeben kann wenn die Stunde gekommen ist, der muss, auf seine Art, ein sehr gläubiger Mensch sein, den die Hoffnung, die Liebe und die Kraft fröhlich gegen alles Leid gegen an leben lässt. Der Verstorbene lebte aus einer Quelle, die nur der Glaube an den Herrn des Lebens sein kann.
Liebe Trauergemeinde,
wir alle stehen in dieser Stunde noch unter dem Eindruck, den die Lesungen vom schrecklichen Tod des Verstorbenen in uns hervorgerufen haben. Wenn wir aber nicht nur diese Ereignisse des Karfreitages, sondern alles das erinnern, was wir gehört haben, von jenem Mann, dessen Leben in so einzigartiger Weise, Gottes Gegenwart erfahrbar machte, ich denke, dass dann anderes wichtig wird.
Jemand, der viel über das Leben des Verstorbenen nachgedacht hat, hat dies einmal so formuliert:
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, doch die Liebe ist die größte unter ihnen.
Es bleibt der Glaube. Den wünsche ich uns, denn er kann gefährdet sein durch manche Frage, die angesichts des Todes ohne Antwort bleibt. Aber gerade da hilft uns der Tod dessen, den wir heute in seinem Sterben vor Augen haben. Er gab sein Leben hin, im Vertrauen darauf, dass Gott ihn aufnehmen wird. So konnte er noch vom Kreuz herab, neue Lebensmöglichkeiten für seine Mutter und seinen Freund eröffnen. Er zeigte uns auf überzeugende Weise, dass Gott ein Freund des Lebens ist. Damit haben wir und der Verstorbene ja auch eigene, gute Erfahrungen gemacht. So kann in uns die Zuversicht wachsen, dass Gott auch jetzt, an jenem Kreuz, wo unsere Wahrnehmung an Grenzen stößt, ein Freund des Lebens ist und, dass er gute Gedanken über den hat, der sich sein Sohn nannte und über uns alle, die er als Gottes Kinder bezeichnete. Gedanken, die weiter führen, als wir selbst sehen und denken können. Diese Zuversicht ist ein Stück Hoffnung und auch von ihr heißt es, dass sie bleibt.
Hoffung angesichts des Todes, vielleicht doch die, dass Gott einen Menschen, den er im Leben begleitete, und der sich so vehement für das Leben entschied und dafür kämpfte, dass Gott einen solchen Menschen im Sterben nicht allein lassen wird. Hoffnung, dass Gottes Liebe zum Leben am Tod kein Ende findet, sondern den Menschen bewahrt außerhalb jeder Zeitlichkeit.
Die Liebe – sie bleibt als drittes. Dem können wir wohl am einfachsten zustimmen, trotz der Erfahrung, dass menschliche Liebe gefährdet ist. Von der Liebe des Verstobenen sind wir und unsere gesamte Kultur mitgeprägt. Und sie bleibt uns und all das, was sie hervorgerufen hat.
Die Zwiesprache mit dem Verstorbenen, und die guten Erinnerungen, die wir immer wieder nachlesen können, sind wie eine Hand, die uns hält und verbindet und uns zu seinen Nachfolgern macht, im Glauben und im Vertrauen und dann eines Tages auch leiblich erfahrbar, zu Nachfolgern seiner Auferstehung. Amen.
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Reminiszere, 8. März 2009 , Predigt zu Markus 12, 1-12
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, demVater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
Das Leben ist schön! So oft wird dies vergessen. Das Leben hat viele Namen. Einer davon ist: Rubina. Es ist der Name des neunjährigen indischen Mädchens,
das in der vergangenen Woche einen der acht OSCAR für den Film „Slumdog Millonär“ in Empfang nahm.Das Foto ging um die Welt: Glücklich, als wollte sie die Trophäe nie mehr hergeben, hält Rubina sie in den Händen. „Als ob es Glück vom Himmel regnet!“ sagt überwältigt ein Nachbar aus dem Slum,
in dem Rubina mit ihren Eltern lebt. Gegen das Strahlen dieses kleinen Mädchens verblassen die siegesgewohnten Diven. Einmal mehr besiegte David den Riesen Goliath. Und es zeigt sich, dass Filmkunst mehr sein kann als Stars,
Glimmer und Geld.Filme scheinen mir dann besonders überzeugend mitreißend und schön zu sein, wenn sie mitten hinein in das Leben führen. Wenn sie hinein tauchen in die Welt der Menschen, und sie in ihren Träumen und Märchen an diese tiefe Wahrheit erinnern. Das Leben ist schön. An Kritikern des Filmes fehlt es nicht, Stimmen die von Armuts-Voyeurismus sprechen:„wie peinlich,
die Menschen in ihren unwürdigen Lebensumständen zu zeigen“. Ich selber bin vor vielen Jahren in Indien gewesen und die Bilder dieser Reise gehen mir noch heute nicht aus dem Sinn - auch grausame Bilder sehr grausame Bilder. Aber eben Bilder des Lebens, Bilder, die zeigen, was wichtig ist, dass das Leben nicht klein zu kriegen ist. Immer wieder ist es stärker als alle Versuch es auszulöschen. Ich denke, es ist so, weil Gott an ihm hängt. Er ist das Leben, Gott ist das Leben, das in diese Welt gekommen ist, und deshalb können Menschen es nicht zerstören. Gott ist das Leben, und wir alle auch, weil Gott es so will. Alle Brutalität eines Lebens im Slum in Indien, Südamerika oder sonst wo,
alle Brutalität, einer zerbrochenen Freundschaft, eines Ehekrieges, einer Krankheit, eines sinnlosen Unfalls, alle Gewalt, Kriegsverbrechen und Vertreibungen, schaden dem Leben, hindern, dass es sich entfaltet,töten,
aber behalten nicht das letzte Wort.
Das Leben wird auf den Kopf geschlagen,
mit leeren Händen fortgeschickt,
geschmäht,
getötet und hinaus geworfen.
Und steht irgendwie wieder auf
das Leben
und geht weiter –
toll!
Gott kam in sein Eigentum, doch die Welt nahm ihn nicht auf. So etwa fasst der Evangelist Johannes das zusammen, was unser heutiger Predigttext in einem Gleichnis erzählt.
Und Jesus fing an, zu den Hohepriestern, Schriftgelehrten und Ältesten in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole.Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn.
Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: „Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen“. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: „Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!“ Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen“?
Und sie trachteten danach, Jesus zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte.
Und sie ließen ihn und gingen davon. Mk 12,1-12
Gottes Kontaktaufnahme mit der Welt stößt auf Widerspruch. Es sind die Hohepriestern, Schriftgelehrten und Ältesten, die ihn schlagen schmähen und töten, ihn, Gott, in Gestalt seines Sohnes und in Gestalt aller seiner Gesandten.
Das Leben kommt in die Welt und das passt jenen nicht, die mit dem Tod paktieren. Jesus droht ihnen mit harten Worten, den Moralisten, Perfektionisten
und Besserwissern, denen, die sich an jedem bisschen Macht berauschen,
das sie in die Lage versetzt, in das Leben anderer einzugreifen. Gott wird kommen, sie zur Rechenschaft ziehen und die Welt anderen geben.
Solche und ähnliche Äußerungen hat Jesus mit dem Leben bezahlt. Kein Mächtiger lässt sich ungestraft daran erinnern, dass er das Leben unterdrückte,
als es unter den Menschen Gestalt annehmen wollte. Gott, das Leben ist in die Welt gekommen, und wir können es finden. Denn zum Glück gelang es ja
den Mächten der Finsternis nicht, Jesus Christus unter den Toten festzuhalten.
Wir spüren seine Nähe durch alle Widerstände hindurch. Das Leben hat eine Kraft, die ans Wunderbare grenzt.
Es wird auf den Kopf geschlagen,
mit leeren Händen fortgeschickt,
geschmäht,
getötet und hinaus geworfen.
Und steht irgendwie wieder auf
das Leben
und geht weiter –
toll.
Roberto Benigni kletterte über die Sesselreihen des ehrwürdigen Music Center in Los Ángeles als ihm für seinen Film im Jahre 1999 der OSCAR verliehen wurde. Der kleine, temperamentvolle Mann stürzte förmlich auf die Bühne
um mit vor Freude sich überschlagender Stimme allen zuzurufen: „I want to kiss everybody. Die Menschen lieben das Kino. Es ist alles eine Frage der Liebe.
Das Leben ist schön.“
Und davon erzählt auch sein Film, unter diesem Titel: Das Leben ist schön. Und wieder ist es kein einfacher Film. Roberto Benigni in der Rolle des Guido
entdeckt die Schönheit des Lebens und kämpft für sie unter brutalsten Umständen. Als verfolgter Jude kommt er in ein KZ und wird von den Nazis ermordet. Aber seinem kleinen Sohn macht er bis zum Schluss vor, alles wäre nur ein Spiel, alles wäre schön, ein Spaß, er möge niemals zweifeln am Guten. Der Film führt an die Grenzen des Ertragbaren. Das Leben versucht immer wieder den Kopf zu heben, in sein Eigentum die Welt zu kommen.
Und immer wieder wird es auf den Kopf geschlagen,
mit leeren Händen fortgeschickt,
geschmäht,
gefoltert,
verfolgt
getötet und hinaus geworfen.
Und steht irgendwie wieder auf
das Leben
und geht weiter –
toll.
»Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?
sagt Jesus, und meint damit sich, meint Gottes Botschaft der Liebe, meint das Leben.
Die diesjährige Fastenzeit steht unter dem Motto:
SICH ENTSCHEIDEN – 7 WOCHEN OHNE ZAUDERN.
Vielleicht kann es dabei ja auch darum gehen, sich bewusst für das Leben zu entscheiden und gegen die vielen Kräfte, die es nicht zulassen wollen. Dazu müssen wir lernen, das Lebendig-Machende vom Tot-Machenden zu unterscheiden. Das Wesentliche vom Unwesentlichen. Wir müssen uns üben zu erkennen, worauf es ankommt und was nichtig ist. Wenn man zu viel zu tun hat,
liegt die Kunst des Fastens darin, zu entscheiden, was wesentlich ist, was wegzulassen ist und was unter allen Umständen gelebt werden muss. Nicht selten ist dabei ein Stein, den die Spezialisten verworfen haben, zum Eckstein eines schönen Lebens geworden.
Amen.
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