|
Liebe Gemeinde,
wir haben als Lesung das Lied vom leidenden Gottesknecht gehört. Es gehört in die Passionszeit. Es ist schwer verständlich. Die meisten Menschen auf der Straße nach Gott gefragt, sprechen von einem höheren Wesen, „jenem höheren Wesen, das wir verehren“, wie Heinrich Böll satirisch durch deklinierte.
Aber ein leidender Gott – ein zu den Gottlosen und Übeltätern geworfener Gottessohn – im Abfall sozusagen – dazu wissen die wenigsten etwas zu sagen.
Es ist der wichtigste Aspekt, den das Christentum im Gespräch nicht nur der Menschen, sondern auch der Religionen beizutragen hat: Gott leidet. Gott leidet mit seinen Menschen mit, in diesem „mit“ liegt der ganze Trost, christlichen Glaubens. Glauben heißt, im Sinne Martin Luthers, Christus in dem zu erkennen, der "der Allerverachteste und Unwerteste war". Wenn dabei an die Leiden Christi und die Leiden des Nächsten gedacht ist, dann ist es ein kleiner Schritt und wir verstehen, dass uns im leidenden Mitmenschen Gott selber begegnet.
Haben wir dies wirklich verstanden? So verstanden, dass wir es unseren Kindern weitergeben können. Dass wir ihnen nicht nur vom „lieben Gott im Himmel“ erzählen, dem Gott, der alles kann und alles vermag, sondern, dass wir unseren Kindern auch jenen Gott, nahebringen, der da ist wenn wir verzweifeln und nicht mehr weiter wissen, der im Dunkeln da ist, auch wenn wir ihn nicht sehen und der mit uns krank und schwach und ängstlich ist?
Ein Gott, der nicht alle Probleme löst, sondern bei uns aushält, bis wir genug Kraft haben auch Schweres zu tragen, auch Kaputtes zu akzeptieren bis wir es lernen mit Mangelhaften Imperfektem, scheinbar Unwertem menschlich zu leben?
Einer der eindrucksvollsten Gottesdienste, den wir mit den Kindern unserer Kindergärten Arche und den Spatzenkindern feiern, ist für mich der, in dem ich in einer Mülltonne wühle und die verschiedensten Dinge hervorhole.
Die Kinder verstehen sehr schnell: so vieles, das weg geworfen wird, könnte ein tolles Spielzeug sein, oder man kann es für andere Tätigkeiten gebrauchen.
Kinder brauchen nicht alles neu und bis zum letzten durchdacht, Kinder haben die Gabe in jedem Ding einen Sinn zu entdecken, eine Nützlichkeit ja eine Würde. Jeder irgendwie runde Gegenstand reicht zum Fußballspielen, und wenn aus alten Konservendosen Knatterboote werden sind Kinder begeistert. Ich denke manchmal, diese Fähigkeit der Kinder, bevor sie in die Wegwerfgesellschaft eingegliedert werden -, diese tolle Fähigkeit, auch aus dem letzten Ding auf dem Sperrmüll ein Objekt ihrer spielerischen Zuwendung zu machen, diese Fähigkeit hat etwas mit Gottes Kraft und seinem Willen zur Auferstehung zu tun.
Gott geht die Müllhalden der Menschheit durch und findet dort die Weggeworfenen, die Gottlosen, die Übeltäter, Sünder und Kranke und lädt sie ein, zu seinem Fest des ewigen Lebens. Gott hat diese Fantasie, wie unsere Kinder sie auch ein wenig haben,diese Phantasie, die in jedem Gegenstand und jedem Menschen, die tollen Möglichkeiten sieht, die in ihm stecken. Niemand ist nutzlos, niemand hat ausgedient, niemand verdient es weggeworfen zu werden.
Im Spiel Gottes, im wirklich wahren Leben, seiner Gegenwart, wird alles und jeder gebraucht und hat seinen Platz. Und so ist die Passionszeit auch die Zeit, in der sich die Mülltonnen der Gesellschaft öffnen und Gott herauszieht, was da nicht herein gehört.
Ein Brot.
Meine Oma war sicher keine besonders fromme Frau, aber eins war ihr zuwider und dann sprach sie auch schon mal von Sünde, ein Wort, das sie sonst nie in den Mund nahm. Und so lernte ich von ihr: Ein Stück Brot wegzuschmeißen, das ist Sünde. Und so lange Menschen auf dieser Erde hungern hungert Gott, „containering“ ist das Wort für einen Lebensstil, der gegen das Wegschmeißen von Lebensmitteln protestiert. Menschen ernähren sich fast ausschließlich von dem, was sie in den Müllcontainern hinter den Supermärkten unserer Städte finden, das ist übrigens verboten, wie auch der Stader Tafel, vieles nicht gegeben werden darf weil Buchführung wichtiger ist als Hungerstillen. Der Gott, der unsere Mülltonnen öffnet, sucht Brot für die Welt, denn es ist genug für alle da.
Eine Ahnung von Auferstehung, wenn Menschen teilen, was da ist und erleben es reicht für alle.
Ein Brief, ohne Briefmarke, niemals abgeschickt hat er seine Adresse nie erreicht.
Manchmal habe ich Angst Dich zu verlieren,weil ich so selten daheim bin.
Dabei ist mir die Zeit mit Dir sehr wichtig. Jeder einzelne Moment mit Dir gleicht einem kleinen Diamanten.
Durch Dich bin ich jeden Tag ein Stück reicher geworden, reich an einer Liebe, die ich in Worte kaum ausdrücken kann. ..
Ein Liebesbrief, auf den Müll geworfen, aus Enttäuschung, weil die Liebe nicht hielt, was sie versprach, weil die Erwartungen zu hoch waren, zerbrochen... Und dennoch, der Gott, der unsere Mülltonnen öffnet zeigt uns, dass keine Liebe umsonst war. Auch dort wo Menschen sich trennen, bleibt, was sie sich in Liebe gegeben haben. Die Liebe ist eine Brücke, die selbst den Tod überwindet eine sichtbare, erlebbare Verbindung zwischen dieser und jener anderen Welt. Was wir hier an Liebe geben konnten und empfangen haben, das bleibt auch dort bestehen und wir spüren wie unsere Liebe am Tod keine Grenze hat.
Eine Ahnung von Auferstehung, die Liebe, die den anderen sein lässt wie er ist, ihn annimmt und mit ihm erlebt, was keine andere Person geben kann.
Ein alter Teddy,
ein Kind würde ihn niemals wegwerfen, sein Zustand spricht von einer einzigartigen Liebesbeziehung, spricht auch von Vergangenheit und dem was einmal war. Die Zeiten ändern sich, die Kinder werden groß, verlassen das Haus und mit dem Teddy bleiben auch Menschen zurück. Werden sie deshalb unnütz, die Alten, abgeschoben... Unser Gott in seiner Passion, auf seiner Suche am Rande der Gesellschaft, verleiht Würde, alle jenen, die scheinbar ausgedient haben. Gott gibt sein Leben, wie jene ihr Leben gaben und heilsam ist die Erfahrung, gerade daraus entsteht wahres Leben, Ewigkeit, aus dem was wir hingaben für andere.
Eine Ahnung von Auferstehung die Hingabe, wir verlieren nichts, sondern gewinnen an Ewigkeit.
Ein kaputtes Telefon.
Manchmal fragt man sich: Lohnt es überhaupt den Aufwand mit anderen in Kontakt zu treten. Was soll ich mir das Gequatsche anderer Leute anhören und überhaupt hören... Es versteht einen ja doch keiner, und wer will meinen Mist schon hören. Ein kaputtes Telefon. Früher hatten alle Telefonzellen ein Schild: DIESES TELEFON KANN LEBEN RETTEN ZERSTÖRT ES NICHT!
Ein Satz wie aus der Bibel. Miteinander reden kann Leben retten. Wie wichtig sind offene Ohren und Herzen, Wie wichtig ist es von einem Gott zu wissen, der nicht nur Choräle hört und Fromme Worte, sondern der unsere Mülltonnen öffnet und rein hört in das, das wir niemanden sagen möchten. Den Kindern im Kindergarten zeige ich Gottes Telefonzelle in der Kirche. das ist das Kerzenbecken dort. Und das Telefonbuch, in das viele Besucher unserer Kirche ihre Gebete eintragen, Hilferufe und Dank, und dann spreche ich den Kindern auch von unserem Händi, das sind die zum Gebet gefalteten Hände – deshalb Händi – sie schaffen jederzeit Verbindung zu Gott. dem, der zuhört, auch wenn wir denken: das ist doch alles Abfall -. Mist, was du da so zusammenredest.
Eine Ahnung von Auferstehung wenn wir uns klar machen, dass wir nicht in den Wind reden, sondern das keins unserer Worte verloren geht, bei Gott werden unsere Anliegen nicht wie Müll entsorgt sondern besorgt hört er,
der mitleidende Gott – ein zu den Gottlosen und Übeltätern geworfener Gottessohn –im Abfall sozusagen – dort lässt er sich finden.
Und dort beginnt er uns eine Ahnung von Auferstehung zu geben. was es heißen könnte ewiges Leben. Gott hat diese Fantasie, wie unsere Kinder sie auch ein wenig haben, diese Phantasie, die in jedem Gegenstand und jedem Menschen, die tollen Möglichkeiten sieht, die in ihm stecken. Niemand ist nutzlos, niemand hat ausgedient, niemand verdientes weggeworfen zu werden. Im Spiel Gottes, im wirklich wahren Leben, seiner Gegenwart, wird alles und jeder gebraucht und hat seinen Platz.
Amen.
zurück zum Inhaltsverzeichnis
|