Predigten 2011

Okuli, 27. März 2011, Kreuzwegmeditation

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herr Jesus Christus.

Amen

Liebe Gemeinde,in Jerusalem gibt es einen Weg, der vom Palast des Pilatus bis zur Grabeskirche führt. Die  Via Dolorosa, der Schmerzensweg, der Kreuzweg, der Weg den Jesus von seiner Verurteilung bis zur Stätte seiner Hinrichtung gegangen ist. Damals um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung. Heute ziehen Millionen von Pilgern diesen Weg, vergegenwärtigen sich so den Weg Jesus und spüren, wo sich sein Weg mit ihrem Weg deckt, wo er abbiegt, wo sich unsere Wege trennen und wo sie wieder aufeinander treffen. Der Weg der heutigen Pilger ist oft gefährdet: Bombendrohungen, Attentate, Fanatisten machen ihn schwierig. Es ist nicht einfach, Jesus zu folgen.

   Ich möchte Sie einladen, heute Morgen mit mir einige Schritte auf dem Schmerzensweg Jesu zu gehen. Ich tue dies mit Worten. Werner Friedrich tut dies mit seinen Tafeln, die wir Sie einladen, im Anschluss an diesen Gottesdienst, auf der Rathausempore zu betrachten. Betonschaltafeln,  alte Tafeln, die er in der Garage fand, mit Splittern. Nägeln, verletzend, rau, wie das Leben sein kann. So bekommt der Kreuzweg nicht nur Farbe, sondern ist Holz von unserem Holz, Abschürfung von unseren Abschürfungen, Verletzung von unseren Verletzungen, Wunden von unseren Wunden.

   Und auf einmal geht uns der Sinn auf, der fromme Pilger irrt, wenn er sich die Erschwernisse Christi antun will, irrt mit seinem Kreuzimitat auf dem Rücken. Nicht wir leiden für IHN, ER, der Sohn Gottes, litt für uns. Nicht zur frommen Übung des Mitleidens möchte ich Sie einladen, sondern zum dankbaren Staunen: Hier kommt Gott uns ganz nah, denn was unser Leben schwer macht, das nahm er auf sich. Jesu Weg zum Kreuz gilt es zu bedenken, und damit unsere täglichen Wege, nicht die frommen, sondern die menschlichen, die manchmal schweren, verzweifelten Kreuzwege. Der Künstler deutet die Stationen des Kreuzweges da finden sich Symbole, Botschaften, Zugänge, immer wieder hören wir ein: „Sieh, sieh hier, erkennst du dich?“ „Erkennst du andere, nimmst du die Menschen wahr in der göttlichen Solidarität, in der Nähe Gottes?“  Lassen Sie uns den Weg Jesu so betrachten, ein Zeichen, dass er mit uns geht, kein Schritt ist verlassen, Im Kreuz Jesu und in den Kreuzen der Menschen begegnet uns Gott.

   Der Kreuzweg beginnt mit dem Schuldspruch. Jesus ist schuldig. Ein Gotteslästerer.

Kurzer Prozess. Das Volk klatscht Beifall: Ein Gotteslästerer, weil er von Gottes Liebe sprach, die allen gilt, während andere Gott lieber ausgrenzend - auf ihrer Seite und nur dort wissen wollen. Weil Jesus von Liebe spricht, hat er alle Fanatiker gegen sich. Weil er „Abba“ zu Gott sagte, „Abba, mein lieber Papa.“ So vertraut war er mit Gott, so ernst nahm er Gottes Liebe, dass er in seinem Namen Sünden vergab, frei sprach, und zur Befreiung aufrief, zur Befreiung von Schuld, der eigenen und der Schuld anderer unter der ganze Völker leiden können. Weil er Schuld abnahm,

ansprach, aussprach und übernahm, wurde er schuldig gesprochen.

Der nächste Schritt auf unserem Weg: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern. Das Kreuz, ein Instrument zur Hinrichtung, wie der Galgen, wie der elektrische Stuhl.

Jesus trägt, was ihn töten soll. Auf dem Kreuzweg schleppt er seinen Tod mit sich.  Auch das ist das Leben, ein Weg, den der Tod begleitet. Wir spüren es in diesen Tagen besonders intensiv, In Libyen, in Japan. Menschlicher Größenwahn, der keine Grenzen des Erlaubten, des Machbaren erkennt, verlangt Opfer, Tausend, Zehntausend, die sich zu den Toten der Naturkatastrophen dazu addieren.

   Gott hat sich eingelassen auf dieses Leben zum Tode, deshalb sehen wir in jedem toten Menschen, den getöteten Sohn,  die getötete Tochter Gottes, des liebenden Vaters. Deshalb können wir aber auch die Erfahrung machen, neben mir geht Gott,

er trägt sein Kreuz, er trägt seinen Tod, hilft mir tragen, was das Leben mir auferlegt, der Mensch neben mir mit seinem Kreuz gibt mir Kraft.

   Doch dann fällt er, ein Schritt weiter auf dem Kreuzweg und Jesus fällt, bricht unter der Last des Kreuzes zusammen Dreimal ist er gefallen auf seinem Schmerzensweg.

Auch ich bin hinfällig. Und dann brauche ich jemanden, der mit aufhilft. Immer wieder, raffe ich mich auf, andere bleiben liegen.

   Ein Mensch steht bei Jesus auf seinem Weg mit dem Kreuz: Simon von Kyrene gezwungenermaßen. Simon hilft, wie man einem Aussätzigen hilft, widerwillig, wie einem Flüchtling, der um Hilfe bittet. Wirkliche Mitträger werden immer noch gesucht, an den Küsten Südeuropas. Aber nicht nur da.

 Wo sind die Jünger? Sie schliefen in Gethsemane als Jesus in Todesangst verlassen betete, sie fehlen auch auf dem Schmerzensweg. Wo ist seine Gemeinde? Sie fehlt auf vielen Schmerzenswegen dieser Erde. Mehr um bürgerliche Existenz bemüht, als um Einsatz und Selbstopfer für andere.

Wo bin ich?

Wo fehle ich?

In einem Gedicht von Hans Erich Nossack heißt es.

 

Zur Nacht als alle Menschen schliefen,

rief da ein Mann? Oh wie er rief!

Zweimal! Zwei Rufe, die mich riefen.

O Trägheit, dass ich weiterschlief.

 

Vom Flusse her ein wildes Klingen,

Zweimal und dann war wieder Nacht.

Und ich verschlief das Hilfebringen.

Zweimal und bin nicht aufgewacht.

 

Heute Morgen kommen sie und fragen:

Wer rief und hat die Nacht gestört?

Rief man nach Gott? Und ich muss sagen:

Ich schlief und habe nichts gehört.

 

Es rief, damit es mich erwecke

Zur Nacht, zweimal vom Flusse her:

O Mensch wie liebst du deine Decke,

dein Bett und deinen Schlaf so sehr

 

Ja, ich bin träg und taub geschaffen

Und lies dich letzte Nacht allein

Heut Nacht werd ich gewiss nicht schlafen

Denn heute muss ich selber schrein.

 

Wie viele Bilder aus Japan braucht es noch, bis Politiker aller Parteien die Gefahren für unser Leben und das der Generationen nach uns erkennen, Gefahren, die von der Menschen verachtenden Nuklearenergie ausgehen?  Wie viele Bilder aus Libyen braucht es noch, bis alle Politiker erkennen, dass Waffenhandel mit Euro und Dollar und immer auch mit menschlichem Blut bezahlt wird.

 Wir blicken in das geschundene Gesicht Jesu – verhöhnt, verfolgt, gefoltert... Erkennen wir in ihm den Mitmenschen?

Wir sehen beim abendlichen zapping, die Fernsehbilder verzweifelter Menschen,  in Japan, auch in Libyen, Menschen, die um Ihre Freiheit, ihr Leben ringen - sehen wir die Mitmenschen in ihnen? Die Alten unter uns haben noch die Erinnerung: man musste auch sie vom Tyrannen befreien, allein vermochten sie es nicht mehr, und auch der Neuanfang, wir danken ihn den Menschen, die sich mit uns verbanden, unser Schicksal zu ihrer Sache machten. Die Augen vor unserem Elend nicht verschlossen.

   Ein gefolterter, geschundener Leib ist ohne Reize wir schauen weg, schon das natürliche Altern scheint uns unzumutbar, muss versteckt, vertuscht, verborgen werden. Aber schau dich an, so siehst du aus. Die Spuren des Lebens graben sich in dein Gesicht. Wie die Spitzen der Dornenkrone hinterlässt die Zeit Zeichen, Male des Leidens formen dich. Stacheln des Versagens stecken in deiner Haut. Die Schuld brennt Narben ins Gesicht. Gott liebt dieses geschundene und gezeichnete Gesicht, er lässt den gefolterten Leib nicht los. Gott sucht deine Nähe, trotz allem, darauf lässt er sich festnageln, wörtlich. Jesus lässt sich festnageln. Auf  raues Holz. Er lässt es geschehen und reißt uns alle mit hinein in den Willen Gottes. Allein am Kreuz steht Jesus ein für seine Botschaft. Er tut es um unsertwillen. um meinetwillen, dass ich ihm Glauben schenken kann. und dann schreit er es, das Wort, das mich trifft, weil es meine Seele aufschließt.

„Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?“

 

Rudolf Otto Wiemer sagt:

Keins seiner Worte glaubte ich,

hätte er nicht geschrien:
Gott,

warum hast du mich verlassen.

Das ist mein Wort,
das Wort des untersten Menschen.

Und weil er selber so weit unten war,

ein Mensch,

der "Warum"

schreit

und schreit

"Verlassen",

deshalb

könnte man auch die andern Worte,

die von weiter oben,

vielleicht
ihm glauben.

 

 

Seitdem Jesus die unendliche Einsamkeit mit ans Kreuz genommen hat, ist niemand mehr allein, der seine Nähe sucht.

 

Aber Jesus schrie laut und verschied.

 

Der Tod hat ein Gewicht, das die Seele durchbiegt, bis auf den Grund.

Dort ist Gott  mit dem neuen Anfang.

In Seine Hände legen wir den zerschundenen Körper.

In Seine Hände legen wir unser Leben

unser Leid

und das Leid der ganzen Welt

und unseren Tod.

 

Nur in Seinen Händen

finden wir die Kraft der Auferstehung.

 

Amen.

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Laetare, 3. April 2011, Predigt zu Joh 6, 55 - 65

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

 Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag handelt vom richtigen Essen. Er steht im Johannesevangelium im 6. Kapitel:

Denn mein Leib ist die wahre Nahrung, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer meinen Leib isst und mein Blut trinkt, der lebt in mir und ich in ihm. Der Vater, von dem alles Leben kommt, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn. So wird auch der, der mich isst, durch mich leben. Das also ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist etwas ganz anderes als das Brot, das eure Vorfahren gegessen haben. Sie sind danach trotzdem gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird ewig leben. Diese Rede hielt Jesus in der Synagoge von Kafarnaum. Der Geist Gottes macht lebendig, alles Menschliche ist dazu nicht fähig. Aber die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind vom Geist erfüllt und bringen das Leben. Johannes 6, 55-65 in Auszügen

   Wir essen um zu leben. Von einem russischen Theologen stammt die Anfrage, ob es nicht auch eine tiefe religiöse Wahrheit hat jenes feuerbachsche Wort:

„Der Mensch ist was er isst“? Das was materialistische Absage an alles Geistige sein sollte, könnte es uns nicht aufmerksam machen auf eine Tiefendimension unseres alltäglichen Lebens und Essens?

   Ich ziehe mir Bilder rein, die ich nur schwer verdauen kann und es dreht sich mir der Magen um, wenn ich mit dem Leid japanischer Strahlenopfer konfrontiert werde oder die Lügen der Politiker höre.

   Der Mensch ist ein hungriges Wesen. Er hat Hunger nach Leben, Hunger nach Gott. Und wenn ich über einen Menschen nachdenke, etwas über ihn sagen soll, oder ihn näher kennenlernen möchte, dann frage ich manchmal so: „Wovon ernährt sich diese Person?“ Die geistige Nahrung, das sind ihre Bücher, das sind die Ideen, Gedanken, Einfälle anderer in Romanform gegossen, zu Kunstwerken verdichtet,  in Abhandlungen ausgearbeitet, Stoffe, die ihren Lesehunger stillen. Geistige Nahrung – wird jemand davon satt?  Was stillt den Lebenshunger eines Menschen? Die Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, nach Anerkennung und nach dem: „Du ich brauche dich.“ Nahrung, die ein Leben braucht...

   Wo der Lebenshunger ungestillt bleibt, weil es an dem fehlt, was sättigen würde, schlägt der Ersatz Schaden: Der Volksmund spricht vom Kummerspeck und vom Alkohol als vergifteter Muttermilch.

Denn mein Leib ist die wahre Nahrung, und mein Blut der wahre Trank. Wer meinen Leib isst und mein Blut trinkt, der lebt in mir und ich in ihm.

   Im Johannesevangelium spricht Jesus vom Abendmahl als der richtigen Ernährung angesichts des Lebenshungers. Und beim Abendmahl geht es ja gerade nicht nur um geistiges Essen, um fromme Worte, sozusagen.  Im Abendmahl werden wir aktiv: Wir hören nicht nur, sondern wir kommen nach vorne, jeder kann es sehen, wir empfangen Brot und Weintraubensaft von einem Menschen neben uns und geben beides weiter: „Christi Leib für dich gegeben. Christi Blut für dich vergossen.“ So bekommt dieses gemeinsames Essen und Trinken eine besondere Bedeutung. Das Abendmahl zeigt einen Weg, der einen bewussten Umgang mit den Dingen erlaubt: mit der Nahrung und mit aller uelle von Lebenskraft. Einen Weg zum Essen, das Leib und Seele zusammenhält. Einen Weg, auf dem niemand von reiner Spiritualität schwärmt und alles weltliche entwertet -  eine Unschuld, die andere gegen den Tyrannen kämpfen lässt und selbst unbeteiligt bleiben will, ist sträflich und den Opfern gegenüber zynisch.

Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind vom Geist erfüllt und bringen das Leben.

Also es sind Worte die nähren, wirklich satt machen, nicht nur das fromme Gefühl stillen. Die ganze Schöpfung ist auf Nahrung angewiesen, aber nur der Mensch vermag Gott für seine Gaben zu danken. Im Dank für das Empfangene bezieht der Mensch sich auf mehr - spricht er von der Stillung seines Hungers in sehr umfassenden Sinn. Wo dies nicht erfahren wird, bleibt das Dankgebet Formel.  Wo gegessen wird ohne dieses Bewusstsein von Dankbarkeit, bleibt jedes Essen fad, der Hunger nach Leben stellt sich schnell wieder ein.

   Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus zur Erklärung der Bitte: „Unser täglich Brot gibt uns heute“,

Gott gibt täglich Brot wohl auch ohne unser Bitten, allen bösen Menschen, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er uns lasse erkennen und mit Dankbarkeit empfangen unser täglich Brot.

Und weiter erklärt er:

Was heißt denn täglich Brot? Alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherrn, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen...

   Was Luther hier mit den Begriffen seiner Zeit ausdrückt, ist der Versuch, zu zeigen, wie Gott in all dem in unserem Alltag gegenwärtig ist. Da gibt es nicht hier ein Geistiges und da ein Materielles. Alles, was wir uns trauen als tägliches Brot von Gott zu erbitten, dass ist somit auch irgendwie heilig.  Und andererseits bleibt so der Hunger Hunger und ist ein Problem des Menschen mit seinem Gott.   Das Volk, das nach Befreiung ruft, das unterernährte Kind und der Geschäftsmann in der Sinnkrise, sie alle fragen nach Gott und nach der Solidarität der Mitmenschen, denen Jesus im Angesicht der hungernden Menge zuruft: „Gebt ihr ihnen zu essen!“

   So ist „Brot für die Welt“ zu schaffen uns aufgegeben, zu geben, zu teilen, was da ist  um den Lebenshunger der Welt zu stillen.  Und dieser Lebenshunger ist unteilbar. Niemand wird satt, niemand hat sich gesund ernährt, solange auch nur ein Kind noch hungert oder verstrahlte Nahrung zu sich nehmen muss. Die atomare Strahlung aus Fukushima bedroht Trinkwasser, Ernten, Fischfang und wir erfahren neu die Angst um unsere Nahrung, die im Wohlstand verloren gegangen war oder besser sich wandelte zur Sinnkrise, zum Hunger nach Sinnvollem und Bedeutungsvollem.

   Ich denke Hunger hat mit Todesangst zu tun. Hunger ist: Leben wollen.“Sehnsucht, Gier nach Leben. Sehr elementar bei den Menschen ohne Nahrung zum Diebstahl entschlossen,  der dann Mundraub heißt. Sehr subtil bei dem ruhelosen Wohlstandbürger vor dem nächtlichen Kühlschrank, der in überfüllten Fächern nicht findet, was er eigentlich zum Leben braucht. Angst vor dem Hungertod. Jesus antwortet so:

Der Vater, von dem alles Leben kommt, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn. So wird auch der, der mich isst, durch mich leben. Das also ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist etwas ganz anderes als das Brot, das eure Vorfahren gegessen haben. Sie sind danach trotzdem gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird ewig leben.

   Beim Abendmahl, sagt Jesus, in der Gruppe der Menschen, für die ein Stück Brot und ein Schluck Weintraubensaft zu mehr werden, wenn zum Essen der Glaube, die Dankbarkeit, die Gemeinschaft hinzukommt in dieser Gruppe wird dann der Lebenshunger gestillt. Das ist nicht auf den Gottesdienst beschränkt.  In jeder Tischrunde können wir erleben, hier sitzt einer mehr am Tisch, und der sagt: Der Vater, von dem alles Leben kommt, hat mich gesandt, und ich lebe durch ihn.

   Unser Lebenshunger wird gestillt, weil wir teilen, uns gegenseitig vertrauen, aussprechen, annehmen,  gemeinsam lachen und dem Leben eine Chance geben.

Das also ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer aber dieses Brot isst, wird ewig leben. Das Brot vom Himmel ist nicht frommes Getue, es stillt auch den leiblichen Hunger. Und ewiges Leben ist keine Vertröstung, die den wirklich Verhungernden verlacht. Eher wird es ein Erkennungszeichen sein, wo vom Brot des Himmels gegessen wurde, wo ewiges, authentisches Leben erspürt wurde, dort vergeht die Angst um die eigene Absicherung, dort ist Hunger gestillt und Todesangst besiegt und dort ist deshalb solidarisches Teilen Abgeben und das Wunder der Speisung aller möglich .Was ist also richtiges Essen? Wovon nährt sich mein Leben? Wenn Jesus sich selbst die wahre Nahrung und das Brot vom Himmel nennt, dann beginne ich zu entdecken, wie sehr zusammenhängt, was so oft vorschnell getrennt wird in geistige Nahrungund tägliches Essen und Trinken. Unser Lebenshunger, durch die Nachrichten aus Japan und Libyen in diesen Tagen vielleicht neu geweckt ist Ausdruck vielfältiger Bedürfnisse. Im Dank für das tägliche Brot will ich mit bedenken, wie reich ich beschenkt werde: Essen und Trinken ist da, die Familie, die Freunde, Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin, und die mir sagen, dass ich ihnen wichtig bin, Augen deren Leuchten mich fröhlich macht, das Buch, das ein Freund mir schenkte, ein Gruß, der so gar nicht Formel war. Ein Dank, eine Bitte, eine Erklärung und die Hilfe, die ich erfahren habe, das Gefühl der Solidarität, die Einladung und der Arm, der sagte: „Du bist nicht allein“.

   Dies alles ist Nahrung, die mein Leben braucht,

  ist Brot des Lebens, das vom Himmel kommt,

  in all dem begegnet uns Christus,

  der sich selbst

  das Brot des Lebens nannte.

 

Amen.

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   Konfirmation im Mai 2011, Predigt zu Joh 20, 19-30

 Liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Eltern und Paten, Angehörige und Freunde, liebe Gemeinde,

   dies ist ein festlicher Augenblick. Viele von Ihnen werden nachher im Familienkreis weiterfeiern, was hier in der Kirche beginnt: Junge Menschen werden konfirmiert in ihrem Glaube gefestigt, das geht nicht ohne eine gewisse Aufregung ab. Den Eltern ist so eigenartig zu Mute, nun ist Sohn oder Tochter aus dem Gröbsten raus – denkt man. Großeltern, Paten, Onkel und Tanten sind dabei, man vergewissert sich, das Leben der Familie geht weiter.

   Das Besondere: wir sind in der Kirche. Ungewohnt für manchen – fremd –  und doch auch irgendwie bekannt. Wann war ich das letzte Mal in der Kirche?

Ein froher – ein trauriger Anlass jedenfalls war es etwas Besonderes. Gott wird mit unserem Alltagsleben in Verbindung gebracht. Dazu braucht es die besondere Atmosphäre von Kirchraum,  Pastor, Kerzen und Orgel. Wirklich?

   Während des Konfirmandenunterrichts haben wir Pastoren und Mitarbeiter versucht mit den Jugendlichen über Gott ins Gespräch zu kommen.Das ist nicht einfach. Auch wenn auf Auswendiglernen und Aufsagen frommer Texte verzichtet wird, man kann nicht so auf Anhieb über Gott reden, das gelingt nur in besonderen Situationen. Wirklich?

   Vielleicht ist ja doch bei dem einen Konfirmanden oder der anderen Konfirmandin die Erinnerung geblieben, irgendwie haben wir schon was mit Gott erlebt, vielleicht beim Segeln auf der Flotte, oder bei einer Aktivität des Landprogramms, vielleicht beim Nachdenken über bestimmte Fragen, auf dem Friedhof vielleicht oder beim Meditieren mit den Perlen des Glaubens.

 Wenn man es nicht so verkrampft angeht, kann ein Treffen mit Gott sich eigentlich überall und viel häufiger ereignen, als wir sagen würden, wenn uns jemand danach fragt.   Gott im Alltag? -  bei mir nicht! Ich halte dagegen: bei jedem von uns!  Nur, dass wir nicht alle gleich darüber reden, und weil wir ganz unterschiedliche Menschen sind, begegnet uns Gott auch auf ganz unterschiedliche Weise. Doof ist es, wenn jemand meint, er wüsste ganz genau wie das Treffen mit Gott abläuft und nur so und nicht anders müsste es bei allen sein. Fromme Rechthaberei ist etwas Schreckliches.

   Der Fußballspieler Zé Roberto sagt:

Das Wichtigste im Glauben ist, dass man sich von Gott geliebt weiß, so wie man ist. Das ist die Grundlage meines Glaubens, und das gibt mir Kraft für alle Situationen im Leben. Denn gerade als Profifußballer bist du ständig gefordert, du brauchst immer wieder neue Kraft für die vielen Spiele.

Mein Lieblingsvers in der Bibel (Philipper 4,13) handelt von einer besonderen Kraft:

»Ich kann alles durch den, Jesus Christus, der mich mächtig macht. «

Das sagt der Fussballspieler.

 

Und Peter Maffay singt:

Wenn das Schweigen mich umgibt
wird ein Lied zum Gebet
und ich warte so auf eine Antwort.

Lieber Gott
wenn es dich gibt

Brich' dein Schweigen und
lass uns nicht allein
und hilf' uns aus unserer Einsamkeit
.

 

   Das ist das Besondere im Umgang mit Gott, man redet mit ihm, auch wenn man an seiner Existenz zweifelt: „Lieber Gott, wenn es dich gibt...“

   Es gibt Menschen, die würden, wenn man sie fragt, niemals sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben, aber dann, weil sie Vorsitzende des Schützenvereins sind oder leitend bei der Freiwilligen Feuerwehr, treten sie an ein offenes Grab, eine große Fahne in der Hand und sagen: „Lieber Kamerad,

du warst uns immer ein guter Freund und Schützenbruder, ein Vorbild für die Jugend: Ruhe sanft, wir gedenken deiner.“ Mit wem sprechen sie da?

   Man kann als Mensch an Gott zweifeln und daran, dass er für uns auch über den Tod hinaus da ist, man kann erklären, dass es Gott nicht gibt, aber ohne ihn leben kann man anscheinend nicht. Auch Jesus hat so gesprochen:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

   Über die Angst, es könnte Gott nicht geben, kann man eigentlich nur mit Gott selber sprechen und deshalb mag ich Zé Roberto gerne, auch wenn es manchmal ein bisschen übertrieben aussieht, wie er vor dem Spiel betet: in die Hocke geht,

mit einer Hand den Rasen berührt und mit den anderen zum Himmel zeigt, aber ich finde es gut, wie er nicht nur sich selber, seinen Trainer und den Verein lobt,

sondern, dass er sagt, „die wichtigste Kraft bekomm ich von Gott.“ Weil er sich von Gott geliebt weiß, ist er weniger abhängig von Lob und Anerkennung der anderen. Er ist selbstständiger, stärker, unangreifbarer, weil er Christ ist.

 Ein bisschen haben wir alle davon: Wir sind stärker weil es Gott gibt.

Weil es Gott gibt können wir manches Schweres überhaupt nur ertragen: Die Rebellen in Libyen beten, die Feuerwehrmänner, die in die strahlenden Reaktoren von Fukushima geschickt werden, vergewissern sich auf ihre Weise der göttlichen Gegenwart. Die verschiedenen Religionen sind dazu da, von Gott reden zu können, es zu lernen und weiter geben zu können. Dazu dienen Bilder und Geschichten, die die Erinnerung aufbewahren  an besondere Momente, in denen die Gegenwart Gottes erlebt wurde. Wir Christen sprechen dann häufig von Jesus, in dem wir Gottes Sohn erkannt haben.  Zum Beispiel, zu Ostern:

Die Geschichten der Bibel erzählen, wie Jesus mit seinen Jüngern in Kontakt getreten ist, obwohl er vorher am Kreuz hingerichtet wurde  und gestorben war.

Eine dieser Auferstehungsgeschichten haben wir vorhin als Lesung gehört. (John 20, 19-30) Das ist schwer zu glauben, sagen viele wie Thomas und dennoch leben sie davon, von dieser Hoffnung, die der Glaube gibt: - wenn sie mit Sterbenden beten, - Kerzen anzünden - und manchmal ganz deutlich spüren,

wie zum Beispiel die verstorbene Mutter,  in Gedanken bei einem ist, rät, tröstet und sich mitfreut,  wenn das Leben schön ist.

 

Liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Eltern, Paten, Familien der Konfirmanden, wenn sie spüren, dass heute ein besonderer Tag ist, dann liegt das neben aller Festtagsvorbereitung und -stimmung auch daran, dass heute etwas Wichtiges in ihrer Familie passiert. Einer von Ihnen, ein Jugendlicher, eine Jugendliche, sagt ja zu unserem Glauben und spricht damit etwas aus, das wir anderen vielleicht seltener erwähnen, wovon wir aber alle leben.

Ein junger Mensch in der Familie sagt:

  „Ja, Gott, es ist gut, dass es dich gibt“,     ich kann mein Leben auf dich stützen.

Ein paar Momente dauert das Ganze nur. Vorher waren wir aufgeregt, albern, unsicher. Hinterher wird gefeiert, und über alles Mögliche geredet und gelacht,

aber hier in der Kirche ist der besondere Augenblick: „Lieber Gott, da es dich gibt, ist mein Leben schön und gut und auch wenn es schwer wird, werde ich nie allein sein.“    Ich glaube es tut uns allen gut, dass dies mal gesagt wird. Weil ihr es tut, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, weil ihr heute ja zu einem Leben mit GottesHilfe sagt seid ihr heute die Hauptpersonen, auch noch nach dem Gottesdienst,- eine Weile - bis dann in der nächsten Woche der Alltag wieder beginnt und fast kein Mensch mehr über Gott redet, oder Jesus oder das ewige Leben. Aber das wissen wir ja schon: Wir reden wenig darüber, aber wir leben davon. Von der Luft redet man ja auch nicht immer, man atmet sie ein und aus. Aber wenn sie verschmutzt wird, vergiftet oder verstrahlt, dann merken wir plötzlich, dass wir in Lebensgefahr sind. Gut, dass es Menschen gibt wie Zé Roberto oder andere, die freier über ihren Glauben sprechen können und ihn auch zeigen. Ein bisschen tun wir es ja auch alle, Gott mit unserem Alltagsleben in Verbindung zu bringen. Dazu braucht es keinen Kirchraum, Pastor,  Kerzen und Orgel, die besondere Atmosphäre, stellt sich manchmal ein, und wir spüren jetzt ist Gott uns ganz nah: weil wir so fröhlich sind, so guter Dinge in so vertrauter Gemeinschaft. Wenn wir getröstet werden, neue Kraft bekommen, wenn wir zweifeln oder gar verzweifeln, dann brechen wir, manchmal wie von selbst unser Schweigen und sprechen mit Gott, weil wir ahnen: nichts kann uns von ihm trennen.

„Ich bin bei euch alle Tage“,

hat Jesus gesagt,

„bis an das Ende der Welt.“

 

Amen.

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2. Son. nach Trinitatis, 3. Juli 2011, Mt 22, 1-14

Liebe Gemeinde,

   biblische Texte haben eine Geschichte. Das heißt: sie wurden nicht ein für allemal aufgeschrieben,  sondern zunächst mündlich weiter erzählt, und wuchsen dann nach und nach zu der Form,  die wir aus unseren heutigen Bibeln kennen. Wir können also an einem Text Ausgrabungsarbeiten vornehmen, wie an einer archäologischen Fundstätte. Wie auf dem Fischmarkt in Stade finden wir in einem Text verschiedene Erinnerungsschichten. Im Text sind das verschiedene Fassungen. Je nach dem an welche Zuhörer man sich richtete, wurde mit dem Text auf verschiedene Fragestellungen geantwortet. Aktualisierungen gab es und Akzente wurden verschoben. Und ganz unten am Boden trifft man dann vielleicht auf den Text, den Jesus selbst einmal gesprochen hat. Ich möchte Sie heute einmal mitnehmen auf so eine biblische Ausgrabungsstätte. Der Text, den wir als Lesung gehört haben, der vom königlichen Hochzeitsmahl, lädt dazu ein:

   Jesus sitzt auf der schattigen Seite eines Platzes in einer kleinen Stadt. ie Leute, die Zeit haben, bleiben stehen um ihn zu hören. Andere drängen weiter, verärgert über die Leute, die ihnen den Weg verstellen, so ähnlich wie vor Rossmann, wenn vor dem Rathaus, Hochzeitsgäste Fotos machen und man nicht weiter kommt. Arme, Bettler, Arbeitslose, Kinder, Straßenmusikanten, Rollstuhlfahrer, das ganze Programm und Jesus erzählt:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der ein großes Abendessen gab und dazu viele einlud. Und er sandte seinen Knecht aus, die Geladenen zu bitten; doch sie wollten nicht kommen. Sie achteten nicht auf die Einladung, sondern gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.

„Boh“, bemerkt da ein Mann mit einem zerschlissenen Rucksack,„wenn mich mal einer einladen würde, ich würde hingehen, mal auf so einen Empfang mit Lachsbrötchen und Hummerschwänzen, das wär‘s doch...“. „Halt die Klappe“, brummt sein Nachbar, hör lieber mal.“ Jesus erzählt weiter:

Der Knecht kam zurück und erzählte es seinem Herrn. Der ärgerte sich und sagte zu seinem Knecht: Geh hinaus auf die Straßen und ladet zur Feier ein, wen du triffst: Böse und Gute; Arme, Blinde und Lahme.

„Siehste, das is‘ es“, meldet sich wieder der Rucksackträger. „Da hat mal einer ein Herz für unsereins.  Mit Hartz IV wirste sonst zu keinem Fest eingeladen.“

   Aber auch andere nicken nachdenklich. Leute schubsen und drängeln vorbei: Der ewige Stress, das Leben könnte so schön sein, aber keiner hat mehr Zeit dafür  - alles andere ist wichtiger.  Ein Mann im Rollstuhl sagt, wie zu sich selbst, „Erst seit dem meine Beine nicht mehr wollen, weiß ich zu wie viel Blödsinn ich früher gelaufen bin. Das Wichtigste,  das Leben selber, bleibt auf der Strecke.“ Jesus lächelt ihm zu.

 

 Jetzt machen wir einen Sprung in der Zeit. Kreuzigung Jesu. Auferstehung, Ostern,  Pfingsten. Der Heilige Geist hat die ersten Gemeinden gegründet.Das Christentum entsteht innerhalb der Jüdischen Welt und die Frage kommt auf: „Warum werden denn nicht alle Juden Christen?“  Jeder, der sich ein bisschen für Religion interessierte, wird so gefragt haben.

Gott hat sich in der Vergangenheit so um das Volk Israel bemüht. Die Profeten hat er gesandt, die Geschichte Gottes mit seinem Volk wurde aufgezeichnet. Von einer großen Freude am Ende aller Zeit, hatte man gehört und nun war doch mit Jesus dieses Himmelreich angebrochen  – was war los? Man begann das Gleichnis, das Jesus von jenem Mann, der zu einem großen Festessen,           einlädt mit anderen Ohren zu hören. War jener Mann nicht ein König gewesen? und damit ein Bild für Gott? und jenes Festessen, war nicht damit die Hochzeit seines Sohnes gemeint? Also,  es geht doch um Jesus selbst und darum, wie wir zu ihm stehen. Die Knechte, das sind die Profeten, die Gott seinem Volk sendet um es zu sich zu rufen - und so erzählte man das „Gleichnis von der königliche Hochzeit“.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: „Sagt den Gästen:  Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.

„Ja, so schlimm wird es kommen“, dachten einige, „das Gleichnis sieht es vorher: die Profeten, die das Kommen Jesu vorhersagten, wurden getötet

und die Christen, die sich um die Juden bemühen werden nun auch schon verhöhnt. Fassungslos hörten die ersten christlichen Gemeinde diese Worte und sahen in ihnen ihre eigenen Fragen beantwortet. Die, die einen Vorsprung im Glauben hatten, die Frommen der Bücher Moses und der Profeten ziehen nun nicht mehr mit – das ist bitter.

   So bitter und unverständlich, wie es heute Christen in Südamerika, Asien und Afrika erscheint, dass die Kirchen, die ihnen einst das Christentum brachten, jetzt oft  nicht mehr mitziehen, wenn es darum geht, ernst zu machen mit der Botschaft Jesu, der Arme und Hilfesuchende zu sich rief. Wo sind die alten, europäischen Christen wenn es um Befreiung von Unterdrückung und Neokolonialismus geht? Europa verschließt sich in seiner Wohlstandsburg und Jesus findet seine Zuhörer vor den verschlossenen Toren und vor den neu errichteten Zäunen aus Stacheldraht, und auf Booten in Seenot.

   Die ersten Christen fanden Trost darin und es schien ihnen eine Erklärung, dass Jesus dies alles in seinem Gleichnis vorhergesehen hatte.

  Als dann im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung der Tempel und große Teile Jerusalems von den Römern zerstört wurden, da meinten nicht wenige, das sei nun die Strafe Gottes dafür, dass man sich nicht zu Jesus bekannt hatte. Und sie fügten dem Gleichnis noch einen wichtigen Vers hinzu:

Da wurde der König zornig, schickte seine Heere aus und ließ diese Mörder umbringen und ihre Stadt anzünden.

   Wir heutigen Leser zögern da. Die Weltgeschichte ist zu sehr mit menschlicher Schuld und menschlichem Versagen durchzogen, als dass wir in ihr so unbefangen Gottes Wirken, besonders sein Strafen  entdecken könnten.

Nachdenklich, suchend, tastend  sehen wir uns nach Gottes Spuren in unserer Umwelt und  Zeit um.

   Aber zurück in die Entstehungszeit unseres Gleichnisses. Die ersten christlichen Gemeinden gehen dazu über auch den Nichtjuden, allen Völkern, nicht nur Israel, das Evangelium zu bringen und es schien eine Erfolgsgeschichte zu werden, die sich im Gleichnis wiederspiegelt:

Der König, nachdem er merkt, dass die zunächst geladenen Gäste, das Volk Israel, auf seine Einladung nicht reagieren, befielt seinen Knechten:

Die Hochzeit ist zwar bereitet aber die Gäste waren es nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr trefft. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und holten zusammen, wen sie trafen, Böse und Gute; und die Tische wurden voll.

… und die Tische wurden alle voll. Hier scheint das Gleichnis  und die Geschichte der Glaubensausbreitung an ihr Ende gelangt zu sein. Überall entstehen christliche Gemeinden.Viel Arbeit gibt es da für die Gemeindeleiter. Plötzlich ist es modern ist es „in“ Christ zu sein. Das „C“ im Namen zu tragen kam gut, war einfach und kostete nichts. Hatte Jesus nicht alle herbei gerufen? Später wird sich das ganze Abendland „christlich“ nennen  und von Leitkultur sprechen und Besitzstandswahrung meinen.

   Matthäus, einer der Gemeindeleiter im ersten nachchristlichen Jahrhundert ist empört: „Es ist unerträglich, wie sich manche Leute verhalten“ denkt er. „Christ sein das bedeutet doch etwas, das muss sich doch zeigen, Jesus hat uns eindeutig an die Ränder unserer Gesellschaft gewiesen, dort beginnt das Himmelreich, dort, wo man zuerst und oft ausschließlich auf Gott vertraut.“

Matthäus ist überzeugt, es gibt auch ein Verhalten, dass einem Christen unwürdig ist und man kann nicht alles christlich begründen. In seiner Gemeinde gibt es Leute, die, so findet der Kirchenvorsteher Matthäus – sich ausgesprochen unchristlich verhalten. Und als Matthäus dann seinen Plan fasst, alles, was Jesus gesagt und getan hat, aufzuschreiben,  da zögert er bei diesem Gleichnis, das er in einer alten Schrift findet „… und die Tische wurden alle voll bei jenem Festmahl“„ja aber...“ in  Matthäus regt sich wieder dieser Ärger und dann ergänzt er: Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Dieser aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.

„So, das ist deutlich genug“, dachte sich Matthäus. „Das wird in der Gemeinde verstanden werden. Wer sich nicht wie ein Christ verhält, der gehört nicht in die Kirche. Gott lässt nicht mit sich spaßen.“  „Richtig so“, als Matthäus später seine Version der guten Botschaft von Jesus Christus in der Kirchenvorstandssitzung vorliest, ist der konservative Flügel begeistert.

„Jesus war manchmal wirklich viel zu lieb und tolerant, ein richtiger Gutmensch. Es kommt nicht einfach jeder in den Himmel! Da wird vorher schon noch genau geprüft, wir brauchen ein entschiedenes Christentum, denn viele sind berufen aber wenige sind auserwählt. Das schreib da mal gleich noch dazu, Matthäus, das das allen klar ist.“

   Ich weiß nicht ob Matthäus gezögert hat oder nicht. Ob er jenen Zusatz in sein Original aufgenommen hat oder ob erst später jemand den noch eingefügt hat. Vielleicht ahnte Matthäus ja auch, was solche Sätze anrichten können.Was Mut machen sollte,  sich ernsthaft um eine christliche Lebenshaltung zu bemühen, eine Einstellung, die den frohen Festcharakter des Lebens in der Nähe Gottes entspräche, so wie Jesus es ursprünglich meinte, eine solche Aufforderung führte später oft zu Selbstgerechtigkeit und angst- oder lustvolles Ausgucken der Erwählten und Verworfenen unter den Christen.  Irgendwie widerspricht dieser letzte Satz in seiner Engherzigkeit der einladenden Weite der ursprünglichen Botschaft Jesu.

   Wir sind am Ende unserer kleinen Ausgrabungsarbeit angekommen. Wir haben die ursprüngliche Stimme Jesu gehört und haben gesehen, was aus seiner Botschaft in den darauffolgenden Jahren geworden ist.

Jede Interpretation, jeder Zusatz kann auch als Einengung der Botschaft Jesu empfunden werden.   Man sollte aber auch den Reichtum sehen, der den biblischen Texten zugewachsen ist durch Menschen, die sie weitergedacht haben. Mit dem Fortschreiten der Verschriftlichung drangen immer weniger Gedanken in die Textform ein. Ab und zu überrascht uns noch mal eine neuere Übersetzung...

Und dennoch, jedes Mal wenn wir einen Bibeltext lesen, kommt es letztlich darauf an, was er mir dem Leser sagt, hier und heute.  Am Ende allen Fragens ist jedem von uns mit jedem Wort der Bibel die Begegnung mit dem lebendigen Gott versprochen.

Viel Spaß beim Bibel-Lesen!

 

Amen

 

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4. Son. nach Trinitatis, 17. Juli 2011, Gen 50, 15-21

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 1.Mosebuch, Kapitel 50, es sind die Verse 15-21:

   Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war,

und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“ Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:So sollt ihr zu Josef sagen: ‚Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!‘“

   Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.

Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

   Familiengeschichten: Sie kennen die Josefsgeschichte, Josef war der Lieblingssohn seines Vaters Jakob. Die neidischen Brüder verkauften in die Sklaverei nach Ägypten, wo Josef unerwarteter weise Karriere macht,

und als die Familie in Not gerät, hilft er dem Vater und seinen Brüdern und deren Familien.   

Familiengeschichten: – manchmal muss erst einer sterben, bis es zur Versöhnung kommt ... und auf der Beerdigung des Vaters treffen die zerstrittenen Kinder aufeinander. Rechts sitzen die aus Wupperthal und links die Hamburger. Unsicherheit herrscht und die kann leicht in Abgrenzung und Aggressivität umschlagen. Hat sich was geändert  oder sind die alten Geschichten immer noch präsent? Verkrustete Schuldgefühle auf der einen Seite, überkommenes Beleidigt-sein auf der anderen. Eine Brücke ist nicht in Sicht. Von dieser Brücke handelt unser Predigttext. Im Gespräch der  Hinterbliebenen taucht sie auf. Vorsichtig wird sie beschritten.

 Diese Brücke ist der heilsame Wille Gottes zur Versöhnung.

   Sehr zögerlich wird sie betreten – manchmal führt der Weg zu ihr über den Friedhof. Auch in der Josefsgeschichte stirbt der Vater Jakob  und plötzlich stehen die Brüder ohne Schutz da. Und wir reden nicht von eingebildeten Animositäten. Da ist wirklich Unrecht geschehen. Josef wurde in die Sklaverei verkauft und so mancher Bruder – oder so manche Schwester hat ähnlich bitteres Unrecht erleiden müssen. Gut und Geld werden einander vorenthalten.

Böse Worte auch unter Nachbarn verletzen scheinbar unheilbar. „Lagerkind“ und „Spätaussiedler“ jede Stadt hat ihre Geschichten.  Aber gerade darum geht es nicht in diesem Text, nicht um das Aufrechnen alter Geschichten, sondern um das heilsame Handeln Gottes in der Familie, in der Nachbarschaft, unter Menschen, geht es: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

   Und da klingt keine Häme mit, so etwa wie: Gott ist für mich und gegen euch!

  Vielmehr schließt das Staunen beide mit ein: Gott meint es gut mit uns, mit mir und auch mit euch. Die Brücke, wir beide können sie betreten, sie trägt uns beide Von solchen Erfahrungen wäre also zu berichten, wo Vergebung möglich wurde und neue Wege gefunden wurden, verlässliche Wege. Es tut gut davon zu hören, wie Menschen eine neue Heimat finden konnten, wie Geschwister sich wieder einander zuwandten und  mit einander redeten, zum gemeinsamen erleichterten Lachen kamen und das nicht erst auf der Beerdigung des Vaters, sondern schon viel früher, bei der Taufe der ersten Kinder, zum Beispiel, als alles noch möglich war, und Onkel und Tanten zu Paten wurden.

   Das ist nicht einfach und Vergebung bedarf der Prüfung. Zögernd, ängstlich, der Vermittlung dritter bedürfend, nähern sich die schuldigen Brüder dem Jüngsten, Josef, der nun zu einem einflussreichen Beamten des Pharaos geworden ist:

Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!

Nicht ihretwegen – das wollen oder können sie noch nicht bitten, sonder weil der Vater es wünschte, soll Josef seinen Brüdern vergeben. Und weil sie spüren, dass der Wille des Vaters allein nicht ausreicht erinnern sie auch an Gott.

„Die Brüder erinnern Josef an den gemeinsamen Gott. Was nach geschickter Diplomatie, nach schlauer Beschwörung von Gemeinsamkeit schmeckt, ist der einzig mögliche Ansatzpunkt in dieser Situation. Die Brüder fangen schon gar nicht damit an, sich zu rechtfertigen nach der Melodie: ‚So haben wir es doch nicht gemeint; sie entschuldigen sich nicht, indem sie Josef seine Sonderstellung beim Vater Jakob vorhalten, die sie neidisch und eifersüchtig machen musste. Da gibt es kein Erklären, Beschuldigen, Sich-Rechtfertigen.Die Brüder appellieren auch nicht noch einmal an den Großmut  des Josef, sondern erinnern ihn und sich an die einzige Möglichkeit, die jetzt verbleibt, damit alles gut wird“: die Brücke Gottes, die Vergebung mit seiner Hilfe. Und Josef geht diesen Schritt, betritt die Brücke  lässt die Distanz, den indirekten Weg, nicht gelten und weinte, als sie solches zu ihm sagten.

   Er, der Unschuldige, das Opfer weint, und es will mir scheinen, aus ob in diesen Tränen die Befreiung liegt, nicht länger in diesem dunklen Schatten der bösen Erinnerungen leben zu müssen. Nicht etwa, weil alles nicht so schlimm gewesen wäre, nicht weil auf einmal Fünfe gerade wären, oder weil vergessen wird, was war, nein, ich denke die Versöhnung ist möglich, weil Josef die Vergangenheit in Gottes Hand legt.Und seine Erinnerungen aus der Sklaverei auch. Josef spürt, hier tut sich eine Brücke auf, hier ist ein Weg, den wir gehen können und er lädt seine Brüder ein: Fürchtet euch nicht! Ich werde mich nicht an euch rächen, sondern ich werde mich auf den Weg Gottes über diese Brücke, die die Vergebung ist einlassen. Vergebung, eine Brücke Gottes,  die von beiden Seiten zu betreten ist. Erste Schritte,  oft zögerlich unternommen sind: ich erkenne an, was an Schuld und Versagen meins ist, und lassen auch den Schmerz zu, und die Erbitterung, nicht anders, nicht besser gehandelt zu haben.

Und da. wo mir Unrecht geschehen ist, da vertraue ich auf Gottes Gerechtigkeit,die mich befreit von der Last des Erlittenen.

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

Die Brücke Gottes, die die Vergebung ist,  führt ins Leben, macht es möglich, dass es eine Zukunft gibt für Opfer und Täter. Nicht immer muss erst einer sterben, bis es zur Versöhnung kommt... Es geht darum,  dem Leben eine Chance zu geben.

Amen.

 

 

 

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1. Advent, 27. November 2011, Offb 5, 1-5

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

   der Predigttext für den heutigen 1. Advent steht im Buch der Offenbarung des Johannes im 1. Kapitel

    • "Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, innen und außen beschrieben, versiegelt mit sieben Siegeln.
    • Und ich sah einen starken Engel, der rief mit lauter Stimme:
    • 'Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel aufzubrechen?'
    • Aber niemand, weder im Himmel noch auf der Erden noch unter der Erde, konnte das Buch aufmachen und hineinsehen.
    • Und ich weinte sehr, weil niemand gefunden wurde, der würdig war, das Buch aufzumachen und hineinzusehen.
    • Und einer von den Ältesten sagte zu mir:
    • „Weine nicht! Siehe der Löwe aus dem Stamme Juda, der Spross aus der Wurzel David, hat den Sieg errungen. Er ist würdig, das Buch und seine sieben Siegel aufzumachen. "Offb. 5, 1-5

 

Liebe Gemeinde,

am Mittwoch dieser Woche sind wir mit der Partnerschaftsreisegruppe aus dem sommerlichen Argentinien zurück gekommen. In Stade ist es mittlerweile Advent geworden. Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt lässt daran keinen Zweifel.So schnell geht es manchmal uns blieb kaum Zeit zur Umstellung.

Die letzten Wochen mit ihren nachdenklichen Feiertagen: Buß- und Bettag,

Volkstrauer, Ewigkeitssonntag hinterlassen aber doch auch ihre Spuren in unserem Leben.

Wo ist die Zeit dafür?

Weihnachten wirft seine Schatten, besser gesagt sein Licht voraus. Bis zum 1. Advent mag keiner mehr warten, endlich raus aus der depressiven Stimmung,

bei Glühwein und Kerzenzauber, lässt sich der Winter besser überstehen.

Das ist eine sehr oberflächliche Betrachtung, die der Angst vor dem Dunkeln entspringt, aber wenig Vertrauen in unseren Glauben zeigt.

Ein Buch mit sieben Siegeln ist uns unser Leben oftmals, und das ist schwer zu ertragen.

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, innen und außen beschrieben, versiegelt mit sieben Siegeln.

Das Buch unseres Lebens wird täglich geschrieben. Wer ein Tagebuch führt,

möchte etwas von dem was ihm wichtig erscheint festhalten. Wer seinen Tagesablauf in facebook postet, möchte, dass möglichst viele seiner Freunde daran teilhaben. Aber das ist ja noch nicht alles. Das Buch unseres Lebens wird auch ohne unser Zutun geschrieben. Unsere Lebensgeschichte ereignet sich

und füllt Seite um Seite. Wer führt da eigentlich die Feder? Sind wir eigentlich immer Herr unserer Entscheidungen? Warum tun wir dies und das und lassen anderes bleiben? Wir werden zu etwas gedrängt, anderes wollen wir gerne, aber es gelingt uns nicht. Und es geschehen Dinge, die unser Leben schwer machen.

Krankheit und Tod reißen Wunden und stellen Fragen. Stellen in Frage, lassen uns ohne Antworten, vergeblich suchen wir Sinn. So kommt es, dass das Buch unseres Lebens sich zwar fortwährend füllt, aber immer auch versiegelt erscheint, verschlossen.

Und ich sah einen starken Engel, der rief mit lauter Stimme:

'Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel aufzubrechen?'

Aber niemand, weder im Himmel noch auf der Erden noch unter der Erde, konnte das Buch aufmachen und hineinsehen.

Und ich weinte sehr, weil niemand gefunden wurde, der würdig war, das Buch aufzumachen und hineinzusehen.

Wer um sein Leben weint, spürt diese Verschlossenheit des Schicksals,

die Angst vor dem Alleinsein mit all dem was unsere Tage ausmachen.

Wir betrachten Fotos. Wir hören Musik, aber es ist als sähen wir nicht dahinter,

als hörten wir nicht in die Tiefe der Musik, die nur die Gefühle der Oberfläche aufwühlt. Oftmals fliehen wir dann, legen das versiegelte Buch zur Seite, verbergen es und trösten uns – vielleicht zu schnell –mit den Lichtern eines Advents, der nur noch Vorwegnahme eines großen Festes ist –und nicht mehr Fastenzeit wie einst in der wir fragen könnten, wer kommt da eigentlich im Advent?, Denn nichts anderes bedeutet dieses Wort ja als Ankunft

Ankunft von jemandem der würdig ist und kompetent mit uns das versiegelte Buch unseres Lebens zu öffnen und die Seiten anzusehen.

Und einer von den Ältesten sagte zu mir:

„Weine nicht! Siehe der Löwe aus dem Stamme Juda, der Spross aus der Wurzel David, hat den Sieg errungen.

Er ist würdig, das Buch und seine sieben Siegel aufzumachen.

Ich denke, um wirklich in vier Wochen getrost Weihnachten feiern zu können,

um wirklich diesen Advent zu erleben, kommen wir da nicht herum, um den Versuch, die sieben Siegel unseres Lebensbuches vorsichtig zu öffnen, und hinzusehen, was dort geschrieben steht Seite um Seite. Anderenfalls schleppen wir es immer mit uns herum, dieses immer schwerer werdende Buch unserer Lebensgeschichte. Der Bibeltext nennt den Löwe aus dem Stamme Juda,  den Spross aus der Wurzel David und wir wissen wer damit gemeint ist:

Gott in seinem Sohn kommt zu uns. Die Liebe Gottes, Mensch geworden.

Nirgends ist dies schöner dargestellt, einfacher, herzlicher und glaubensvoller,

als in all den Krippen, die wir in unserer Kirche ausgestellt haben. KINDERKRIPPEN sind es in diesem Jahr. Und es ist sicher nicht zufällig,

dass Kinder in den vertrauten Gestalten, so viel von dem ausdrücken, was unser Leben ausmacht: Das Glück der Familie, des vertrauten Kreises, der Sicherheit gibt und Geborgenheit.

 

Hirten mit ihren Tieren, Fürsorge und Staunen zeigen sie.

 

Könige, die Geschenke bringen, und auf das eine große Geschenk hinweisen,

das Gott uns macht, seine Liebe, seinen Sohn im Kind der Krippe, von dem der Friede ausgeht, der unser Leben tragen kann. In ihm hat Gott den Sieg errungen über alle Finsternis dieser Welt über alles Dunkel, das wir unter sieben Siegeln verbergen wollen. Deshalb hält dieses Kind den Schlüssel in der Hand, mit dem unser Leben sich erschließen kann, durch die wir Zugang bekommen können zu den Rätseln, die uns oft schwer werden. Und so wird es dann Advent bei uns,

wenn wir uns hinsetzen und jenes Buch zur Hand nehmen - innen und außen beschrieben, versiegelt mit sieben Siegeln. Zunächst ist noch alles dunkel,

heute zünden wir die erste Kerze an und ein wenig Licht fällt auf die Seiten.

Ich spüre wie die Siegel sich langsam öffnen, wenn wir die Liebe Gottes auf sie scheinen lassen. Zeit braucht es dazu und das Vertrauen, dass nichts so schwer sein kann, als dass es nicht von Gott getragen werden könnte. Dieses Vertrauen ist unser Glaube und er erlaubt uns im Buch unseres Lebens zu blättern und anzuschauen, was da verzeichnet steht. Beim Betrachten der Kinderkrippen dürfen wir selbst wieder zum Kind werden, d.h. zu jenem Menschen, der wir einst waren, oder eigentlich immer noch im Innersten sind. Jener Mensch

unsere Seele-  nun kommt sie zur Sprache, nun mischt sie sich in die Erinnerungen und es will mir scheinen, dass ein ganz besonderes Licht von ihr ausgeht, ein Abglanz von dem Kind in der Krippe und manches erscheint uns auf einmal in einem anderen Licht. Wir dürfen unsere Lebensgeschichte im Licht der Liebe Gottes betrachten. Und je länger wir sie betrachten, des so heller wird es eine Kerze heute und dann werden es immer mehr, bis wir bereit sind,

wirklich bereit und befreit zu Feier des großen Festes der vielen Lichter. Wie sehen unsere Lebensgeschichten aus im Licht der Liebe Gottes? Ich denke, das Wichtigste ist, dass wir selbst liebevoll umgehen können, mit dem, was wir da sehen. Liebevoll und ehrlich. Wir brauchen uns nicht zu verteidigen. Wir können zugeben, klar sehen und sagen, was war und ist. Fehler werden eingestanden. Irrtümer ausgesprochen, Manches Leid wird noch einmal erlebt,

der Schmerz gespürt... Aber Verzweiflung und Scham verschwinden, die Liebe und Klarheit Gottes lässt und sehen und annehmen:  ja das war unser Leben.

Wir betrachten die Seiten unseres Lebensbuches und brauchen die Augen nicht zu verschließen. Wir machen die Erfahrung, angenommen zu werden, mit dem, was wir sind geworden sind, waren und nicht mehr sein können. Wir betrachten dies alles mit der Empfindung Gott sieht es auch und kennt uns und hält uns,

nimmt uns mit all dem in den Arm, tröstet und erträgt uns. Im Licht der Adventskerze, vor der Krippe, dem Symbol der menschgewordenen Liebe Gottes, ist es uns möglich, uns selbst anzunehmen uns zu ertragen und uns zu vergeben, weil Gott uns vergibt. Wenn wir dies spüren: Annahme und Vergebung, bekommen wir wieder Kontakt zu dem Menschen, der wir einst waren, dem Kind unserer Seele, die wir so oft verbergen zu müssen glauben.

Im Licht der Adventskerze, vor der Krippe, dem Symbol der Menschgewordenen Liebe Gottes, ist es uns möglich einen neuen Anfang zu wagen. Nun bedeutet das Buch unseres Lebens keine Last mehr, sondern wird zum Grundstein eines neuen Lebens eines neuen Anfangs. Da kommt etwas auf uns zu, das neu ist und dennoch irgendwie vertraut. Wir sind es, die uns wiederentdecken, befreit von so vielem, das uns erdrückte.

Und ich weinte sehr, weil niemand gefunden wurde, der würdig war, das Buch aufzumachen und hineinzusehen.

Und einer von den Ältesten sagte zu mir:

„Weine nicht! Siehe der Löwe aus dem Stamme Juda, der Sproß aus der Wurzel David, hat den Sieg errungen. Er ist würdig, das Buch und seine sieben Siegel aufzumachen.

Aus den Tränen der Verzweiflung werden Tränen der Freude, Tränen der Erleichterung, Tränen des Glücks über das Wiederentdecken und das nach Hausekommen Tränen über das Einswerden mit uns selbst.

 

Wir spüren, wie wir mit hineingehören in jedes dieser Krippenbilder, die wir in diesen Tagen und Wochen betrachten. Wir gehören mit hinein in die Gruppe der Menschen, die über die Menschwerdung Gottes Staunen, und sich verwundern

und fröhlich werden. Denn Gott ist bei uns, wir werden auch eins mit seiner Liebe. Sie ergreift uns und heilt uns, erbricht die Siegel unserer Seele und lässt uns erleichtert und befreit neu am Leben teil haben. Nun kann es bei uns Advent werden. Nun können wir Gottes Geschenk empfangen, einen neuen Menschen,

der zu sein, Er uns schenkt. Und alle die dabei stehen, die Familie, Hirten und Könige, freuen sich mit uns und spüren das Wunder Gottes,

an uns

und an sich selbst,

denn alle sind eingeladen

sich in Gottes Liebe

wiederzufinden.

 

Amen

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4. Advent, 18. Dezember 2011, 2 Kor 1, 18-22

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

 

Liebe Gemeinde,

liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, die ihr in diesem Gottesdienst besonders begrüßt werden sollt, ich könnte mir vorstellen, dass ihr klare Worte hören wollt,  wenn ihr eure Eltern, Paten, Familienangehörige, Freunde und dann später im Unterricht, nach Dingen des Glaubens befragt.

   „Wenn ich schon in den Konfirmandenunterricht gehe, dann will ich es auch genau wissen. Was ist dran am Christlichen Glauben, der ja auch mein Glaube ist und durch die Konfirmation ja noch viel mehr werden soll?“

Klare Worte sind gefragt: Ja oder nein, wie ist es mit Gott und Jesus und der Bibel...?  Ähnlichen Erwartungen sah sich der Apostel Paulus in der Gemeinde in Korinth aus gesetzt. Viel war da über das Gemeindeleben diskutiert worden, - über die rechte Art Christ zu sein. Viele hatten sich eingemischt, aber nicht immer war ihr Wort im Glauben an Jesus Christus gründet. Oft waren es andere, eigene Interessen, die da als christliche Botschaft verkleidet zur Sprache kamen.

   Die Gemeinde ist verunsichert und Paulus greift zur Feder und schreibt den Korinthern einen Brief, aus dem unser heutiger Predigttext stammt:

Gott ist mein Zeuge,

dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist,

der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja;

darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

2.Kor 1,18-21

Klare Worte sind gefragt: Ja oder nein, wie ist es mit Gott und Jesus und der Bibel...?  Wenn ich jetzt sage,  das hängt von der Jahreszeit ab, werdet ihr lachen und das ist natürlich auch Quatsch.

Richtig ist,

dass in der Kirche das ganze Jahr über bestimmte Themen in den Vordergrund gestellt werden.

 

Am Ende des Winters, Anfang des Frühlings:

     die Leidenszeit und Karfreitag die  Kreuzigung Jesu,

Ostern: die Auferstehung,

Pfingsten: der Heilige Geist

und in der Zeit nach den Sommerferien

  geht es im Besonderen um die Kirche

   und ihre verschiedenen Aufgaben und Probleme.

 

   Jetzt in der Adventszeit bereiten wir uns auf Weihnachten vor

und Weihnachten,

 ja da geht es um die Geburt Jesu.

Diese Geschichte kennen die meisten von euch.

 Da geht es um

  Maria und Josef,

  die Heiligen Drei Könige,

  die Hirten,

  die Engel

  und das Christkind in der Krippe.

 

   Wer eine Erinnerung braucht:

 hier vorne in unserer Kirche sind lauter Krippenszenen aufgebaut,

         Darstellungen dieser Geschichte.

Wenn ihr nach Dingen des Glaubens fragt, werdet ihr häufig auf Geschichten stoßen. Die Bibel ist ein Buch voller Geschichten  und manche Erwachsene können euch noch einige davon erzählen.Nun werdet ihr vielleicht sagen: „Geschichte, Geschichten da kann man ja viel erzählen uns geht es doch gerade um klare Antworten, sagt der Apostel Paulus doch auch so schön, haben Sie gerade vorgelesen:

Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.

Also Gott sagt „ja“ zu uns. Aber mal ehrlich, versteht das wer? Ziemlich abstrakt das Ganze,und unser Glaube soll ja nicht im Allgemeinen bleiben, sondern soll Antworten finden auf unsere, auch auf eure Lebensfragen.Dazu braucht es Geschichten.  Eure Geschichten und die Geschichten der Bibel.

   Wer sich mit dem Glauben an Hand der Bibel beschäftigen will, wer Antworten sucht   oder  gar Rat und Trost, der oder die muss zunächst einmal die eigene Geschichte erzählen können. Und dann die Geschichten der Bibel hören  und auf einmal passiert es, dass die Geschichten in einander verwoben werden und man spürt, da ist nicht nur von Abraham und Mose die Rede, von Jesus und den Jüngern, sondern auch von mir. Ich komme in den Geschichten vor. Und was Jesus da dem oder der sagt, so wie er mit jemanden umgeht, so könnte er auch zu mir sprechen. Und dann kann ich ganz gespannt zuhören.

Gott spricht zu mir.

   Mit der Weihnachtsgeschichte ist das ganz vielen Menschen so gegangen.

Sie fanden sich in ihr wieder. Identifizierten sich mit den verschiedenen Figuren dieser Geschichte, hörten die Botschaft der Engel an sich selbst gerichtet.

   Deshalb ist die Weihnachtsgeschichte wohl auch die meist dargestellte Geschichte der Bibel. Auf Bildern, in Holz geschnitzt oder aus Stein gehauen, aber dann eben auch als ganze  Krippenszene dargestellt. Hier vorne könnt ihr eine Menge bewundern. Wir sprechen kurz von einer Krippenausstellung.

 Krippe meint dann vielmehr als nur den Fresstrog der Tiere mit einem Jesuskind darin.

Und nun beginnt die spannende Geschichte eines Konfirmanden und seines Engels:

Letzte Woche war es. Drei Freunde kamen die Hökerstrasse runter und sahen das große Banner an der Cosmaekirche, das auf die Krippenausstellung hinweist.

„Ey lass mal reingehen, Krippen und so“, sagte einer,

„Keinen Bock, ey,“ sagte ein anderer

„Ich geh mal hin“, sagte der dritte,

 „muss eh gleich nach Hause, man sieht sich.“

   Mit diesen Worten verabschiedet er sich von seinen Freunden und biegt zur Kirche ab. Eigentlich war ihm nur kalt und er merkte wie ein Schnupfen ihm in die Glieder kroch und außerdem brauchte er Ruhe. Zuhause hatte es Ärger gegeben wegen der 5 in Mathe und überhaupt, seine Eltern schnallten gar nichts.

Lars,  so will ich den Jungen mal nennen um seinen wahren Namen nicht preiszugeben, trat in die Cosmaekirche durch jene Tür dort und begann die verschiedenen Krippen zu betrachten. Irgendwie fühlte Lars sich wohl in der Kirche, alles so ruhig und friedlich. Bastelbögen und Kinderbücher, - na ja, aus dem Alter war er nun raus, aber er erinnerte sich: vor ein paar Jahren hatten er und seine Schwester auch mit sowas gespielt. War eigentlich gar nicht so schlecht, besonders wenn Mutter und Vater mitmachten. Im Advent kam das schon mal vor, dann saßen alle vier am Esstisch und man konnte richtig gut miteinander sprechen. Lars Blick fällt auf eine alte Holzkrippe. Mutter und Vater, da stehen Josef und Maria und vor ihnen auf einem Bündel Stroh liegt das Baby, Jesus. Auch von Lars gibt es Fotos als Baby. Natürlich lag er niemals auf der Erde, sondern in einem Kinderbett, aber seine Eltern müssen wohl ähnlich geguckt haben, so versonnen,  irgendwie himmlisch...

„Peinlich“, denkt Lars,  aber seine Eltern lieben diese alten Fotos und seine Mutter nimmt ihn dann schon mal in den Arm und sagt: „Mein Baby“, zu ihm, was ja auch peinlich ist, aber auch irgendwie schön, zumindest für einen kleinen Augenblick.

„Man müsste noch mal klein sein“, denkt Lars.

„Heute sind meine Eltern eher ätzend, fragen nach Schule und Noten, kürzen das Taschengeld und haben null Verständnis für Playstation und PC-Spiele.“

   Naja, wenn man es recht betrachtet, der Josef ist ja auch schon ganz schön alt und sorgenvoll blickt er auf das Kind und seine junge Frau. Eltern scheinen immer Sorgen zu haben und sehen den Ernst im Leben. Väter ganz besonders, haben ja auch nie Zeit. Lars geht ein paar Schritte weiter: mehr Josefs, mehr Marias, die Szene wiederholt sich. Dann kommt Besuch: die Hirten. Auch sie scheinen das Kind zu bestaunen. „Ziemlich unrealistisch“, denkt Lars, wann kümmert sich Besuch schon mal um ein Kind. Selbst mein Patenonkel Berndt sitzt ziemlich bald mit Vater beim Bier und sie lachen über ihre Witze oder reden über Themen, die nur sie interessieren. Wenn Mutters Freundinnen kommen, fragt sie ob ich nicht spielen gehen wollte: Auf einmal!  Muss man wirklich ein Baby sein, damit Erwachsene Gefallen an einem finden. Obwohl, diese Hirten sind irgendwie anders.“ Lars fragt sich, ob er mit ihnen über seine Schwierigkeiten in Mathe reden könnte. Sie sehen jedenfalls nicht so aus,  als ob ihnen an Schulnoten gelegen wäre.  Andererseits würden sie wahrscheinlich gar nicht zu Hause als Besuch rein gelassen werden, Markenklamotten tragen sie ja gerade nicht und Mutter schimpft schon,  wenn seine Freunde dreckige Schuhe haben. Dann sind da noch diese Drei mit den vornehmen Gewändern: Könige aus dem Morgenland, sie bringen Geschenke. Lars muss an die Konfirmation seiner Schwester denke. Da kamen alle Verwandten, festlich zurechtgemacht, sogar Onkel Berndt im dunklen Anzug. Geschenke brachten alle. „Das steht mir ja dann auch bevor“,  Lars malt sich seine Konfirmation aus.

Da werde ich der Mittelpunkt sein, für ein paar Stunden zumindest – gar nicht so schlecht die Idee. Alles wäre meinetwegen, das Fest,  die Geschenke, die Gäste. Aber dann die vielen Fragen, so von oben: „Na, hast du denn schon eine Freundin?“ Und: „ Wie geht es in der Schule?“ Über wirklich wichtige Sachen würde man ja doch nicht reden. Aber was ist schon wirklich wichtig? Lars kommt ins Grübeln. Es müsste mal jemand fragen, wie es mir wirklich geht.

Also nicht nach Leistungen oder was Erwachsene so für wichtig halten. Fragen nach meinem Inneren, nach Freude und Angst. „Würde ich ja keinem erzählen, aber sie könnten mal fragen, oder vielleicht wäre es doch gut, mit jemandem mal sprechen zu können.“

   Lars lässt seinen Blick,  auf der Suche nach einem Gesprächspartner über andere Krippenszenen schweifen. Jede Menge Tiere gibt es da. Schafe und Esel, Ochsen und Reittiere. Leo kommt ihm in den Sinn. Leo ist bloß ein Hund aber, manchmal sagt Lars ihm Dinge, die kein anderer hören soll. Leo hört zu und guckt ganz treu dabei, aber er ist ja bloß ein Hund.

Und die vielen Engel neben und über den Krippen, komische Gestalten! Man weiß von ihnen, dass sie Gott loben und Halleluja singen. Damit kann Lars wenig anfangen, aber sie sind immer da, wo das Licht herkommt, das Licht, das auch aus der Krippe vom Christkind zu kommen scheint.

   „Engel kommen von Gott, sind seine Boten und Mitarbeiter“, denk Lars. „Aber alle ein bisschen aufgeregt, manche total übertrieben“.

Kritisch geht er die Reihen der Himmelsboten durch, bis sein Blick an einer kleinen sitzenden Gestalt hängen bleibt. „Ein Ausnahme-Engel“, denkt Lars.

   Mit langem weißem Kleid sitzt dieser Engel, die Arme auf den Knien gestützt, mit den Händen deckt er sein Gesicht zu, nachdenklich, jemand, der ihm irgendwie Vertrauen einflößt, sich seine eigenen Gedanken macht, nicht so abgehoben,  trotz seiner Flügel. „Den finde ich gut“, denkt Lars, den würde ich mal ansprechen, mich zu ihm setzen. Bestimmt hat er Zeit und freut sich wenn einer mit ihm redet. Das ist mein Engel, ein wenig ist er wie ich. Nur das er ein Engel ist, aber ein Engel als Freund das wäre nicht schlecht. Vielleicht könnte er mir erzählen, was Gott zu mir sagt.

   Also Gott sagt „ja“ zu uns, aber mal ehrlich, wer versteht das? Ziemlich strakt nze,

es müsste uns jemand erklären, jemand der etwas von Gott versteht und vom Leben. Unser Glaube soll ja nicht im Allgemeinen bleiben, sondern soll Antworten finden auf unsere Lebensfragen. Dazu braucht es Geschichten. Warum nicht eine Geschichte mit einem Engel, einem Ausnahme-Engel, jemand Nachdenkliches, der Vertrauen einflößt, sich seine eigenen Gedanken macht,

nicht so abgehoben, trotz seiner Flügel. Den nehme ich mal mit, sagt sich Lars, zieht sein Handy aus der Tasche und macht ein Foto, ein Foto von seinem Engel.

„Ich muss jetzt nach Hause, aber wir reden noch, mein Engel und ich...“

 

Soweit die Geschichte von Lars, einem Jungen aus Stade und seinem Ausnahmeengel. Die Geschichte von der Geburt Jesus im Stall von Bethlehem hat Lars mit hineingenommen  und er hat in der Geschichte einen Freund gefunden, einen Gesprächspartner. Wir dürfen gespannt sein auf die Unterhaltungen der beiden.

   Und ihr, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, aber auch wir alle, wenn wir uns auf die Geschichten der Bibel einlassen, dürfen gespannt sein auf solche Begegnungen. Es müssen ja nicht immer Engel sein,  ich bin sicher für jeden von uns gibt es in der Bibel eine Lieblingsgestalt mit der wir uns gut unterhalten können und die uns dann Antworten gibt Antworten des Glaubens auf wichtige Fragen unseres Lebens. Eine solche Gestalt der Bibel ist auch der Apostel Paulus, von ihm hörten wir schon:

Gott ist mein Zeuge,

dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus,

 der unter euch durch uns gepredigt worden ist,

der war nicht Ja und Nein,

 sondern es war Ja in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja;

  darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

2.Kor 1,18-21

 

Viel Spaß bei der Suche nach geeigneten Gesprächspartnern in der Bibel!

 

 Amen.

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Heiligabend, 24. Dezember 2011 “Der fremde Gast”

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,   Heiligabend – nun endlich ist es so weit. Wir können uns beschenken lassen:

Der Friede der Weihnacht kann unsere Herzen erfüllen. Wir beginnen das große Fest gemeinsam in der Kirche. Wir überzeugen uns: Auch andere sind da. Wir kommen zusammen wie damals in Bethlehem, die Menschen zusammenkamen       um das Wunder der Gottesnacht zu erleben: Wir sind uns nah, gemeinsam erleben wir Gottes wohltuendes Geschenk: die Heilige Nacht, in der das Heil zur Welt kam. Hier in der Kirche bekommen wir dieses Geschenk: Wir erfahren von dem Heil, das Gott für uns alle bereitet hat. Und wenn es uns gelingt, dieses Geschenk mit nach Hause zu nehmen und dann gemeinsam

mit den anderen Geschenken unserer Lieben auszuwickeln, es für uns anzunehmen, dann werden wir staunen über das, was Gott uns, einem jedem persönlich,  mit dem Kind in der Krippe in dieser Nacht schenken will und wie er uns mit diesem Geschenk verwandeln will.

   Am Heiligabend kommen wir uns nah, und in vielen Wohnzimmern bilden sich die bekannten Bilder um die Weihnachtskrippe, jeder hat seinen Platz,  seine Rolle, die Aufgaben sind verteilt, Vater und Mutter,  die Kinder, Tante und Onkel, die Großeltern. Und wo heute Abend ein Mensch fehlt, da spüren wir schmerzhaft und traurig eine Lücke, die manche liebevolle Erinnerung zu schließen vermag,  denn wir dürfen glauben, dass bei Gott niemand fehlt, auch die, die scheinbar von uns gegangen sind, bei Gott wurden sie verwandelt,

in einer neuen Form sind sie bei IHM geborgen. Und wenn die Weihnachtslieder gesungen alle Geschenke verteilt sind, dann entsteht oft ein Moment der Stille, des Innehaltens, des Friedens; die nächsten Schritte im vertrauten Ablauf des Heiligabend sind geplant, aber es ist als, zögerten wir einen Augenblick, als spürten wir, da wartet noch ein Geschenk auf uns, da gibt es noch etwas zu entdecken, zu empfangen, das keines Menschen Hand unter den Weihnachtsbaum gelegt hat.

In diesem Moment empfangen wir das Geschenk Gottes an uns.

   Ich erinnere mich: Erst hatte ich ihn gar nicht bemerkt,  jenen Menschen,     der  fremd erschien  und anscheinend nicht in die Gruppe der vertrauten Personen passte. Ein stiller Gast an jenem Heiligenabend, bescheidend stand er am Rande des festlich geschmückten Weihnachtszimmers  und beobachte das fröhliche Treiben. Die Geschenke waren verteilt, wir alle hatten das uns Zugedachte unter Danksagungen empfangen, betrachteten es wohlwollend,

man hatte an uns gedacht, später, in Ruhe, würde es da noch viel zu bestaunen und anzusehen geben. Nun war Zeit sich umzuschauen. Auch die anderen waren reich beschenkt worden: „Na, zeig mal, was Du hast, schau mal was ich bekommen habe – ist ja toll! Frohe Weihnachten.“

   Das Weihnachtsglöckchen erklang,  die Türen zum Esszimmer wurden geöffnet, der liebevoll gedeckte Tisch lud zum Heiligabendessen ein: „Oh sieht das gut aus, und wie das duftet,...“.  Alle Welt zog ins Esszimmer, zurück blieben die Geschenke, viel buntes Papier  und gleichsam allein unter dem Tannenbaum der Gast, niemand schien ihn bemerkt zu haben und mir kam er auf einmal gar nicht mehr fremd vor. Er war mir auf angenehme Weise vertraut, so vertraut, dass ich erst nach einer Weile bemerkte,  dass er meine Gesichtszüge trug. Ja, irgendwie sah dieser Mensch aus wie ich  und dennoch nicht ganz.

   Er war irgendwie, gelöster, nicht unbedingt jünger, aber offener. Ich kenne doch mein Gesicht aus dem Spiegel und von Fotos, die mir in der letzten Zeit immer weniger gefielen. Angespannt, genervt, verbittert ,so erschien ich dort, selbst noch das Lachen künstlich und bemüht und dieser Mann dort unter dem Weihnachtsbaum,  sah aus wie ich, nur eben verwandelt, ruhig, entspannt,  aufrecht, entlastet,  überhaupt nicht angestrengt. Sehr sicher stand er da und lächelte mir entgegen.

„Du hast da noch ein Geschenk bekommen“,

   er sagte dies noch bevor ich meiner Verwunderung Worte hatte geben können.

„Dieses Geschenk hat sehr viel mit Weihnachten zu tun und mit dem ersten aller Geschenke“, mit einer leichten Geste wies mein Gast auf die kleine Krippenlandschaft aus altem Olivenholz, die wir Jahr für Jahr unter dem Weihnachtsbaum aufbauen. „Das Kind in der Krippe?“, fragte ich. Er nickte.

„So haben wir selbst es gepredigt. Erinnerst du dich?“

Ich stutzte ein wenig über das „wir haben gepredigt“, aber dieser Mann war mir auf eine so sonderbare Weise vertraut, dass ich bereit war, diese Grenzüberschreitung zu akzeptieren.

   Ja, so hatte ich im Advent von der Kanzel gesprochen: „Beim Betrachten der Kinderkrippen unserer Krippenausstellung dürfen wir selbst wieder zum Kind werden, d.h. wir werden verwandelt, werden zu jenem Menschen, der wir einst waren, oder eigentlich immer noch im Innersten sind.“

   Und leise,  wie zu mir selbst sprach ich weiter:„Jener Mensch – unsere Seele- kommt heute zur Sprache, in den vertrauten Bildern des Weihnachtsabend und manches erscheint uns auf einmal in einem anderen Licht. Ich spüre, zu Weihnachten dürfen wir uns, unsere Lebensgeschichte anders ansehen, im Licht der Liebe Gottes dürfen wir sie betrachten. Und je länger wir sie beobachten, des so heller wird es. Ich denke, das Wichtigste ist, dass wir einmal selbst liebevoll umgehen können, mit dem, was wir da sehen. Liebevoll und ehrlich.

Wir brauchen uns nicht zu verteidigen. Wir können zugeben, klar sehen und sagen, was war und ist. Fehler werden eingestanden. Irrtümer ausgesprochen, Manches Leid wird noch einmal erlebt, der Schmerz gespürt...   Aber Verzweiflung und Scham verschwinden, die Liebe und Klarheit Gottes, die im Kind in der Krippe zur Welt gekommen ist,  verwandelt uns, lässt uns sehen und annehmen: ja das ist mein Leben. Wir machen die Erfahrung,  angenommen zu werden, mit dem, was wir sind, geworden sind, waren  und nicht mehr sein können. Wir betrachten unser Leben und alles mit der Empfindung Gott sieht es auch

 und kennt uns

 und hält uns,

nimmt uns mit all dem in den Arm,

 tröstet

 und erträgt uns.

   Im Licht der Weihnacht, vor der Krippe, dem Symbol der menschgewordenen Liebe Gottes, ist es uns möglich, uns selbst anzunehmen,  uns zu ertragen und uns zu vergeben, weil Gott uns vergibt. Wenn wir dies spüren: Annahme und Vergebung, beginnt eine Verwandlung in uns. bekommen wir wieder Kontakt zu dem Menschen, der wir einst waren, dem Kind - unserer Seele -, die wir so oft verbergen zu müssen glauben. Im Licht des Weihnachtszimmers, am Heiligabend, vor der Krippe, ist es uns möglich einen neuen Anfang zu wagen.“

   Die letzten Worte hatten wir gemeinsam gesprochen, der fremde, vertraute Gast, der mir so bekannt war, so wie ich war und doch viel freier, authentischer, glücklicher und ich. Eigentlich war es gar nicht mehr nötig, aber er sagte es dennoch, was ich im Herzen spürte, weil es nicht anders sein konnte:

„Ja, ich bin du, ich bin deine Seele, dein innerer Mensch, ich bin du, so wie Gott dich vor Augen hatte, als er dich schuf, ich bin die Form, die Gott dir gab und die du ausfüllen darfst, dein Wesen, von dem du bis jetzt immer nur ganz wenig wahrgemacht hast. Aber Gott traut dir mehr zu, hat dich mit viel mehr Möglichkeiten beschenkt, als du wahrmachst in deinem Alltag, der so oft bestimmt wird von automatischen Abläufen, in denen du deine Rollen spielst,      die du recht und schlecht lernen musstest.

   Der Heiligabend ist eine Zeit, in der das Beste des Menschen zum Vorschein kommen will, da finden wir unter den vielen kleinen Geschenken, das eine große Geschenk Gottes. Das ist die Begegnung mit ihm, mit seinem Sohn in der Krippe. Und mit diesem Kind schenkt er uns auch den Kontakt mit dem Kind,  das wir einst waren d.h. mit jenem Menschen, der wir sein könnten, oder eigentlich immer noch im Innersten sind. Gott schenkt Kontakt zu jenem Menschen – unserer Seele-  die unzerstörbar bei IHM für uns aufgehoben ist.

   Heute dürfen wir mit ihr eins werden, identisch mit uns selbst, so wie Gott uns geschaffen hat. Das ist das Wunder der Weihnacht, das sich in unser aller Herzen ereignen will, wenn wir uns diesen Moment am Heiligen Abend seinem Geschenk zu wenden und es für uns öffnen. Wenn wir uns IHM öffnen, der als Kind in der Krippe zu uns kommt; auch als fremder Gast in unser Leben tritt, als Bild unser selbst, als Ahnung unserer Seele, nicht nur heute sondern immer, wenn wir uns der Heiligkeit eines solchen Momentes bewusst werden.

   Heute, am Heiligabend, hier in der Kirche und später dann in den Weihnachtszimmern, wird es uns besonders leicht uns schön gemacht. Alles lädt uns ein, Gottes Geschenk an uns in Empfang zu nehmen,  uns verwandeln zu lassen. Im Alltag stehen wir uns oft selbst im Wege und all die Nichtigkeiten, die unser Leben bestimmen, aber heute im Zauber der Heiligen Nacht, da spüren wir seine Nähe. Gott kommt zu uns und bringt uns Freude, Gelöstheit und das Glück, über das Heil, das er uns allen bereitet hat.

Eine gesegnete Weihnacht.

 

Amen.

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